24.11.2021 17:00 |

LKA-Chefin im Gespräch

Zahl der Vergewaltigungen in Tirol stieg 2020 an

Sexuelle Gewalt fängt beim Begrapschen an und geht bis zur Vergewaltigung. Häufig kennen die Opfer ihre Peiniger. Die „Krone“ sprach anlässlich des Starts der „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ am Mittwoch mit LKA-Chefin Katja Tersch über den Umgang mit Sexualdelikten und die Wichtigkeit, sich Hilfe zu suchen.

„Krone“: Wie viele sexuelle Gewalttäter kommen aus dem Umfeld ihrer Opfer?
Katja Tersch: Wenn Gewaltdelikte im familiären Umfeld passieren, nennt sich das Gewalt in der Privatsphäre. Im vergangenen Jahr hatten wir in Tirol an die 1340 solcher Delikte, und da sind fast 74 Prozent der Opfer Frauen. Man hat hier also eine sehr deutliche Ausprägung, wer tatsächlich Opfer von Gewalt ist. Bei sexuellen Delikten ist es noch einmal höher, und da kommen tatsächlich auch die meisten Täter aus dem Bekanntschaftsumfeld oder aus dem familiären Umfeld.

Gab es hier in den letzten Jahren eine Entwicklung?
Wir bemerken, dass Opfer mittlerweile eher bereit sind, Taten zur Anzeige zu bringen. Das kostet sicher große Überwindung. Dass es durchaus mehr Bereitschaft gibt, anzuzeigen, hat, glaube ich, auch mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun: Wir versuchen mittlerweile, mit Gewaltdelikten offener umzugehen – in dem Sinne, dass es kein Tabu ist und auch verfolgt gehört.

Wie lange dauert es, bis sich Opfer sexueller Gewalt an die Polizei wenden?
Von direkt nach der Tat bis hin zu Jahren, wenn nicht sogar Jahrzehnten. Im familiären Kreis werden Delikte oftmals erst nach längerer Zeit oder überhaupt erst nach Jahren angezeigt. Wenn es nur eine kurzfristige Bekanntschaft war und es dann nicht mit Zustimmung zum Geschlechtsverkehr gekommen ist, wird es oft relativ rasch angezeigt.

Polizei setzt auf Spuren und Vernehmungen
Wie gehen Sie dann bei der Ermittlungsarbeit vor?
Man versucht, eventuelle Spuren zu sichern, am Opfer, am Täter, am Tatort selbst. Viel findet man auch anhand der Bekleidung. Es kommt zu einer Untersuchung des Opfers, die im Krankenhaus stattfindet, und dann natürlich zu Vernehmungen von Opfer, Täter und eventuellen Zeugen.

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Bei Vergewaltigungen hatten wir 92 Prozent Aufklärungsquote. Tatsächlich kommen die meisten Täter aus dem familiären oder Bekanntschaftsumfeld.

Katja Tersch, Leiterin des LKA Tirol

Diese Vernehmungen sind vermutlich heikel, oder?
Es ist schwierig. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind entsprechend geschult, um Opferbefragungen durchzuführen. Opfer haben auch Anspruch auf psychosoziale und juristische Prozessbegleitung. Das heißt, sie können mit einem Rechtsanwalt zur Vernehmung kommen, aber auch mit einem Psychologen. Und man schaut, dass sie so selten wie möglich vernommen werden, weil das jedes Mal wieder belastend ist.

Wie weist man bei Beziehungstaten nach, dass es sich um Vergewaltigung handelt?
Es kommt da natürlich auf das Spurenmuster an. Es wird dann ziemlich schwierig, nachzuweisen, dass das einvernehmlicher Sex war, wenn entsprechende Verletzungen da sind. Aber es ist immer schwierig, wenn man nur eine Aussage hat.

Hilfe suchen, damit man Gewaltspirale entkommt
Also ist es schon wesentlich, dass man sich schnell an die Polizei wendet?
Absolut. Und in den seltensten Fällen ist es so, dass es nur einmal zum Übergriff kommt. Je früher man es meldet, desto eher kann man aus dieser Gewaltspirale wieder herauskommen. Es ist natürlich schwierig, zur Polizei zu gehen, weil man weiß, was folglich mit dem Partner passiert. Das kostet Überwindung, aber im Endeffekt geht es darum, sich selber zu schützen. Und da gibt es viele Opferschutzeinrichtungen, die sehr gute Unterstützung bieten. Und ich glaube, es ist wichtig, dass Frauen diese in solchen Situationen bekommen.

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Speziell bei Beziehungstaten geht das oft fast ein bisschen in ein Muster hinein. Deshalb ist es wichtig, sich bei der Polizei oder auch sonst Hilfe zu holen.

Katja Tersch, Leiterin des LKA Tirol

Arbeiten Sie mit solchen Einrichtungen zusammen?
Ja. Die sind bei uns im Rahmen der Prozessbegleitung oft bei Vernehmungen dabei, und somit arbeiten wir da sehr eng – und ich traue mich auch zu sagen sehr gut – zusammen.

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