Auftritt & Interview

Manu Delago mit klimabewusstem Konzert-Neustart

Musik
19.05.2021 15:19

Endlich gesättigt - das seit fast sieben Monaten darbende Konzertpublikum darf ab sofort wieder Shows besuchen und bejubelte den Tiroler Hang-Spezialisten Manu Delago am Mittwochvormittag im Wiener Stadtsaal lautstark. Ein wichtiges Lebenszeichen für die gebeutelte Kulturszene mit Fokus auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit, wie uns der 37-Jährige im Gespräch kurz vor dem Auftritt erklärte.

kmm

Die endlos lange Schlange auf der Mariahilfer Straße schreckt anfangs ab, doch bei genauerer Betrachtung gehört sie nicht zum Wiener Stadtsaal, sondern zu einer hochfrequentierten, internationalen Modekette. Beim ersten großen Schritt zurück in Richtung alte Normalität sperren nicht nur die Restaurants, Fitnessclubs und Sportstätten, sondern auch die Konzertlocations wieder auf. Zumindest jene, für die es Sinn macht bis 22 Uhr zu veranstalten, denn ab dann ist vorerst noch Schluss mit lustig. Das vielleicht allererste österreichische Konzert außerhalb Vorarlbergs gibt der Tiroler Hangspieler Manu Delago um 11 Uhr vormittags im Wiener Stadtsaal. Diese spezielle Zeit ist einer Improvisation geschuldet, denn einige Stunden später betritt er auch noch in Kottingbrunn die Bühne. Dazwischen liegen ungefähr 40 Kilometer und etwa zwei Stunden Radfahren, denn Delago und seine fünfköpfige Crew befinden sich auf „ReCycling-Tour“.

Nachhaltig inspirieren
In nackten Zahlen bedeutet das 26 Konzerte innerhalb von 35 Tagen, in denen rund 1600 Kilometer unmotorisiert auf zwei Rädern zurückgelegt werden müssen. Der Gedanke dazu kam dem umweltbewussten Musiker schon lange vor der Corona-Pandemie. „Die Idee ist fast drei Jahre alt. Da ich als Musiker viel reise und auf Tour bin, habe ich schon länger ein schlechtes Gewissen und außerdem sind mir die Themen Klima und Nachhaltigkeit extrem wichtig. Mich hat das privat immer beschäftigt und ich versuche das bestmöglich zu leben. Als öffentliche Person habe ich eine Verantwortung, das nach außen zu tragen und andere zu inspirieren.“ Das Sextett radelt mit purer Muskelkraft und nicht mit E-Bikes. Allein schon die Anhänger kommen auf je 60 Kilogramm Gepäck. Schließlich müssen die Instrumente und die Technik transportiert werden, denn Delago setzt mit seinem Team nicht nur außerhalb der Konzertsäle auf das Nachhaltigkeitsprinzip.

So war die Stadtsaal-Bühne nur in minimalstes Licht getaucht, was einen ganz profanen Hintergrund hat. Der Künstler verwendet nur jenes Licht, das mit den selbst gebauten und auf den Anhängern installierten Solarzellen aufgeladen wurde und verzichtet bewusst auf die Saalbeleuchtung der Lokation. Auch beim Instrumentarium sind abseits des Hangs von Delago und der Posaune von Alois Eberl Spontanität und Kreativität gefragt. Percussionist Tobias Steinberger etwa sammelt sich aus auf der Straße gefundenem Müll wie alten Werkzeugteilen, Radkappen und dergleichen für jeden Abend neue Behelfsstücke zusammen, auf denen er seine Fertigkeiten zum Besten gibt. Vorbereitung und Organisation sind in diesem Fall mehr als das halbe Leben für die kleine Crew, die ihre Erlebnisse humoristisch, musikalisch und Augen öffnend auf Videobeiträgen in den Social-Media-Orbit schießt. Ob daraus, ähnlich wie bei Onk Lous sommerlichem Ausflug durch die Gärten und Wohnzimmer Österreichs, eine Dokumentation wird, steht jetzt noch in den Sternen. 

Familienbetrieb
Neben dem Umweltgedanken, steht auch der Abenteuer-Aspekt im Zentrum des Geschehens. „Teilweise hatten wir schon 100-Kilometer-Etappen im Regen, das zehrt dann natürlich schon an den Kräften.“ Nichts wird auf der „ReCycling-Tour“ dem Zufall überlassen. Das vegetarische Essen lässt sich die Band von Fans zubereiten und holt es dann in eigens mitgebrachten Jausenboxen ab. Im Gegenzug dafür gibt es Konzertkarten oder Merchandise-Artikel. Alle Teilnehmer der Tour sind mit dunkler Wäsche unterwegs, um die Waschvorgänge alle paar Tage möglichst zu minimieren und jeder hat seine ganz spezielle Aufgabe. Posaunist Eberl ist für die Versorgung zuständig, Percussionist Steinberger sorgt für frische Wäsche, Lichttechniker Simon Schindler kämpft um die notwendige Solarenergie, Tontechniker Lukas Froschauer verarztet das Equipment und drei sich abwechselnde Fotografen bzw. Videofilmer halten das Prozedere für die Nachwelt fest. Delago steht dabei im Mittelpunkt und ist der Kopf der Gesamtorganisation.

Energie- und Umweltschutz, Ernährungsbewusstsein und Abfallvermeidung stehen neben den musikalischen Streaming- bzw. Liveshows ganz oben. Dass es in den meisten Backstage-Bereichen in Einwegplastikflaschen verpacktes, stilles Wasser gibt, stößt Delago sauer auf. Derartig kredenzte Lebensmittel sind für die gesamte Reisecrew absolut tabu. „Vielen Locations ist gar nicht bewusst, was sie da machen. Sie glauben im Guten zu handeln, tun es aber nicht. Wir wollen einfach aufzeigen und behandeln diese Themen auch bewusst in unseren Videos und Postings.“ Die Klimathematik zieht sich dann folgerichtig als roter Faden durch das gut einstündige Set, das sich von Gig zu Gig leicht verändert und passend adaptiert wird. So geben etwa ein obskures Cover von Queens „Bicycle Race“ oder ein Song mit Samples von „Tom Turbo“ gegen die motorisierte Umweltverschmutzung den Ton an und vermischen sich mit famosen Eigenkompositionen wie „Almost Thirty“, „Freeze“ oder dem grandiosen neuen Song „ReCycling“, bei dem anhand der Grooves und Beats das verpflichtende Sitzenbleiben nur schwer einzuhalten war. Dazwischen interagiert Delago mit dem Publikum und kassiert frenetischen Jubel.

Comeback gelungen
Das Drumherum funktioniert nach fast siebenmonatiger Veranstaltungspause hervorragend. Frei nach den 3Gs (getestet, geimpft, genesen) wurde beim Eingang zügig und genau kontrolliert, der Gusto nach Kultur und vielleicht auch einem ersten kühlen Vormittagsbier war den Leuten anzusehen. Sämtliche Gäste verhielten sich diszipliniert und geordnet. Diese Ordnung war auch nach dem Gig nötig, denn durch das Übergewicht anhand des Fahrradtransports hat Delago seine Platten und CDs dieses Mal daheim gelassen. So mussten sich Interessierte nach der Show via iPad und Vorabzahlung registrieren, um das Material nach der Tour vom Musiker per Post zugeschickt zu bekommen. Für zwei Songs wurde Überraschungsgast Yasmo bejubelt, die mit ihrem Track „Es ist Musik“ zum Träumen, Hoffen und optimistischen Vorausblicken in eine hoffentlich alte Konzertnormalität animierte. Delago und sein Team radeln vorerst einmal bis 2. Juni weiter zurück gen Westen. Kultur und Musik sind wieder da. Und sie sind gekommen, um zu bleiben.

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