Bäume statt Beton! Jetzt liegen erstmals konkret Pläne der Politik gegen den Flächenverbrauch vor. Ein Erfolg der „Krone“-Initiative.
Kurz schien am Dienstagnachmittag eine zarte großkoalitionäre Blume zu erblühen. Denn Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) hatte - aus ihrer Sicht in trauter Eintracht mit Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) - den großen Durchbruch beim Schutz der Heimat (sprich fruchtbaren Äckern und Feldern) verkündet.
„Es fehlt der Mut“
Doch Ludwig, derzeit auch amtierender rot-weiß-roter Städtebundpräsident, sah in der nun umsetzungsreif ausgearbeiteten Bodenschutzstrategie die Bedeutung der stetig wachsenden Ballungszentren im Kampf gegen den Flächenverbrauch zwar gewürdigt, aber nicht vorrangig behandelt. „Es fehlt der Mut, Städte mit ihren herausragenden klimapolitischen Funktionen zu priorisieren. Denn schließlich werden die urbanen Räume im Osten Österreichs um bis zu 15 Prozent wachsen.“
„Paradigmenwechsel“
Und dennoch werten Experten das ambitionierte Bodenschutz-Paket von Köstinger - es wird am Mittwoch von ihr als Vorsitzende bei der Österreichischen Regionalkonferenz (ÖROK) präsentiert - als bedeutenden ersten Schritt in die richtige Richtung. „Bund, Länder und Gemeinden haben sich verbindlich darauf geeinigt, den täglichen Bodenverbrauch bis 2030 um 80 Prozent auf 2,5 Hektar einzufrieren. Das ist ein Paradigmenwechsel zum Schutz unserer wertvollen Bodenressourcen“, so die türkise Ministerin.
WWF protestiert gegen die leeren Versprechen
Sie betont, dass dies die erste derartige Konferenz seit mehr als zehn Jahren sei. Kernpunkte der neuen Strategie sind die Fokussierung der Raumentwicklung auf Klimaneutralität. Die Inanspruchnahme von Flächen soll außerdem durch die Stärkung der Orts- und Stadtkerne hintangehalten werden.
Täglich werden in Österreich zwischen 1,1 und 2,4 Hektar allein für das Straßennetz verbaut. Das entspricht etwa eineinhalb bis dreieinhalb Fußballfeldern.
Sind unsere Böden einmal versiegelt, gehen alle biologischen Funktionen verloren. Dieser Zerstörungsprozess ist fast nicht mehr umkehrbar. Denn die Neubildung von nur einem Zentimeter Humus dauert 100 bis zu 200 Jahre.
Ein Hektar unversiegelter Boden vermag 2000 Kubikmeter Wasser zu speichern. Die Asphaltierung in flutgefährdeten Gebieten erhöht die Gefahr von Überschwemmungen.
Greenpeace kritisiert, dass in den Bau von 13 neuen Autobahnen und Schnellstraßen (mit massivem Flächenverlust) in den kommenden Jahren 5,8 Milliarden Euro fließen sollen.
Jährlich gehen ohnehin 4200 Hektar an fruchtbaren Äckern und Wiesen verloren.
Das bedeutet umgerechnet den Verlust von 25 Millionen Kilogramm Brotgetreide. Dies ist der Bedarf von fast 300.000 Österreichern allein bei diesem wertvollen Lebensmittel.
Laut einer AGES-Studie kann bei den meisten für die Ernährung bedeutenden Feldfrüchten (Weizen, Roggen, Mais, Erdäpfel) schon ab 2030 keine Eigenversorgung mehr gewährleistet werden, da die Hauptanbaugebiete durch den Bodenfraß um bis zu 50 Prozent schrumpfen.
Doch jetzt beginnen erst die Mühen der Ebene. Denn dem Beschluss muss erst die Ausarbeitung der Rahmenbedingungen folgen. Das soll durch die Entwicklung eines bundesweit einheitlichen Monitoringsystems samt Datenerfassung erfolgen. Immerhin verspricht Köstinger verbindlich den Schutz der landwirtschaftlichen Böden und einen Aktionsplan mit konkreten Aktivitäten, Meilensteinen und Zielhorizonten bis 2030.
„Zahl der Shoppingcenter auf grüner Wiese hat sich mehr als verdoppelt“
Noch vor der Verkündigung des großen Wurfes marschierten am Ballhausplatz Aktivisten des heimischen WWF auf. „Seit 2002 verspricht uns die Nachhaltigkeitsoffensive des Bundes das Blaue vom Himmel. Passiert ist das Gegenteil von Reduzierung. Der Verbrauch ist in dieser Zeit fast dreimal so schnell gewachsen wie die Bevölkerung. Und die Zahl der Shoppingcenter auf der grünen Wiese hat sich mehr als verdoppelt“, zeigt WWF-Expertin Maria Schachinger auf. Während Greenpeace die Vielzahl an neuen Autobahn- und Schnellstraßenprojekten kritisiert. Hagelversicherungs-Direktor Dr. Kurt Weinberger - steter Mahner in der Sache - betont aber, wie wichtig es sei, dass es „endlich eine konkrete Strategie gibt!“
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