27.04.2021 10:33 |

„Hautprobleme“

Fake-Shop bietet Hilfe bei häuslicher Gewalt

Das Logo zeigt Blümchen auf rosa Hintergrund, der Name klingt harmlos. „Rumianki i bratki - Kamille und Stiefmütterchen“. Doch hinter dem Internetauftritt eines vermeintlichen Shops für Naturkosmetik in Polen verbirgt sich ein Hilfsangebot für Opfer häuslicher Gewalt. Bittet jemand im Chat um Beratung für eine passende Hautcreme, meldet sich statt einer Verkäuferin eine Psychologin oder Juristin und fragt, wie lange die „Hautprobleme“ denn schon bestehen.

Wird eine Bestellung mit Adresse aufgegeben, ist dies ein Code für eine Intervention. „Kosmetik, die die Haut rettet“, heißt es denn auch doppeldeutig auf der Seite. Ausgedacht hat sich das eine 18-jährige Schülerin aus Warschau, Krystyna Paszko. Die EU hat ihr Projekt kürzlich mit dem Preis für zivile Solidarität und 10.000 Euro ausgezeichnet.

Als im vergangenen Frühjahr der Lockdown begann, hörte Krystyna vom Anstieg häuslicher Gewalt. Sie postete ihre Idee auf Facebook. „Das sollte ein Projekt für meine Bekannten sein, ich habe gar nicht daran gedacht, das landesweit umzusetzen.“ Innerhalb weniger Tage war das Echo dermaßen groß, dass die Schülerin das Warschauer „Zentrum für Frauenrechte“ mit ins Boot holte.

Inspiriert wurde Krystyna von einer Initiative aus Frankreich. Weil es für die Opfer häuslicher Gewalt während des Lockdowns schwieriger ist, ohne Kontrolle des Täters einen Computer oder ein Telefon zu nutzen, richtete die Regierung dort ein Meldesystem in Apotheken ein. Mit dem Codewort „Maske 19“ können sich Betroffene an den Apotheker oder die Apothekerin wenden, die dann die Polizei alarmiert. Das System „Alerte Pharmacie“ werde auch nach dem Lockdown weiter aktiv bleiben, hieß es im Herbst. Prinzipiell sollen Betroffene Fälle häuslicher Gewalt in Apotheken melden können, auch ohne Passwort.

Bessere Geheimhaltung
Besonders für jüngere Frauen sei der Weg zur Hilfe per Online-Chat leichter und natürlicher, findet Krystyna. „Weil es ein Chat ist, lässt es sich besser geheim halten, ein Telefongespräch kann man ja aus dem anderen Zimmer mithören.“ In mehr als 400 Fällen hat der vermeintliche Naturkosmetik-Shop schon konkrete Hilfe geleistet. Etwa zehn Prozent der Betroffenen sind Männer. Jugendliche, die sich in Polen als schwul, lesbisch, bisexuell oder transgender outen, müssten oft noch mit Schlägen von der Familie rechnen, sagt Krystyna.

Mehr als doppelt so viele Notfälle
„Die Statistiken der Polizei in Polen zeigen zwar keinen Zuwachs bei der häuslichen Gewalt“, berichtet Joanna Gzyra-Iskander vom Zentrum für Frauenrechte. Das Zentrum betreibe aber auch ein Notfalltelefon, dort ergebe sich ein anderes Bild: „Im Jahr 2019 riefen uns rund 2000 Betroffene an, im Jahr 2020 waren es mehr als 4500.“

Wenden sich die Opfer häuslicher Gewalt in Polen direkt an die Polizei, machen sie gemischte Erfahrungen, weiß Gzyra-Iskander. Manche Beamte würden verständnisvoll reagieren und von einem neuen Recht Gebrauch machen, das seit November in Polen gilt. Die Polizei kann den Täter ohne Gerichtsentscheid aus der gemeinsamen Wohnung weisen - und ihm für zwei Wochen verbieten, sich diesem Ort zu nähern. „Manche Opfer bekommen bei der Polizei aber auch Ratschläge wie: ‘Schließen Sie sich doch einfach in Ihrem Zimmer ein.‘“

Was Frauenrechtlerinnen in Polen beunruhigt: Die nationalkonservative PiS-Regierung prüft den Austritt aus der Istanbul-Konvention zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen. Sie sieht in dem Dokument einen von angeblicher Gender-Ideologie geprägten Angriff auf die Institution von Familie und Ehe.

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