Album „Die Gruppe“

Ja, Panik: Pandemie-Prophezeiungen ohne Absicht

Musik
01.05.2021 06:00
Porträt von Wien Krone
Von Wien Krone

Sieben Jahre sind seit dem letzten Studioalbum der in Berlin ansässigen Burgenländer Ja, Panik vergangen - dementsprechend neu orientiert und andersartig klingen auch die Lieder auf dem Album „Die Gruppe“, die Andreas Spechtl und Co. ironischerweise ab Corona-Tag eins eingespielt haben.

kmm

Nach mehreren Jahren Pause voller Tatendrang und mit neuen Songs im Gepäck ins Studio: So lautete der Plan der Gruppe Ja, Panik vor ziemlich genau einem Jahr. „Und dann war am ersten Tag der Aufnahmen Lockdown“, erzählt Sänger und Songwriter Andreas Spechtl. Corona konnte das Album „Die Gruppe“ letztlich aber nicht verhindern, sondern hat es nur etwas verzögert. Am Freitag erschien das wohltuend sperrige Lebenszeichen einer der spannendsten Popbands des Landes.

Pandemieeinfluss hörbar
„In drei Wochen wollten wir die Platte aufnehmen, gebraucht hat es dann drei Monate“, blickt Spechtl im APA-Interview zurück. Einen inhaltlichen Einfluss hatte die Pandemie zwar nicht, im Aufnahmeprozess spiegle sich das Ausnahmejahr 2020 aber natürlich wieder. „Es gab dadurch eine Ruhe und auch eine geschenkte Zeit. Das höre ich jetzt schon raus. Es wäre musikalisch wohl eine andere Platte geworden ohne diese Situation.“

Dass es überhaupt zu einem neuen Ja, Panik-Studioalbum kam - der poppige Vorgänger „Libertatia“ war 2014 erschienen -, hat wohl im weitesten Sinne mit Geduld zu tun. „Wir haben immer wieder darüber gesprochen, etwas zu machen, aber es hat sich nie richtig angefühlt“, so Spechtl, neben dem Stefan Pabst (Bass), Laura Landergott (Keys und Gitarre) sowie Sebastian Janata (Schlagzeug) die Gruppe komplettieren. Im Sommer 2019 kamen die Dinge schließlich ins Rollen. „Es hat sich dann alles relativ von selbst ergeben.“

Gefühl eines Debüts
Die neuen Songs entspringen den diversen Notizbüchern Spechtls, der das Handgeschriebene einmal pro Jahr digitalisiert. „2019 habe ich dann gemerkt, dass es genug gibt.“ Von der Arbeitsweise her habe „Die Gruppe“ also etwas von einem Debüt, „weil man ganz lange Zeit hat, die Stücke zu schreiben. Es wartet ja nicht wirklich jemand darauf“, schmunzelt Spechtl. Eine Bemerkung, die wohl nicht jeder Fan der Band unterschreiben würde.

Ob warten oder nicht, die Pause ist nun definitiv zu Ende: „Die Gruppe“ ist eine Platte geworden, die viele bekannte Zutaten von Ja, Panik beinhaltet, aber doch neu und anders klingt. In erster Linie sind da die ausufernden Klangflächen zu nennen, die viele Stücke dominieren und aus denen sich sukzessive Strukturen und Melodien herausschälen. Man muss sich Songs wie „Memory Machine“ oder „1998“ erst erarbeiten, wird dann aber reich belohnt.

Neue Pfade
„Wir haben immer versucht, uns selbst musikalisch den Boden unter den Füßen wegzuziehen und uns auf neues Terrain zu wagen“, meint Spechtl. „Der Hauptunterschied erklärt sich für mich meistens durch das Instrument, auf dem die Songs geschrieben wurden. War das zuvor etwa akustische Gitarre oder Klavier, habe ich die neuen Stücke hauptsächlich am Synthesizer geschrieben. Viel war nur auf Drones und Sounds aufgebaut, oft gibt es ganz wenige Akkordwechsel.“ So sei ein „offeneres Arbeiten“ möglich gewesen, „es gab für unsere Verhältnisse viel Improvisation und Ausprobieren, ein Sich-als-Gruppe-finden. Die Platte ist letztlich sehr unrockig.“

Aufgenommen wurde im Burgenland, die Produktion hat Spechtl selbst übernommen. „Es ging für uns schon darum, Ja, Panik wieder zum Leben zu erwecken. Deswegen war klar, dass wir keine zusätzliche Stimme von außen brauchen. Das war so ein fragiles Gebilde. Es hatte etwas wahnsinnig Intimes und war für die Platte wichtig, dass wir nur unter uns waren. Dadurch hat sich eine alte Herangehensweise eingelöst: Wir haben immer schon versucht, möglichst viel bei uns zu lassen.“

Themen sind aufgebrochen
Aufhorchen lässt das Album mit Liedern, die wie ein Kommentar zur Pandemie wirken - etwa das folkige „The Cure“ oder das atmosphärisch sehr dichte „On Livestream“. „Es gab ein paar Zeilen, die ich beinahe entschärfen wollte, weil sie zu sehr auf die Pandemie gedichtet klingen“, gibt Spechtl zu. Aber letztlich seien die durch Corona zutage geförderten Probleme und Diskurse viel älter. „Alles, mit dem wir uns herumplagen, von Querdenkern über zu Tode gespartem Gesundheitssystem bis zur Frage, wer die Care-Arbeit zuhause übernimmt oder wie Reichtum beziehungsweise Impfstoff verteilt wird, war schon vorher da. Jetzt ist das einfach hervorgebrochen.“

Andererseits sei „Die Gruppe“ auch eine selbstreflexive Angelegenheit, erklärt der Musiker. „Viele Themen weisen zurück auf Platten wie ‘DMD KIU LIDT‘, erzählen aber gleichzeitig einen neuen Aspekt. Oder es wird das Utopische von ‘Libertatia‘ ins Dystopische gedreht. So kam dann relativ spät die Idee, die Platte auch ‘Die Gruppe‘ zu nennen, weil es eine Selbstverortung ist. Dinge, für die man sich interessiert, gehen ja nicht weg, wenn man einmal darüber gesprochen hat. Man schaut sie sich vielleicht von einer anderen Seite an.“

Pause notwendig
Eine endgültige Lesart gebe es für die Lieder aber ohnedies nicht. „Am Ende ist es Poesie und Kunst und somit auch für mich eine Frage“, unterstreicht Spechtl. „Ich sitze oft davor wie jemand, der etwas über sich selbst und die Welt erfährt. Da bin ich sozusagen der Erste, dem dieses Lied vorgespielt wird.“ Für Ja, Panik scheint jedenfalls ein neuer Abschnitt zu beginnen. „Wir haben jetzt eine Form gefunden, wie wir gut miteinander arbeiten. Das ist in der Gruppe ja auch ein miteinander Leben. Die Pause war sicher sehr wichtig für uns“, so der Musiker. „Wir haben zum richtigen Zeitpunkt die Stopptaste gedrückt.“

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