15.11.2021 16:00 |

Meteorologe zeigt auf:

„Ganzer Winter ist nicht prognostizierbar“

Manche Experten überschlagen sich medial mit ihren Prognosen für die nächsten Monate. Der Innsbrucker Meteorologe Christian Zenkl erklärt, warum es trotz Supercomputern großteils Kaffeesud ist.

„Krone“: Nehmen wir Mitteleuropa - für welchen Zeitraum ist es möglich, eine detaillierte Wetterprognose zu treffen?
Christian Zenkl:
Im Alpenraum sind gute Wetterprognosen meist über drei Tage möglich, je nach Großwetterlage sind sie auch über eine Woche realistisch. Bei komplexen Wetterlagen sind es oft aber nur ein bis zwei Tage.

Mit welchen Methoden wird versucht, einen ganzen Winter vorherzusagen?
Es handelt sich um äußerst komplexe und aufwendige Wettermodelle. Viel an wirklich toller Wissenschaft fließt da mit ein, dennoch sind Langfristprognosen über Monate für die praktische Anwendung unbrauchbar. Viele Modell-Rechenläufe zeigen selbst bei nahezu identen Anfangsbedingungen ganz andere Ergebnisse. Die damit beschäftigten Wissenschaftler wissen das. Für die Weiterentwicklung der Wetter- und Klimamodelle machen aber auch falsche Berechnungen Sinn.

Hat sich der Prognose-Zeitraum durch die verbesserte Wissenschaft in den letzten 20, 30 Jahren verlängert?
Die Qualität von Wettermodellen korreliert recht gut mit den Rechnerleistungen und diese haben sich über die letzten Dekaden bekanntlich stark gesteigert. Die grundlegende Physik dahinter ist aber schon länger ausreichend bekannt und deshalb haben sich auch die Tagesprognosen deutlich verbessert. Langfristprognosen scheitern bis auf Weiteres an der unglaublichen Komplexität der atmosphärischen Dynamik. Einen Satz verwobener, partieller Differenzialgleichungen kann man auch mit theoretisch unendlicher Rechnerleistung nicht exakt lösen. Die Fehler werden mit der Zeit immer größer, auch weil der Anfangszustand niemals genau erfassbar ist.

Es wird von einem La-Niña-Winter gesprochen, der dadurch sehr kalt werden soll. Was ist davon zu halten?
La Niña oder El Niño beschreiben großräumige Witterungszustände im südlichen Pazifik. Je nachdem, wohin das Pendel schlägt, hat dies sehr wohl einen Einfluss auf andere Erdteile. Für Mitteleuropa findet man aber keinen signifikanten Zusammenhang.

Das hängt auch mit der Kleinräumigkeit unseres Wetters zusammen?
Ja, denn wir erinnern uns, wie unterschiedlich ein Winter auf kleinsten Raum ausfallen kann. Letztes Jahr hatten wir in Teilen Kärntens und Osttirols enorme Schneemengen und einen leicht unterkühlten Winter. Im Nordalpenraum hingegen war es meist etwas zu mild im Vergleich zum Klimamittel und oft auch zu trocken. Ein grober Trend für halb Europa sagt also gar nichts aus. Der Zufall führt hier Regie, die chaotische Dynamik der Zirkulationsmuster, der Wetterlagen. Häufen sich zum Beispiel Nordlagen, wird es bei uns tendenziell kalt, aber eben nur im Nordalpenraum auch schneereich.

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Ein grober Trend für halb Europa sagt also gar nichts aus. Der Zufall führt hier Regie, die chaotische Dynamik der Zirkulationsmuster, der Wetterlagen.

Christian Zenkl

Es gibt auch andere Phänomene wie den Polarwirbel – welchen Einfluss hat dieser?
Polarwirbel, so genannte Starkwindbänder in rund zehn Kilometer Höhe (Jetstream, Anm.), können auch weit nach Süden vorstoßen und sie transportieren somit Kälte in mediterrane Regionen, aber auch Wärme in den hohen Norden. Wo genau sich diese Wellen ausbilden, kann man ebenfalls nicht über mehr als ein bis zwei Wochen abschätzen bzw. berechnen.

Welchen Winter hätten Sie selbst denn am liebsten?
Ich wünsche mir einen Winter mit vielen ergiebigen Schneefällen. Billionen an dicken Schneeflocken, welche alle frei schwirrenden Coronaviren unter sich begraben (schmunzelt)!

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