Mo, 25. Juni 2018

Oft gezielte Aktionen

11.05.2011 22:06

Kongo: Über 1.100 Vergewaltigungen pro Tag

In der kriegsgeplagten Demokratischen Republik Kongo werden einer Studie zufolge täglich mehr als 1.100 Frauen vergewaltigt. Eine schier unfassbare Zahl - dabei sei das sogar noch eine "konservative Schätzung", wie die Autorin der Studie, Amber Peterman, am Mittwoch sagte. Denn sexuelle Gewalt gegen Mädchen unter 15 und Frauen über 49 Jahren sei gar nicht erfasst worden. Der Direktor der Harvard Humanitarian Initiative sprach von einer der "großen menschlichen Krisen unserer Zeit".

Mehr als 400.000 Mädchen und Frauen zwischen 15 und 49 Jahren seien in dem zentralafrikanischen Land in einem Zeitraum von zwölf Monaten in den Jahren 2006 und 2007 vergewaltigt worden, heißt es in der Studie, die am Mittwoch in dem "American Journal of Public Health" veröffentlicht wurde. Diese Zahl ist 26 Mal höher als die Einschätzung einer früheren UN-Studie, die für denselben Zeitraum von 15.000 Vergewaltigungen ausgegangen war.

"Selbst diese neuen, sehr viel höheren Zahlen stellen noch eine konservative Schätzung zum tatsächlichen Vorkommen sexueller Gewalt dar", sagte Peterman. Das Stigma und die Schande, die noch immer mit Vergewaltigung verbunden seien, sowie die Straflosigkeit der Täter führten dazu, dass viele Fälle nicht gemeldet würden. Auch sexuelle Gewalt gegen Buben und Männer wurde in der Studie nicht erfasst.

Im Übrigen habe die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch berichtet, dass sich sexuelle Gewalt von 2008 auf 2009 verdoppelt habe, sagte Peterman. "Wenn dies zutrifft, ist die aktuelle Verbreitung sexueller Gewalt noch sehr viel höher als von uns geschätzt." Der Direktor der Harvard Humanitarian Initiative, Michael VanRooyen, sagte zu der Studie, angesichts des Klimas der Straflosigkeit habe sich Vergewaltigung im Kongo weiter ausgebreitet und sei zu einer der "großen menschlichen Krisen unserer Zeit geworden".

Sexuelle Gewalt als Kriegswaffe
Vergewaltigungen werden im Kongo gezielt und systematisch als Kriegswaffe einsetzt, sowohl von Angehörigen bewaffneter Gruppen als auch staatlichen Sicherheitskräften. Verschiedene Milizen, die in den von Gewalt geprägten Provinzen um Einfluss und Rohstoffe kämpfen, terrorisieren auf diese brutale Weise die Zivilbevölkerung. Einige von ihnen sind inzwischen in die Regierungstruppen integriert worden.

Ende Juli vergangenen Jahres sorgte eine viertägige Gewaltorgie für weltweites Aufsehen: Fast 250 Frauen und Kinder wurden bei dem Überfall auf fünf Dörfer in der Konfliktprovinz Nord-Kivu gezielt vergewaltigt, auch einige Männer wurden Opfer sexueller Gewalt. Die hohe Zahl der Opfer bei einem einzigen Überfall ist auch der Grund, dass die Exzesse überhaupt so starke internationale Aufmerksamkeit erhielten. Ein Einzelfall ist die Brutalität gegen Frauen und Mädchen nämlich nicht.

Zehnjährige sprach nach Vergewaltigung sechs Monate nicht
Vergewaltigungen in Zeiten des Krieges - das hat es schon immer gegeben. Im Kongo, wo der Bürgerkrieg offiziell bereits seit 2003 beendet ist, ist das Ausmaß der Gewalt aber schon seit Jahren extrem. Helfer und Ärzte etwa im Krankenhaus von "Heal Africa" in Goma oder im Panzi Hospital in Bukavu berichten von schwerst traumatisierten Patienten, wie etwa jenem zehnjährigen Mädchen, das nach stundenlanger Vergewaltigung durch ein halbes Dutzend Rebellen mit schweren Unterleibsverletzungen ins Krankenhaus gebracht wurde und sechs Monate lang kein einziges Wort sprach.

In einem seit Jahren ungelösten Konflikt wie in Kivu, wo die Männer fürchten müssen, entweder von der einen oder anderen Miliz zum Kämpfen gezwungen oder getötet zu werden, sind es die Frauen und Mädchen, die auf den Feldern arbeiten, Holz sammeln oder Wasser holen - und dort vergewaltigt werden. "Die meisten Opfer gehen nach Hause und erzählen nichts von dem Vorfall, weil sie sich schämen oder Angst haben, von ihrem Mann wegen der Schande verstoßen zu werden", sagt Kasereka Lusi, der Gründer und ärztliche Leiter von "Heal Africa". "Viele werden immer wieder vergewaltigt, so lange wie die Rebellen in der Gegend sind. Für die Frauen ist es die Hölle."

Frauen müssen wählen - Vergewaltigung oder ein Mord
Oft kommt es aber auch vor, dass Frauen und Mädchen vor den Augen ihrer Männer, Eltern oder Geschwister Gewalt angetan wird - eine gezielte Demütigung. Manche Frauen werden vor die Wahl gestellt, sich von den Rebellen sexuell missbrauchen zu lassen oder mit einer Weigerung den Tod des Mannes oder der Familie zu verantworten. Wenn die Frauen die Vergewaltigung als das vermeintlich geringere Übel wählen, werden zahlreiche dieser Opfer nach Angaben von Helfern hinterher von ihren Familien oder Dorfgemeinschaften ausgestoßen - sie haben, so heißt es dann, Schande über die Familie gebracht.

Oberst wegen befohlenen Vergewaltigungen verurteilt
Nur selten werden Soldaten, die gezielt vergewaltigen, auch vor ein Gericht gestellt - wie die Männer auf den Bildern oben, gegen die im Februar dieses Jahres in Baraka ein Prozess geführt wurde. Ein Oberst wurde wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Es war das erste Mal in dem Land, dass sich ein kommandierender Offizier im Zusammenhang mit befohlenen Vergewaltigungen verantworten musste.

Die weiteren Bilder zeigen ein paar der 50 Frauen aus Fizi, die bei einer Gewaltorgie in der Nacht auf den ersten Jänner dieses Jahres von einer Gruppe Soldaten vergewaltigt wurden. Ihre Gesichter wurden verhüllt, damit man sie nicht erkennen und wegen ihres Schicksals verstoßen kann.

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