31.01.2022 14:28 |

Pommers Feierabend

Werner Kogler und die Zaubertinte

Einen schönen Montagabend.

Wo ist Werner Kogler? Diese Frage haben sich in den vergangenen Wochen viele Österreicher gestellt, vermutlich sogar Werner Kogler selbst. Der Vizekanzler war gestern bei Claudia Reiterers Begrüßungsrunde in der Sendung „Im Zentrum“ so überrascht, im ORF-Studio zu sitzen, richtig hochgeschreckt ist er, als sein Name fiel, sodass die Vermutung naheliegt, er wurde gegen seinen Willen dorthin gebracht. Wir ahnen ja schon länger, mit welchen Mafiamethoden der Öffentlich-Rechtliche das macht: Kapuze über den Kopf und rein in den Wagen. Es ist oft die einzige Möglichkeit, Pamela Rendi-Wagner in die „ZIB 2“ zu bekommen. Und Peter Filzmaier wieder raus.

Seit dem Wochenende wissen wir: Die Grünen sind genauso wie alle anderen Parteien. Im türkis-grünen Sideletter haben sich die beiden Parteien die Republik schön untereinander aufgeteilt. Es geht um Top-Jobs, um Vereinbarungen zum EU-Kommissar, über die Nationalbank, die Finanzmarktaufsicht, die Bundesbeteiligungen und um einen ORF-Deal. Und es wird die Einführung eines Kopftuchverbots für Lehrerinnen festgehalten. Nach einer kurzen Orientierungsphase wurde Kogler gestern auch dazu im Fernsehen befragt. Weil mir die Simultanübersetzung Koglerisch-Deutsch im Kopf nicht gleich geglückt ist, musste ich es heute noch einmal sehen.

Den Grünen war völlig klar, sagt Kogler, dass das Kopftuchverbot verfassungswidrig sei. Und so sei der Passus geschrieben worden „zur Psychologie der ÖVP“, erklärt der Vizekanzler weiter. „Er hat keine reale Bedeutung, er ist de facto ein Nullum.“ Quasi so, als hätte er es mit Zaubertinte in das Geheimabkommen geschrieben, die sich am Ende nicht ganz so schnell aufgelöst hat wie seine politische Glaubwürdigkeit. Auch nicht mit Geheimtinte sind die Meldungen aus dem Archiv geschrieben. Vor zehn Jahren klang Kogler noch so: „Es muss endlich Schluss mit dem rotschwarzen Postenschacher sein. Wir müssen in Österreich wichtige Stellen wieder danach besetzen, was wer kann, und nicht, wen wer kennt oder welches Parteibuch wer hat.“ Bitte verschlucken Sie sich jetzt nicht. Wobei zu einem Geheimpapier freilich nichts besser passt als der Heimlich-Griff.

„Was von diesem Kopftuchverbot dort noch übriggeblieben ist, war das Gegenteil von dem, was die ÖVP eigentlich wollte“, so Kogler weiter. Da haben wir aber Glück gehabt. Wenn ich es richtig verstehe, ist das Gegenteil von Kopftuchverbot für Lehrerinnen ein Kopftuchgebot für Lehrer. Österreich hätte hier Neuland betreten. Gemeinsam mit der FFP2-Maske würden die männlichen Pädagogen von Gesetz wegen also Niqab tragen müssen. Dass im Bildungswesen viel verschleiert wird, wusste ich, aber die Dimensionen waren mir nicht klar. Kogler hat also Tausende Lehrer vor der Vermummung bewahrt, und es ist trotzdem wieder keinem recht.

Und was sagt Anita P. zu dem Thema? Sie kennen die Dame nicht, lernen sie aber morgen auf krone.at/wien und in der Wien-„Krone“ kennen. Die Wienerin ist 72 Jahre alt und Mindestpensionistin. Nach Abzug der Fixkosten bleiben ihr rund 15 Euro am Tag zum Leben, viel Hunger darf man da nicht haben. Im Sideletter habe ich jetzt gar nichts darüber lesen können, wie Türkis-Grün Menschen wie ihr helfen will. Außer die Grünen treten ihr Nominierungsrecht für den Vizepräsidenten der Nationalbank an sie ab. Sonst bleibt der Einkaufswagen wohl weiterhin leer. Zum Schämen.

Ich wünsche einen schönen Feierabend, so Sie einen haben.

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