01.03.2021 08:54 |

Psychisch belastend

Videokonferenzen: 4 Tipps gegen „Zoom-Müdigkeit“

Videokonferenzen sind während der Corona-Pandemie für viele von uns zu einem festen Bestandteil des Arbeitsalltags geworden - mit negativen Folgen für Körper und Seele. Wissenschaftler sprechen daher bereits von einer „Zoom-Müdigkeit“. Doch warum fühlen wir uns nach Videokonferenzen eigentlich so erschöpft und gestresst? Professor Jeremy Bailenson vom Virtual Human Interaction Lab der Universität Stanford hat vier Ursachen identifiziert und verrät, wie sich ihre Auswirkungen abschwächen lassen.

Videokonferenzen seien eine gute Sache für die Fernkommunikation. Doch nur, weil man Video verwenden können, heiße das auch nicht, dass man Video verwenden müsse, ist Bailenson überzeugt. Denn die oftmals stundenlangen Unterredungen via Zoom, Teams & Co. wirken besonders ermüdend und erschöpfend auf die Psyche, wie Bailenson in seiner kürzlich in der Fachzeitschrift „Technology, Mind and Behavior“ veröffentlichten Studie „Nonverbal Overload: A Theoretical Argument für the Causes of Zoom Fatigue“ darlegt. Der Wissenschaftler macht dafür vier „Designfehler“ in den Anwendungen verantwortlich.

Übermäßiger Blickkontakt mit anderen
Der erste sei, dass Videokonferenz-Teilnehmer übermäßigem und sehr intensivem Blickkontakt ausgesetzt seien. In einem normalen Meeting schauten die Teilnehmer den Sprecher an, machten sich Notizen oder schauten woanders hin, erläutert Bailenson. Aber bei Zoom-Anrufen schaue jeder jeden an, die ganze Zeit. „Soziale Angst vor öffentlichem Sprechen ist eine der größten Phobien, die es in unserer Bevölkerung gibt“, erläutert der Wissenschaftler in einer Mitteilung der Universität. „Wenn Sie da oben stehen und jeder starrt Sie an, ist das eine stressige Erfahrung.“

Eine weitere Stressquelle ist demnach in diesem Zusammenhang, dass Gesichter bei Videokonferenzen je nach Monitorgröße zu groß erscheinen können. „Wenn es sich um ein persönliches Gespräch mit Kollegen oder sogar Fremden handelt, sehen Sie das Gesicht in einer Größe, die den persönlichen Raum simuliert, den Sie normalerweise erleben, wenn Sie mit jemandem zusammen sind“, so Bailenson. Wenn das Gesicht einer Person im echten Leben so nah an unserem sei, interpretiere unser Gehirn dies „als eine intensive Situation, die entweder zu einer Paarung oder zu einem Konflikt führen wird“. Bailenson: „Wenn Sie Zoom für viele, viele Stunden nutzen, befinden Sie sich in einem hyper-erregten Zustand.“

Der Psychologe empfiehlt daher, während Videokonferenzen keinen Vollbildmodus zu verwenden und stattdessen das Fenster der Anwendung und somit die Gesichtsgröße der anderen Gesprächspartner zu minimieren. Außerdem sollten Nutzer eine externe Tastatur verwenden, um den persönlichen Raum zwischen sich selbst und den anderen Teilnehmern zu vergrößern.

… und uns selbst
Anstrengend und ermüdend ist laut Bailenson aber nicht nur der ständige Blickkontakt mit anderen, sondern auch uns selbst, hielten die meisten Videoplattformen den Nutzern doch eine Art virtuellen Spiegel vor, in dem diese sich dauernd zu sehen bekämen. „Wenn Ihnen in der realen Welt jemand ständig mit einem Spiegel folgen würde, sodass Sie sich selbst in einem Spiegel sehen, während Sie mit Leuten sprechen, Entscheidungen treffen, Feedback geben, Feedback bekommen - das wäre einfach verrückt. Niemand würde das jemals in Betracht ziehen“, so Bailenson.

Der Experte verweist in diesem Zusammenhang auf Studien, denen zufolge man kritischer mit sich selbst umgeht, wenn man sein Spiegelbild sieht. Viele von uns sähen sich nun aber täglich viele Stunden lang in Videochats. „Das ist anstrengend für uns. Und es gibt eine Menge Untersuchungen, die zeigen, dass es negative emotionale Folgen hat, wenn man sich selbst im Spiegel sieht“, so Bailenson. Der Psychologe empfiehlt Nutzern daher, sofern möglich, die Selbstansicht auszublenden.

Eingeschränkte Mobilität
Dass wir uns nach Videokonferenzen so erschöpft fühlen, liegt dem Wissenschaftler zufolge aber auch daran, dass während der Videochats unsere Mobilität „drastisch“ eingeschränkt ist. Während Menschen bei persönlichen Gesprächen und Telefonaten herumlaufen und sich bewegen könnten, schränkten Videokonferenzen aufgrund des starren Sichtfeldes der Webcam die Bewegungsfreiheit auf unnatürliche Weise ein. „Es gibt immer mehr Forschungsergebnisse, die besagen, dass Menschen, die sich bewegen, kognitiv besser abschneiden“, so Bailenson.

Der Psychologe empfiehlt daher, mehr über den Raum nachzudenken, in dem die Videokonferenz stattfindet, wo die Kamera positioniert ist und ob Dinge wie eine externe Tastatur helfen können, Distanz oder Flexibilität zu schaffen. Eine externe Kamera, die weiter vom Bildschirm entfernt sei, ermögliche es zum Beispiel, in virtuellen Meetings genauso auf und ab zu schreiten wie in realen Meetings. Gruppen sollten zudem während der Konferenzen regelmäßig das Videobild ausschalten, um sich eine kurze nonverbale Pause zu gönnen.

Höhere kognitive Belastung
Ermüdend hinzu kommt laut Bailenson, dass wir uns in Videokonferenzen - im Gegensatz zur direkten Kommunikation von Angesicht zu Angesicht - mehr anstrengen müssten, um nonverbale Signale zu senden und zu empfangen. „Sie müssen sicherstellen, dass Ihr Kopf in der Mitte des Videos eingerahmt ist. Wenn man jemandem zeigen will, dass man ihm zustimmt, muss man übertrieben nicken oder den Daumen nach oben strecken. Das erhöht die kognitive Belastung, da man mentale Kalorien verbraucht, um zu kommunizieren“, erläutert er.

Zudem könnten Gesten im Kontext eines Videomeetings verschiedene Dinge bedeuten: Ein Seitenblick zu jemandem während eines persönlichen Meetings bedeutet demnach etwas ganz anderes, als wenn eine Person in einem Videochat aus dem Bildschirm heraus zu einem Kind blickt, das gerade ins Home-Office gekommen ist.

Bailenson rät daher, sich während längerer Besprechungen eine „Nur Audio“-Pause zu gönnen: „Das bedeutet nicht nur, dass Sie Ihre Kamera ausschalten, um eine Pause von der nonverbalen Aktivität zu machen, sondern auch, dass Sie Ihren Körper vom Bildschirm wegdrehen, damit Sie für ein paar Minuten nicht mit Gesten erdrückt werden, die zwar wahrnehmbar realistisch, aber sozial bedeutungslos sind.“

Sebastian Räuchle
Sebastian Räuchle
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