29.10.2020 05:55 |

Verbaute Zukunft

Weil man Beton eben nicht essen kann

In Österreich wurden allein in den letzten 20 Jahren 150.000 Hektar fruchtbaren Bodens verbaut. So viel wie die gesamte Ackerfläche des Burgenlands. Dazu braucht das Land, aber auch die Landwirte mehr Schutz.

Vielleicht haben wir uns alle schon zu weit von der Natur entfernt. Vielleicht ist die Verunsicherung, die das Coronavirus bei uns in puncto Lebensmittel-Eigenversorgung verursacht hat, sogar ein „gesunder Warnschuss“.

Jedenfalls ist kaum zu glauben, dass wir in Österreich sehenden Auges in die Verbauungs-Sackgasse steuern, wenn man sich ein paar Zahlen vor Augen führt: Die Welternährungsorganisation hat errechnet, dass es für jeden Bewohner Österreichs 3000 m² landwirtschaftlichen Boden geben müsste, um alle zu versorgen. Tatsächlich sind es aber heute nur noch 1600 m². Folglich sorgen Österreichs Bauern nur noch für 40% des Obstes und für 56% des Gemüses, das wir benötigen. Der Rest muss importiert werden.

Schlechte Praxis bei der Raumplanung am Land
Bauer zu sein und zufriedenstellend davon leben zu können war schon zu allen Zeiten schwer. Dass immer mehr Bauern - auch wegen des Klimawandels - an dieser Herausforderung scheitern und bereit sind, ihren Boden zu verkaufen, ist sicher Mitgrund. Und dem muss entgegengewirkt werden - schon, um unsere für das wichtige Standbein Tourismus wertvolle Kulturlandschaft zu erhalten. Aber die Ursachen des Problems, das etwa bei unseren bayerischen und auch bei den Schweizer Nachbarn viel erfolgreicher behandelt wird, liegen woanders. Bei der schlechten Raumplanungspraxis.

Ein Beispiel von vielen: Obdach ist eine Marktgemeinde mit knapp 4000 Einwohnern in der Steiermark. Im Ortszentrum gibt es seit Jahrzehnten zwei konkurrierende Geschäfte, die sich die Kurzparkplätze mit den ansässigen Wirtshäusern teilen. Nun hat eines der beiden beschlossen, seinen Standort im Zentrum aufzugeben. Das Hauptargument: Die Kunden müssten - im Gegensatz zur Konkurrenz - über die Straße (und dann auch noch zwei Stufen überwinden). Es gebe auch nicht genug Parkplätze.

Obwohl die Gemeinde eine Lösung mit mehr Parkplätzen und barrierefreiem Zugang im Ortskern anbot, war der Betreiber nicht zu überzeugen. Mehr noch: Es wurde Druck ausgeübt, man würde sonst dem Ort ganz den Rücken kehren. Nun wird man auf schnell umgewidmetem Grünland außerhalb des Orts an der Umfahrungsstraße bauen. Dort, wo jetzt noch Pferde auf fruchtbarer Weide grasen und Winterheu geerntet wurde - vermutlich zum letzten Mal.

Kann man dem Bürgermeister einen Vorwurf machen, weil er an die Einnahmensituation durch die Kommunalsteuer und damit an das wirtschaftliche Wohl seiner Gemeinde denkt? Am ehesten wäre noch der Geschäftsinhaber zu kritisieren, der an dieser wenig von der breiten Öffentlichkeit beachteten Stelle aus rein profitorientierten Gründen den günstigeren Weg geht und sein neues Gebäude einfach in die Wiese klotzt.

12 Hektar fruchtbare Erde verlieren wir täglich
Allerdings nützt auch er nur den (zu großen) Spielraum, den das Gesetz bietet. Wenn eine solche Vorgehensweise ermöglicht wird, dann muss man sich nicht wundern, warum die „Nachhaltigkeitsstrategie“, die die Regierung vor 18 Jahren ins Leben gerufen hat, so kläglich verkümmert: Als Vorgabe war ein täglicher Bodenverbrauch von „nur“ 2,5 Hektar pro Tag angesetzt. Tatsächlich werden in Österreich aber Tag für Tag bis heute 12 Hektar und mehr zubetoniert.

Kommentar von Dr. Kurt Weinberger (Chef der österreichischen Hagelversicherung):
Unser Versicherungsverein ist direkt betroffen von der fortschreitenden Bodenversiegelung in Österreich. Denn wir versichern ja nicht nur Schäden durch Hagel, sondern zum Beispiel auch solche durch Überschwemmung. Man kann sagen, wir versichern den Boden und damit die Ernährung des Landes.

Deshalb befassen wir uns seit vielen Jahren mit den Problemen, die die zunehmende Verbauung mit sich bringt: Die Hochwasserschäden nehmen zu, weil der Boden seine Fähigkeit verliert, Wasser zu speichern. Auch als CO2-Speicher steht er dann unter Asphalt und Beton nicht mehr zur Verfügung. Man kann es so drastisch formulieren: Was einmal tot ist, das bleibt tot!

Es ist leider auch sehr schwer, den Leuten das Thema bewusst zu machen, denn der Prozess ist schleichend. Dass wir jährlich 0,5% unserer Agrarflächen verlieren (Anm.: Deutschland und Schweiz nur 0,25%), klingt auf den ersten Blick wenig. Aber das Beispiel oben zeigt, dass hier eine Fehlentwicklung stattfindet. Das Steuersystem, das einen Bürgermeister so unter Druck setzt, ist falsch. Die Kommunalsteuer, die schließlich die wichtigste Einnahmequelle der Gemeinden ist, müsste auf Bundesebene eingenommen und dann neu verteilt werden. Und es müssten die Experten, nicht die Politiker auf Landesebene entscheiden, wo Boden wofür umgewidmet werden darf.

Die „Krone“-Serie zum Nachlesen:

Tobias Micke, Kronen Zeitung

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