Montagabend begeisterte die britische Indie-Institution Metronomy rund 1500 Besucher im Wiener Gasometer. Band und Publikum bemühten sich nach Kräften, doch zwei Jahre Pandemie hinterlassen auf allen Seiten ihre Spuren. Der Weg des Konzerts war hölzern, aber mit Fortdauer des Abends wurden Schwächen in der B-Note zunehmend ausgemerzt.
Man muss an diesen Tagen mit der allumfassenden Euphorie schon ein bisschen haushalten. Ja, natürlich ist es schön, dass man wieder stehend im Wiener Gasometer feiern kann. Die Sicherheitsvariante mit Maske ist angesichts der steigenden Coronazahlen ohne vernünftige Regierungskommunikation, geschweige den Plan ebenjener auch keine schlechte Variante, aber um so richtig in den Groove zurückzukommen, müssen beide anwesenden Parteien noch ein bisschen üben. Im Falle des gestrigen Auftritts der britischen 2010er-Jahre Indie-Darlings Metronomy heißt das, ein bisschen weniger hölzern und ungezwungener zu agieren. Im Falle der etwa 1500 anwesenden Fans heißt das, Freude und Jubel über das zunehmende Pop-Comeback ruhig etwas enthusiastischer darzubieten. Keine einfache Sache in Zeiten wie diesen, aber gemeinsam kann es uns gelingen.
Probleme wie früher
Metronomy haben schon gut zwei Wochen Europatour in den Knochen, wie uns Frontmann und Kompositeur Joseph Mount am Nachmittag im „Krone“-Interview erzählt. Keine Covid-Fälle, aber die üblichen Tour-Wehwehchen, für die Künstler nach zwei Jahren Abstinenz wohl töten würden. Zu kühle Klimaanlagen, schlechter Schlaf im Tourbus, eine angeschlagene Stimme. Zudem schwingt beim 39-Jährigen eine etwas überraschende Lethargie mit. „Wir sind froh, wenn die Menschen froh sind, uns zu sehen. Wir sind alle zwei Jahre älter geworden und die Erwartungen werden allgemein niedriger. Wir kommen nicht mehr auf Magazincover und die Musikpresse gewährt uns keine großen Features mehr. Das ist okay und wir glauben an unsere Musik und unsere Qualitäten, aber der neue heiße Scheiß sind wir nicht mehr.“
Das hat das Quintett auch nicht nötig, denn das vor etwa einem Monat veröffentlichte Album „Small World“, inhaltlich wie auch musikalisch ein klar erkennbares Kind der Pandemie, überzeugt mit kompositorischer Reduktion. War der Vorgänger „Metronomy Forever“ noch ein muskelzuckendes Statement all der vielen Stile und Fähigkeiten in Überlänge, gehen Mount und Co. neuerdings mit Singer/Songwriter-Preziosen und kaum erkennbaren Synthies in einer guten halben Stunde über die Ziellinie. „Die Musik sollte eindeutiger und fokussierter werden“, erklärt Mount, „ich habe mich auf das Wesentliche konzentriert.“ Auf der Bühne zeigt sich der Chef mit väterlichem Anstandsbäuchlein und grau melierter Waldschrat-Frisur. Die Leinwände erleuchten das akustische Treiben während des Gigs in unterschiedlichen Farben, auf eine dezidierte Ukraine-Botschaft wie etwa Caribou vor wenigen Tagen verzichtet man bewusst. Ebenso auf Ansagen zum Thema, was Mount als ambivalent betrachtet.
Kein politischer Abend
„Ich habe mich auf der Tour noch nicht zum Krieg artikuliert und auf Social Media auch nichts dazu gepostet. Ich finde ihn abscheulich, schlimm und grauenhaft, aber ich bin in erster Linie Musiker und Entertainer und will den Menschen einen Raum bieten, in dem sie abschalten und auf andere Gedanken kommen können. Das bedeutet keinesfalls, dass mir das Thema nicht nahegeht und mich sorgt, aber ich glaube nicht, dass die Menschen Eintritt dafür bezahlen, um meine politische Meinung zu hören.“ Das musikalische Potpourri auf der Bühne ist bunt und reicht bis tief in die frühen Tage zurück. Gerade zu Beginn gibt’s noch einige Hänger zu verzeichnen. Etwa der unsaubere Übergang von „Corinne“ auf „Reservoir“ oder diverse instrumentale Ungenauigkeiten zwischen Synthie und Gitarre. Das machen Mount und Bassist Olugbenga Adelekan mit viel Charme wieder wett.
Vor allem die neuen Songs fügen sich überraschend gut in die Setlist ein und werden im Direktvergleich zum Album bombastischer gestaltet. „It’s Good To Be Back“ ist der Feelgood-Track des Abends und „Things Will Be Fine“ dient als immerwährendes Mantra in prekären und furchtbaren Zeiten. Dazwischen bleibt auch Platz für Klassiker. Das kasperlhafte „Salted Caramel Ice Cream“ zeugt vom etwas zu sehr ausstaffierten Selbstvertrauen der „Metronomy Forever“-Ära, doch mit dem wohl größten Bandhit „The Look“ findet man schnell wieder in die Spur. Dazwischen mäandert man geschickt zwischen Nirvana und Dead Disco, während Mount von den tollen Dingen schwärmt, die er in Wien gesehen hat. „Deichmann“ und „Intersport“ in allen Ehren, aber ein bisschen mehr als eine kleine Simmering-Runde hätte die Zwei-Millionen-Einwohner-Metropole dann doch zu bieten. Gut gemeint ist halt nicht automatisch gut gebrüllt.
Das richtige Altern
Mit Fortdauer des Abends bekommt die Show wesentlich mehr Feuer und Drive. Die hölzernen Unzulänglichkeiten des ersten Drittels werden bei Songs wie „Insecurity“ oder „Love Letters“ vergessen. Das abschließende „You Could Easily Have Me“ geht zurück zum Debütalbum, als der ganze Hype um Indie-Charts und „Mercury Prize“-Nominierung noch weit entfernt war. Das hört man dem gitarrenschrammeligen und fast schon grungigen Track auch an. Mutig, ihn bei dieser Diskografie als Rausschmeißer zu verwenden. An hohe Chartplatzierungen und Indie-Coolness denkt der zweifache Familienvater und Landbewohner Mount längst nicht mehr. Heute verfolgt er andere Ziele. Etwa ein Instrumentalalbum zu kreieren und als Künstler so würdevoll zu reifen wie seine Idole Nick Cave, Leonard Cohen oder Kate Bush. Nächster Schritt: am 19. Juli beim „Poolbar Festival“ im vorarlbergerischen Feldkirch. Hoffentlich mit besseren Sehenswürdigkeiten.
Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.
Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.
Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.