28.05.2021 06:00 |

Unverbesserlich

Lebensmüde? So viele Gurtmuffel gibt es noch immer

Einsteigen, Motor starten, Gurt anlegen. Oder erst Gurt anlegen, dann starten. Auf jeden Fall ist das ein Ritual, das Millionen Autofahrer in Österreich nicht auslassen, bevor sie losfahren. Acht Prozent allerdings lassen den Klick aus. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung des ÖAMTC anlässlich der UN-Verkehrssicherheitswoche.

Mehr als 27.000 Menschen hat der Klub in Österreichs Landeshauptstädten beobachtet. Und das aus gutem Grund, denn die Unfallstatistik zeigt, wie wichtig es ist, sich anzuschnallen: Im Jahr 2020 kamen insgesamt 146 Auto-Insassen bei Verkehrsunfällen in Österreich ums Leben. Davon waren 27 Prozent nicht angeschnallt (Quelle: Statistik Austria).

In den letzten fünf Jahren erlitten knapp ein Drittel der in einem Pkw verunfallten Personen, die nicht gesichert waren, schwere oder gar tödliche Verletzungen. Bei angeschnallten Personen waren das nur rund neun Prozent. „Dabei ist weitestgehend bekannt, dass das Risiko bei einem Unfall schwer oder gar tödlich verletzt zu werden, ohne Gurt wesentlich höher ist“, mahnt ÖAMTC-Verkehrstechniker David Nosé. Die Gurtanlegequote hat sich im Vergleich zur letzten ÖAMTC-Erhebung aus 2017 - damals waren rund elf Prozent der Pkw-Insassen nicht angeschnallt - immerhin leicht verbessert.

„Nur mit angelegtem Gurt, der richtigen Sitzposition und der korrekten Einstellung der Kopfstütze kann die Sicherheitsausrüstung in einem Fahrzeug, wie der Airbag, ihre volle Wirkung entfalten und Leben retten“, gibt der Experte zu bedenken.

Rückbank-Gurtmuffel gefährden vorn Sitzende
Auffällig ist zudem nach wie vor, dass die Moral zum Anlegen eines Gurtes auf den Fondsitzen geringer ausgeprägt ist: Auf den vorderen Sitzen schnallen sich rund 93 Prozent ordnungsgemäß an, während es auf den Rücksitzen 87 Prozent der Pkw-Insassen sind. „Wer jedoch hinten sitzt und sich nicht anschnallt, gefährdet nicht nur sich selbst, sondern auch den davor Sitzenden“, mahnt Nosé. Diese Tatsache untermauern auch mehrmals durchgeführte Crashtests.

Geringe Unterschiede zwischen den Bundesländern
Im Bundesländer-Vergleich bei der Erhebung zur Gurtanlegequote ist Salzburg positiv hervorzuheben. Dort waren kaum noch Personen im Pkw zu sehen, die nicht angeschnallt waren (rund zwei Prozent). Ebenso war die Quote der nicht angeschnallten Insassen in Kärnten (6 Prozent) relativ niedrig. In Wien bedarf es noch eines stärkeren Umdenkens in Bezug auf den Sicherheitsgurt. Knapp 13 Prozent der beobachteten Pkw-Insassen waren nicht angeschnallt. Auch im Burgenland lag die Quote über zehn Prozent. Die restlichen Bundesländer lagen alle im Bereich des österreichweiten Wertes.

Verzicht auf Sicherheitsgurt auch im Ortsgebiet purer Leichtsinn
Selbst bei einem Aufprall mit Tempo 30 sind die freiwerdenden Kräfte so groß, dass man sich nicht mehr mit Armen und Beinen abstützen kann, wie auch aus den Ergebnissen von Crashtests hervorgeht. Daher sollte der Gurt immer - auch bei kurzen Fahrten im Ortsgebiet - angelegt werden. „Viele Autofahrer argumentieren aber, dass sie ohnehin nur im Ortsgebiet oder auf ihnen gut bekannten Strecken ohne Gurt unterwegs seien“, erklärt Nosé. Doch knapp zwei Drittel aller Unfälle passieren laut Statistik Austria im Ortsgebiet. „Sich dort nicht anzuschnallen ist purer Leichtsinn. Und gerade auf bekannten Strecken neigt man eher dazu, unvorsichtiger zu fahren, weil man meint, jeden Zentimeter zu kennen.“ Dass es allerdings immer zu einer unvorhersehbaren Gefahrensituation kommen kann, wird leider nach wie vor zu oft ausgeblendet.

Organstrafverfügungen im Dienst der Sicherheit
Die Gurtpflicht wurde in Österreich am 15. Juli 1976 eingeführt. Den größeren Meilenstein in der Erhöhung der Verkehrssicherheit brachte allerdings der 1. Juli 1984. Ab diesem Zeitpunkt wurden Verstöße mit einer Organstrafverfügung sanktioniert. Die Auswirkung auf die Unfallzahlen war signifikant: Vorher kamen Jahr für Jahr rund 1900 Menschen im Straßenverkehr ums Leben - 1985 sank diese Zahl deutlich auf rund 1500. Der Strafsatz für das Organmandat betrug anfangs 100 Schilling, umgerechnet ca. sieben Euro. Heute muss man mit mindestens 35 Euro rechnen, wenn man ohne angelegten Sicherheitsgurt erwischt wird. Beim Transport eines Kindes ohne die entsprechende Rückhalteeinrichtung droht eine Anzeige, der theoretische Strafrahmen reicht sogar bis zu 5000 Euro. Zusätzlich wird eine Vormerkung ins Führerscheinregister eingetragen.

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl
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