02.06.2021 13:26 |

Ernste Bedrohung

Gefahr „Blackout“: Fiktion von Realität eingeholt

In seinem 2012 veröffentlichten Thriller „Blackout“ skizzierte der Wiener Bestseller-Autor Marc Elsberg die dramatischen Phasen eines großflächigen Stromausfalls und dessen Auswirkungen auf kritische Infrastruktur und Gesellschaft. Fast zehn Jahre später scheint die Fiktion von der Realität eingeholt worden zu sein, wie Ali Carl Gülerman vom Wiener IT-Sicherheitsspezialisten Radar Cyber Security am Montag bei einem virtuellen Pressegespräch mit dem Autor schilderte. Das Szenario sei heute nicht mehr nur Fiktion, sondern mittlerweile zu einer ganz realen Bedrohung geworden.

„Die IT-Infrastruktur ist mittlerweile zum sensiblen Nervensystem unserer gesamten Gesellschaft geworden. Unzählige Systeme hängen voneinander ab und sind miteinander verbunden. Bereits eine kleine Störung in einem Teilbereich kann massive Auswirkungen auf die Funktionsfähigkeit und Belastbarkeit des Gesamtsystems bewirken“, schilderte Elsberg und kritisierte, dass man seit dem Erscheinen seines Buches noch immer nicht gelernt habe, „vernünftig mit dieser Tatsache umzugehen und strapazierfähige Fall-Back-Systeme zu entwickeln“. Elsberg: „Es ist wohl wie in der Liebe: Man weiß erst, was man hatte, wenn man es verloren hat.“

Um Bedrohungen wie zuletzt dem Hackerangriff auf die größte Pipeline der USA oder dem Vorfall in einem kroatischen Umspannwerk Anfang des Jahres, der Europa an den Rand eines Strom-Blackouts führte, verantwortungsvoll und entschlossen zu begegnen, bedürfe es deshalb eines digitalen Sicherheitsnetzes, so Ali Carl Gülerman, der mit seinem Unternehmen Radar Cyber Security im Herzen von Wien laut eigenen Angaben Europas größtes Cyber-Verteidigungszentrum betreibt und täglich die Sicherheitslage zahlreicher Einrichtungen in der kritischen Infrastruktur überwacht, vor Cyberangriffen schützt und somit deren Stabilität garantiert.

Quantität und Qualität der Angriffe gestiegen
„Die Angriffe nehmen zu. Sei es durch einzelne Hacker, die organisierte Kriminalität oder durch Staaten. Aber nicht nur quantitativ wird der Druck stärker, auch die Qualität der Angriffe ist massiv gestiegen. Es vergehen oft Wochen und Monate zwischen Infiltration und dem eigentlichen Hack. Die Diebe sind aber nicht völlig unsichtbar und wir können sie mit unseren Methoden entdecken, wenn davor Präventivarbeit geleistet wurde“, berichtete Gülerman aus seiner täglichen Berufsrealität.

Ausgeklügelte Arbeitsteilung
Derzeit gebe es einen rasant wachsenden Markt für Cyber-Kriminalität mit ausgeklügelter Arbeitsteilung. So könnten Kriminelle etwa im Darknet einen Angriff auf das gewünschte Ziel bestellen, das dann erpresst werde. Den Gewinn teile man sich anschließend mit den Hackern. Je bedeutsamer eine Branche für die Gesellschaft sei, desto drastischer laut Gülerman die Auswirkungen. Bei erfolgreichen Cyber-Angriffen auf Krankenhäuser kann es demnach etwa sein, dass lebensrettende Operationen nicht stattfinden können.

Gesamtgesellschaftliche Relevanz
Der Cyber-Schutz kritischer Infrastruktur ist dem IT-Experten zufolge daher nicht nur für Unternehmen und Organisationen relevant, „sondern hat höchste gesamtgesellschaftliche Relevanz“. Software alleine könne das Problem aber nicht lösen: „Wir müssen uns auf eine Steigerung der Resilienz in der kritischen Infrastruktur konzentrieren und auf regelmäßige Cyber-Security-Übungen mit Szenario-Trainings setzen. Leider können wir einmal erfolgte Hacks nicht mehr rückgängig machen - deshalb ist die Präventivarbeit so wichtig“.

Das Thema ist Gülerman zufolge „kein Spleen von IT-Verrückten. Denn neben den Lieferketten oder Cash-Systemen von Unternehmen und Organisationen kann es in gewissen Branchen wie dem Lebensmittel-Einzelhandel bis hin zur massiven Verunsicherung der Bevölkerung durch Lieferengpässe gehen. Und damit kann man Politik machen. Mit Cyber-Security schützen wir deshalb auch unsere europäischen Werte“.

Sebastian Räuchle
Sebastian Räuchle
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