04.01.2021 11:39 |

Ökonom warnt

Industrie 4.0: „Österreich verschläft allerhand“

Die Digitalisierung hat längst alle Lebensbereiche erfasst. Eine von vielen erwartete ökonomische Krise, ausgelöst durch den Einsatz von Maschinen, die Arbeitsplätze verdrängen, ist zwar bislang weitgehend ausgeblieben, doch die nächste Umwälzung steht bereits bevor. Miteinander kommunizierenden, smarten Maschinen wird prophezeit, für einen noch tiefer greifenden gesellschaftlichen Wandel zu sorgen. Wie dieser aussehen könnte und was das für Österreich bedeutet, untersucht ein Team um den Ökonomen Heinz Dieter Kurz in einem vom Wissenschaftsfonds FWF finanzierten Projekt.

„Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien werden zu den sogenannten General Purpose Technologies gezählt, also Technologien mit allgemeiner Anwendbarkeit “, erklärt Projektleiter Kurz. Historische Beispiele sind das Rad, die Dampfmaschine oder die Elektrizität. „Sie sind dadurch charakterisiert, dass sie die Fähigkeit haben, die Arbeitsproduktivität sehr stark zu erhöhen, und dass sie einen sehr breiten Anwendungsbereich haben. Das heißt, sie betreffen das gesamte ökonomische und soziale System. Ein anderes Merkmal ist, dass sie ein großes Potenzial für weitere technologische Erfindungen aufweisen.“

„Da bleibt kein Stein auf dem anderen“
Solche General Purpose Technologies haben laut Kurz enorme Auswirkungen: „Diese Technologien wälzen das gesamte System um, da bleibt kein Stein auf dem anderen“, betont der Forscher. Kurz spricht in diesem Zusammenhang von „Schöpferischer Zerstörung“. Mit dem Begriff sei gemeint, dass neues Wissen, das sich in gewissen Produkten materialisiert, nicht einfach an die Seite des alten tritt, sondern das alte verdrängt. „Solche Ereignisse sind in der Regel nicht für alle Personen der Gesellschaft von Vorteil, sondern nur für einige, während sie möglicherweise für andere von großem Nachteil sind“, erklärt der Forscher.

„Hierzulande wird kein IT-Gigant entstehen“
Kurz und sein Team untersuchen, wie Österreich auf die Veränderung reagieren kann. Ergebnisse legen nahe, dass Österreich, was die Transformationskapazität in Bezug auf die digitale Revolution betrifft, im internationalen Vergleich im stärkeren Mittelfeld liegt. Federführend sind jedoch andere Länder: „Das Besondere an diesen Technologien ist, dass mittlerweile fast monopolartige Institutionen in den USA, aber inzwischen auch in China entstanden sind“, berichtet Kurz. Ein kleines, wissensbasiertes Land wie Österreich könne hier, abgesehen vom Besetzen von Nischen, nicht viel tun. „Hierzulande wird kein Gigant der Informations- und Kommunikationstechnologie entstehen“, so der Forscher, der betont, dass Ähnliches auch für Europa als Ganzes gelte.

„Die EU versucht hier mit Verspätung, im internationalen Wettbewerb mitzuhalten. Es ist fraglich, ob die Kosten des Aufbaus einer eigenen IT-Industrie nicht möglicherweise zu groß sind.“ In einzelnen Bereichen, beispielsweise in der Entwicklung mikro- und nanoelektronischer Komponenten und Systeme, könne Österreich eine wichtige Rolle spielen. Zentral ist jedoch eine Strategie der Politik. „Es gibt eine Polarisierungshypothese, dass höherqualifizierte Arbeitskräfte ihre Chancen außerordentlich verbessern können, wenn sie imstande sind, mit den neuen Technologien umzugehen“, sagt Kurz. Routinearbeiten würden durch künstliche Intelligenz immer stärker wegrationalisiert, wenngleich dieser Effekt bisher in Österreich nicht so stark sei, wie man das vermutet habe. „Doch das kann sich sehr schnell ändern“, gibt der Forscher zu bedenken.

Österreich verschläft allerhand
Kurz weist in diesem Zusammenhang auf die wichtige Rolle der Politik hin: „Das Internet und viele andere der heute wichtigen Technologien im Informations- und Kommunikationssektor sind ursprünglich durch staatliche Förderungen entstanden.“ Die Politik könne also durchaus eingreifen und quasi die Rolle eines Unternehmers einnehmen. „Mein persönlicher Eindruck ist, dass Österreich da allerhand verschläft.“ Es sei eine Segregation in der Gesellschaft zu befürchten, wie es sie noch nie gegeben hat.

Der Experte fordert daher für Schulen die Bereitstellung der Hardware und eine Stärkung der digitalen Bildung: „Ich kenne etliche Familien mit mehreren Kindern, die verfügen nur über einen Computer“, erzählt Kurz. Die Pandemie zeige das Problem besonders drastisch auf, wenn es darum geht, diese Kinder im Home-Schooling zu unterrichten. Corona beschleunige das Auseinanderdriften in der Bildung. „Das hat langfristige Folgen, die kaum absehbar sind.“ Bisher seien die Probleme noch nicht akut. „Größere Arbeitslosigkeit, die durch technische Neuerungen bedingt wäre, sieht man bislang nicht“, bestätigt der Ökonom.

Dennoch dränge die Zeit. „Es wird zur Freisetzung von Arbeitskräften kommen. Die Frage ist, wie viele neue Jobs entstehen werden. Und das wird wesentlich von der Wirtschaftspolitik abhängen“, prophezeit der Forscher.

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