Josef Moosbrugger:

„In dieser Dimension kann man nicht weitermachen“

Vorarlberg
07.02.2022 06:25

Josef Moosbrugger, Präsident der Landwirtschaftskammer, spricht über den viel zu hohen Bodenverbrauch und warum die Eigenversorgung mit Lebensmitteln ein staatspolitisches Ziel sein sollte.

Im Rechtsausschuss des Landes wurde 2018 das Bodenschutzgesetz beschlossen. 2019 gab es eine Forderung nach einem Moratorium gegen Bodenverbrauch, unterstützt auch von der Landwirtschaftskammer. Wie sieht heute aus?

Moosbrugger: Unverändert. Der Bodenverbrauch ist nach wie vor zu hoch. Pro Tag werden österreichweit zehn bis zwölf Hektar für Wohnen oder Verkehrszwecke verbaut. Die Landwirtschaft verliert jedes Jahr an Produktionsfläche. Wenn die Entwicklung so weiter geht, dann gibt es in ein bis zwei Generationen keine fruchtbaren Böden mehr. Boden ist eine nicht erneuerbare Ressource und spielt auch für das Klima und den Wasserhaushalt eine wichtige Rolle. Einmal zubetoniert, ist diese Ressource verbraucht - ein Fakt, dem viel zu wenig Beachtung geschenkt wird.

Die Thematik ist nicht unbekannt und wird sowohl von der Landwirtschaftskammer als auch von verschiedenen Naturschutzorganisationen immer wieder aufgegriffen. Woran liegt es, dass trotzdem so wenig geschieht?

Moosbrugger: Es scheint, dass in der Interessensabwägung Infrastrukturprojekte und ähnliches nach wie vor mehr Gewicht haben als die regionale Lebensmittelproduktion. Dabei ist das eine der zentralsten Zukunftsvorsorgen, die wir tätigen können. Gerade während der Corona-Krise zeigte sich deutlich, wie anfällig Lieferketten mitunter sein können und dass es nicht selbstverständlich ist, dass die Regale im Supermarkt jeden Tag gefüllt sind. Dennoch wird der regionalen Lebensmittelproduktion nicht der nötige Stellenwert beigemessen. Daher ist das Unverständnis in der Landwirtschaft groß.

Verkaufen nicht auch zahlreiche Landwirte ihre Böden?

Moosbrugger: Es gibt natürliche welche, die ihre Böden verkaufen. Was allerdings bedacht werden muss ist, dass rund zwei Drittel des bewirtschafteten Grunds hierzulande nicht den Landwirten gehören. Sie sind lediglich Pächter. Durch die Erbteilung, wie sie bis Anfang der 1990er-Jahre üblich war, kamen viele Flächen in nicht bäuerliche Hand. Für den Verpächter stehen oft andere Interessen im Vordergrund als die landwirtschaftliche Bewirtschaftung. Das macht die Situation komplexer.

In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Zusagen vonseiten der Politik, die Dinge zu verändern. Viel Konkretes ist aber nicht geschehen.

Moosbrugger: Beim Thema Boden treffen natürlich viele verschiedene Interessen aufeinander. Mir ist bewusst, dass es nicht einfach ist, dabei auf einen Nenner zu kommen. Aber ich erachte es als eine politische Notwendigkeit, die Ressource Boden für die kommenden Generationen zu erhalten und deren Verbrauch massiv zu reduzieren. Daher bin ich froh, dass es gelungen ist, im Rahmen der österreichischen Raumordnungskonferenz (ÖROK) zu vereinbaren, dass nun konkrete Ziele festgelegt werden, die es in den kommenden Jahren zu erreichen gilt.

Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass hier nun Taten folgen?

Moosbrugger: Ich bin grundsätzlich ein positiv denkender Mensch. Ich glaube, dass die Politik diesem Auftrag in Eigenverpflichtung nachkommt, wenn auch Bund, Länder, Gemeinden und Städte miteinander Ziele vereinbaren und gesetzlich verankern. Dass dies nicht von heute auf morgen passiert, ist mir durchaus bewusst. Ich denke, dass mittlerweile schon klar sein sollte, dass mit dem Bodenverbrauch nicht in dieser Dimension weitergemacht werden kann.

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Ich denke, dass mittlerweile schon klar sein sollte, dass mit dem Bodenverbrauch nicht in dieser Dimension weitergemacht werden kann.

Josef Moosbrugger

Was ist der wichtigste Schritt, der nun gesetzt werden muss?

Moosbrugger: Die Politik muss sich selbst klare Vorgaben machen. Der zentrale Punkt ist, dass Grünflächen einen höheren Schutzstatus und eine andere Verankerung in der Zukunftsvorsorge benötigen. Und auf den Flächen, die zur Bebauung zur Verfügung stehen, muss die Nutzungsdichte deutlich erhöht werden. Wenn man beispielsweise bedenkt, wie viele einstöckige Handelsgebäude es gibt, mit großen Parkflächen davor - das könnte man wesentlich effizienter gestalten, wenn mehr in die Höhe oder in die Tiefe gebaut wird. Darüber hinaus muss vermehrt Leerstand aktiviert werden. Gleichzeitig sollte man sich ernsthaft mit der Frage beschäftigen: Was braucht es langfristig überhaupt? Worauf kann man verzichten? Zum Schutz des Bodens wird es mitunter Schritte brauchen, die vielleicht einen schmerzlichen Eingriff bedeuten, aber dafür Flächen für die Zukunft erhalten. Je mehr Menschen diese Meinung teilen, desto schneller wird agiert werden. Die Schweiz geht hier einen sehr souveränen Weg.

Inwiefern?

Moosbrugger: Dort wurden Flächen definiert, die zur Versorgung der Bevölkerung erhalten werden sollen. Von Abhängigkeiten loszukommen, sollte auch hierzulande ein staatspolitisches Ziel werden.

Denken Sie, dass dafür genügend Bewusstsein vorhanden ist?

Moosbrugger: Es ist in den vergangenen Jahren diesbezüglich sicher einiges geschehen. Doch es herrscht nach wie vor der Glaube, dass Supermarktregale immer voll sein werden. Aber wer garantiert uns das? Langfristig sollte man alles daran setzen, einen möglichst hohen Selbstversorgungsgrad zu erreichen. In der Wertigkeit ist das abhanden gekommen, da steht das Monetäre oft vor dem Notwendigen, weil man sich in einer Sicherheit wiegt, die es eigentlich nicht gibt. Es gibt keine Garantie für die Versorgung mit Lebensmitteln und ich glaube, die Politik würde gut daran tun, sich stärker mit diesem Gedanken zu beschäftigen. Für die Zukunftsvorsorge wird dies ein essenzieller Aspekt sein - und dem wird derzeit noch zu wenig Beachtung geschenkt.

Wir sind bereits in vielen Punkten von Böden und Produktionsstätten außerhalb der Landesgrenzen abhängig, Stichwort Futter- und Lebensmittelimporte.

Moosbrugger: Aufgrund seiner Topographie ist Vorarlberg ein Spezialfall. In einer Gebirgsregion ist Ackerbau nicht im selben Maße möglich wie im Flachland. Dennoch können wir den Versorgungsgrad in mehreren Bereichen recht gut gestalten. Bei Fleisch und Milchprodukten etwa oder Kartoffeln. Beim Gemüse sieht es da schon wieder anders aus. Die Landwirtschaft kommt auch recht schnell an ihre Grenzen, wenn kontinuierlich Flächen verloren gehen. Gleichzeitig wird vermehrt eine extensive Bewirtschaftung gefordert. Das braucht aber mehr Boden, anstatt immer weniger.

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Es gilt zu handeln - und zwar schnell. Wer etwas anderes glaubt, der soll sich die Entwicklung im Rheintal anschauen

Josef Moosbrugger

Wann müssen die Maßnahmen, die im Rahmen der ÖROK formuliert wurden, spätestens greifen, um den Negativtrend in Sachen Bodenverbrauch noch zu stoppen?

Moosbrugger: Jeder Tag, an dem früher mit der Umsetzung begonnen wird, ist ein Gewinn für uns alle. Wir haben keine Zeit mehr, zuzuwarten. Es gilt zu handeln - und zwar schnell. Wer etwas anderes glaubt, der soll sich die Entwicklung im Rheintal anschauen, dort wachsen die Städte bereits zusammen. Das dient weder der Lebensmittelversorgung durch die heimische Landwirtschaft noch der Lebensqualität. Gerade während der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, dass die Menschen eine Sehnsucht nach der Natur haben, dass sie raus und sich frei bewegen wollen. Unbebaute Flächen sind nicht nur für die Landwirtschaft von Bedeutung, sondern auch wichtige Naherholungsräume.

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