Nach seiner Violinisten-Karriere bei den heimischen Indie-Poppern Gin Ga hat sich Emanuel Donner in den letzten Jahren auf sein Alter Ego Eugene Delta konzentriert. Das Ergebnis heißt „Calm Down, It‘s Over“, ist das Debütalbum des Wieners und stellt Kapitalismusikritik und dystopische Endzeitvisionen in den Mittelpunkt. Warum es dennoch Hoffnung gibt, erklärt er uns im ausführlichen Interview.
In Zeiten wie diesen bekommt jedes kulturelle Produkt eine besonders bedeutungsschwangere Symbolik aufgebürdet. Künstler müssen sich unentwegt erklären, ob sie ihre romantischen Texte nicht mit einer gewissen Covid-Kante aufgeladen haben oder das Riff in der dritten Strophe nicht vielleicht vom ersten Lockdown inspiriert ist. Aber die Fragen sind legitim, denn jedes Kunstwerk ist am Ende des Tages ein Abbild der aktuellen Gesellschaft. Bewusst oder unbewusst. Emanuel Donner hat sich für sein Soloalbum „Calm Down, It’s Over“ an eine Gratwanderung zwischen verdrossenem Realitätsverständnis und phantastischen Gedankenspielen gewagt. Eine melancholische Platte voller atmosphärischer Pop-Zitate, die sich gerne opulenten Soundwelten und cinematischen Klangbögen hingeben. Und so ein bisschen Weltuntergangsstimmung hat dann ja doch wieder irgendwie mit Corona zu tun.
Alter Ego geformt
„Tatsächlich nicht“, entgegnet Emanuel im Interview, „alle Lieder wurden ausnahmslos vor dem Wissen um Corona geschrieben. Es lag lange in der Schublade und es war unklar, wann es rauskommen sollte.“ Donner kennt der Indie-Connaisseur noch als Violinist der erfolgreichen Wiener Indiepop-Band Gin Ga, doch die befinden sich seit Jahren in einer Art Kreativpause - behaupten sie zumindest. Für seine Solo-Umsetzung hat sich Donner das Alter Ego Eugene Delta geformt. „Eugene ist eine Figur, die Dinge aus Emanuels Erlebniswelten verkörpern kann, sie aber einfach weiterspinnt. Als Eugene Delta erlebe ich Dinge, die ich als Emanuel Donner nicht erlebe. Eugene Delta schreibt fiktive Geschichten, die viel Autobiografisches beinhalten. Durch diese Figur kann ich manche Dinge von mir fernhalten und muss nicht auf das Superpersönliche zurückgreifen.“
„Calm Down, It‘ Over“ summiert Donner als „Banalität des Weltuntergangs“. Das Album ist eine Sammlung unterschiedlicher Geschichten, die der Protagonist erlebt. Er wird auf eine dystopische Reise geschickt, die unweigerlich das drohende Ende zur Folge hat. Doch die Thematiken sind sehr unterschiedlich. „In einem Lied geht es um den jugendlichen Herzschmerz, in einem anderen um den Weltuntergang. Wie geht man mit Veränderung, Verfall und Verwahrlosung um? Wenn du 16 bist, ist ein gebrochenes Herz für dich das Schlimmste auf der Welt. Je älter man wird, umso eher lernt man damit umzugehen. Mich hat interessiert, wie die eigene Wahrnehmung auf Dinge ist und was sich abseits davon in der Welt wirklich alles verändert.“ Vor allem aber ist das Album zeitgemäß und auf aktuelle Themen ausgerichtet, denn umwelt- und gesellschaftspolitische Themen nehmen einen breiten Raum ein.
Kapitalismuskritik
„Ich würde dem Ganzen das Wort Kapitalismus überstülpen“, führt Donner aus, „nach dem ersten Lockdown hatten wir die romantische Vorstellung, dass sich die Dinge ändern würden, aber schon jetzt ist deutlich zu sehen, dass der Kapitalismus keine Konsequenzen daraus zieht. Man wirft Geld in den Ring, um die Pandemie zu stoppen, aber es gibt keine Langfristigkeit. Der Neoliberalismus ist nichts anderes als das Normalisieren von Dingen, die eigentlich alles andere als normal sind. Wenige profitieren davon, für die Mehrheit ist dieses System extrem destruktiv. Der Neoliberalismus setzt aber immer ein sehr menschliches Gesicht auf, weshalb der große Aufschrei dagegen bislang auch ausblieb.“
Donner ging es leicht von der Hand, ein dystopisches Weltuntergangsalbum zu schreiben, das gleichzeitig eine gewisse Hoffnung vermittelt. So schwer die Bläser manchmal auch tönen oder die Arrangements wirken, so hoffnungsfroh und optimistisch ist im Endeffekt der Ausblick auf die Welt. „Für eine gute Geschichte braucht man Reibung. Man braucht etwas Böses, das man bekämpfen kann. Eine Utopie, in der es allen gutgeht und die Gesellschaft einwandfrei funktioniert, ist künstlerisch eher schwer zu erfassen. Man kann und soll die Leute zum Träumen bringen und neue Optionen in Aussicht stellen, aber mir fällt das im Songwriting noch schwer.“ Diese Art phantastische Utopie kommt vielleicht beim zweiten Werk, aber dafür muss Donner erst noch erforschen, ob Eugene Delta das richtige Ventil dafür ist. „Wir werden sehen, ob ich nicht krachend am Positiven scheitere.“
Breites Soundkorsett
War die von seiner 2017er-EP herausgenommene Single „So Long“ noch ein sehr basisches Werk, geht „Calm Down, It’s Over“ bewusst in elektronischem Bombast und breitschultrigen Arrangements auf. Dabei zitiert Donner gerne von den Großen, die ihn selbst markant durch seine musikalische Erziehung geleitet haben. „Die ,Balada Of A Rain Fall‘ sollte eine Mischung aus Bonnie Tylers ,Total Eclipse Of The Heart‘ und ,Purple Rain‘ von Prince sein. ,Magic‘ wiederum ist eine Verschmelzung aus unterschiedlichen Queen-Nummern - wobei ich mich natürlich keinesfalls mit Freddie Mercury messen möchte“, wie Donner lachend anfügt. Wichtig war ihm, unterschiedliche Genres in sein Soundkorsett einzuweben. Bewusst ein Album zu machen, weil er das Format schätzt und eine echte Geschichte erzählen wollte.
„Ich wuchs mit Alben auf und sie haben mich bis heute begleitet. Sich ein Album intensiv anzuhören, das man wirklich liebt und schätzt, das ist ein sehr intimer Moment. Meine Lieblingsalben haben mich in meiner Jugend extrem geprägt. Mir war am Ende immer egal, was der Künstler sich dabei gedacht hat. Wichtig war mir, dass ich mich darin selbst finden konnte. Wenn ,Calm Down, It’s Over‘ das bei nur einem Hörer schafft, dann wäre ich schon extrem glücklich.“ Der Albumtitel selbst kann bewusst mehrdeutig gewertet werden. „Jemandem zu sagen, dass er sich beruhigen soll kann etwas ganz Furchtbares sein. Es gibt genug, worüber man sich zurecht aufregen kann und sollte. Das Beschwichtigen kommt meist von oben und wirkt belehrend und erzieherisch. Ein Ruhigstellen soll eine potenzielle Veränderung verhindern, insofern ist ,Calm Down‘ für mich eine absolute Anti-Aussage.“
Ins Verderben manövriert
Doch diese Wortkombination wird im Laufe des Albums öfters mit von „It Doesn’t Feel Over“ begleitet, was bedeutet, dass sich der Protagonist gegen das Aufgeben wehrt. „Ich will nicht allzu moralisch klingen, aber in meiner Geschichte haben wir Menschen uns so weit ins Verderben getreten, dass es kein Zurück mehr gibt. Vieles, das bei uns auf der Welt passiert ist nicht normal. Da sollte man sich nicht beruhigen, sondern bewusst dagegen ankämpfen. Sonst ist es irgendwann zu spät.“ Den apokalyptischen Weltschmerz will Emanuel Donner aka Eugene Delta natürlich auch bald auf die Bühne bringen. Einerseits gerne mit einem größeren Ensemble samt Bläser und Chor, andererseits im kleinen und intimen Rahmen mit Minimalbesetzung. Spätestens im Herbst sollten wir uns auf dieses feine Kleinod aus dem heimischen Indiepop-Teich freuen dürfen.
Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.
Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.
Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.