So, 22. Juli 2018

"Hatte Stress"

11.05.2011 16:26

Guttenberg begründet Plagiat mit Überforderung

In der Plagiatsaffäre um seine Doktorarbeit hat der deutsche Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg eine massive Überforderung eingeräumt. In seiner Stellungnahme zum Abschlussbericht der Universität Bayreuth erklärte Guttenberg, angesichts seiner beruflichen und politischen Arbeitsbelastung sei ihm die Arbeit "teilweise über den Kopf gewachsen". Wie aus dem mehr als 40-seitigen Bericht hervorgeht, hat der ehemalige Minister ganz bewusst abgeschrieben.

Die Kommission kam am Mittwoch zu dem Schluss, dass Guttenberg die Standards guter wissenschaftlicher Praxis grob verletzt und die Prüfungskommission vorsätzlich getäuscht hat. Fremde Texte seien in einem kaum vorstellbaren Ausmaß in allen Einzelheiten ohne Kennzeichnung der Autorenschaft übernommen worden. Dies deute auf ein bewusstes Vorgehen hin. Die Hochschule hatte Guttenberg bereits am 23. Februar den Doktortitel aberkannt. Am 1. März legte Guttenberg sein Ministeramt nieder.

Guttenberg hatte es bei der Aufarbeitung der Vorwürfe abgelehnt, sich persönlich zu äußern, trotz seines Angebots zur Mitarbeit mehrfache Anfragen für ein persönliches Gespräch zurückgewiesen und sich gegenüber der Universität Bayreuth nur schriftlich erklärt, heißt es in dem Abschlussbericht der Kommission "Selbstkontrolle in der Wissenschaft". In diesen schriftlichen Stellungnahmen bestritt Guttenberg weiterhin eine vorsätzliche Täuschung bei seiner Dissertation.

"Fälschungen durchziehen die Arbeit"
Der Vorsitzende der Kommission, Stephan Rixen, erklärte am Mittwoch auf einer Pressekonferenz, die Kommission sei kein Guttenberg-Tribunal. Sie wolle aber auch nichts weichspülen und reinwaschen. Feste stehe, dass über alle Teile der Arbeit Plagiate festgestellt worden seien. "Angesichts der Fülle der Einzelplagiate kann man nicht mehr von bloßen Bagatellverstößen sprechen", heißt es in dem Bericht.

"Fälschungen durchziehen die Arbeit als werkprägendes Arbeitsmuster", urteilte Rixen. Die Kommission stützte sich dabei auf die Hinweise des GuttenPlag Wiki, aber auch auf eigene Recherchen und Hinweise aus der Wissenschaft. Die Rolle von Doktorvater Prof. Peter Häberle und der Vergabe der Höchstnote "Summa cum Laude" konnte die Kommission nicht vollständig klären. "Von der Idee fasziniert", die Entstehungsprozesse der Verfassungen in den USA und der EU zu vergleichen, habe er Guttenberg "ganz gewiss vertraut in einer Art und Weise, die altmodisch erscheinen mag", urteilte die Kommission. Geleitet von seinem pädagogischen Optimismus habe Häberle sich nicht vorstellen können, dass mit ihm nicht wahrhaftig umgegangen werde.

Guttenberg: "Arbeit wuchs mir über den Kopf"
In seiner dreiseitigen Stellungnahme an die Kommission beschrieb Guttenberg ein ungeordnetes Vorgehen bei der Vorbereitung seiner Arbeit. Er habe Materialien in nahezu allen denkbaren Formen gesammelt und archiviert, in Buchform, als Papierkopien und auf mehr als 80 Disketten. Diese befanden sich auf mehreren Laptops, die er an verschiedenen Wohnorten aufbewahrte. Diese "Rohlinge" oder "Gedankensteinbrüche" habe er eingearbeitet, ohne gleichzeitig die Zitate und Fußnoten mit einzubauen.

Als Ursache für die "gelegentlich chaotischen Züge" in seiner Arbeit nannte Guttenberg die berufliche und familiäre Mehrfachbelastung sowie die Übernahme neuer politischer Ämter. Durch die vielfache Dauerbelastung sei ihm die Arbeit "teilweise über den Kopf gewachsen". Der "Zeitdruck war nach seiner Darstellung eingebettet in die Erwartungshaltung der Familie, dass die bestehenden Anforderungen erfolgreich bewältigt würden", zitierte ihn die Kommission. Zudem habe er seinen Doktorvater nicht enttäuschen wollen. "Ich wollte mir eine Schwäche nicht eingestehen."

Kein Hinweis auf einen Ghostwriter
Dies sei durch die Fülle von Einzelplagiaten widerlegt, sagte Rixen. "Wer jahrelang akzeptiert, dass er Sorgfaltsstandards nicht einhält, handelt nicht fahrlässig, sondern vorsätzlich, weil er die Sorgfaltspflicht zum bewussten Arbeitsstil erhebt", lautet das Fazit der Kommission. Hinweise auf einen Ghostwriter bei der Doktorarbeit gab es nach Angaben der Universität nicht.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) sieht im Ausgang der Plagiatsaffäre einen Beleg, "dass das Prinzip Selbstkontrolle in der Wissenschaft funktioniert". Die Universität Bayreuth habe die Vorwürfe konsequent verfolgt, sagte DFG-Präsident Matthias Kleiner der Nachrichtenagentur dpa. "Das Ergebnis bezieht sich auf anerkannte Regeln guter wissenschaftlicher Arbeit." Alles andere wäre auch eine schlechte Botschaft an die vielen jungen Menschen, die redlich an ihrer Promotion arbeiteten, sagte Kleiner.

Staatsanwaltschaft ermittelt: Urheberrechts-Verstoß
Die Staatsanwaltschaft im bayerischen Hof ermittelt gegen Guttenberg wegen Verstößen gegen das Urheberrecht. Dort liegen mehr als 100 Anzeigen vor. Zum Stand des Verfahrens wollte sich Oberstaatsanwalt Reiner Laib am Mittwoch nicht äußern. Für Juni kündigte er eine Zwischenbericht an. Es werde auch Auskunft gegeben, ob Strafanträge von Betroffenen vorliegen.

Entgegen seiner Ankündigung, sich von allen politischen Ämtern zurückzuziehen, hat sich Guttenberg nach Angaben eines Parteisprechers vom CSU-Kreisverband Kulmbach als Delegierter für den Bezirks- und Landesparteitag wählen lassen. Ob er die Wahl auch angenommen hat, blieb zunächst unklar.

Der ehemalige bayerische Wissenschaftsminister und CSU-Generalsekretär Thomas Goppel geht nicht von einer Rückkehr Guttenbergs in die Politik aus. "Das ist im Prinzip vorbei", sagte Goppel am Mittwoch im Deutschlandfunk. "Ich glaube allen Ernstes, dass man in einer solchen Geschichte mit einem solchen Ergebnis mit solchen Vorgaben nicht davon reden kann, dass man morgen in der Politik wiederkommt."

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