20 Jahre Einheit
Bundespräsident mahnt zu Toleranz und Offenheit
Deutschland verschließe zudem nicht die Augen vor denjenigen, die den Gemeinsinn missbrauchten. Der Sozialstaat sei "kein Selbstbedienungsladen ohne Gegenleistungsverpflichtung", zitierte er die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig. "Legendenbildungen, Zementierung von Vorurteilen und Ausgrenzungen dürfen wir nicht zulassen", unterstrich Wulff.
Zugehörigkeit dürfe nicht auf einen Pass, eine Familiengeschichte oder einen Glauben verengt werden. Im Sinne der christlich-jüdischen Geschichte gehörten das Christentum und das Judentum zweifelsfrei zu Deutschland. "Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland", betonte Wulff. Schon Goethe habe vor 200 Jahren festgestellt: "Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen."
Nachholbedarf bei Integration
Deutschland habe in Fragen der Integration weiter Nachholbedarf, konstatierte Wulff und nannte Integrations- und Sprachkurse für die ganze Familie, Unterrichtsangebote in Muttersprachen und islamischen Religionsunterricht von in Deutschland ausgebildeten Lehrern. Auch bedürfe es mehr Konsequenz bei der Durchsetzung von Regeln und Pflichten, etwa bei Schulschwänzern.
Ohne direkt die umstrittenen Thesen des Islam-Kritikers Thilo Sarrazin zu nennen, wandte sich Wulff aber gegen Verletzungen der Menschen mit ausländischen Wurzeln in Deutschland. "Meine eindringliche Bitte lautet: Lassen wir uns nicht in eine falsche Konfrontation treiben."
Merkel: Mehr Anerkennung für Lebensleistung
Bundeskanzlerin Angela Merkel wünschte sich anlässlich des 20. Jahrestags der Einheit mehr Anerkennung für die Lebensleistung der Menschen aus der DDR. "Schade ist nur, dass manche bis heute nicht sehen oder verstehen wollen, dass das Staatsgebilde der DDR das eine war - und das Leben jedes Einzelnen das andere", sagte die CDU-Vorsitzende der "Bild am Sonntag". "Das Leben in der DDR war beschwerlich und reglementiert und beschränkt, aber wir haben versucht, etwas daraus zu machen."
Merkel warb um Verständnis für Ostdeutsche, die keine Freude über das Ende der DDR empfänden. Zahlreiche Menschen in Ostdeutschland trauerten auch "verlorenen Lebenschancen" nach, betonte Merkel. Gerade die ältere Generation habe den Umbruch teils hart zu spüren bekommen, vor allem durch Arbeitslosigkeit.
Glückwünsche von Gorbatschow, Medwedew und Obama
Der frühere sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow stellte die Leistungen des deutschen und russischen Volkes in den Mittelpunkt. Ohne diese Unterstützung hätte die sowjetische Regierung nicht so handeln können, wie sie gehandelt habe, unterstrich er. Der Friedensnobelpreisträger kritisierte zugleich, dass heute dennoch Misstrauen, alte Vorurteile und Klischees blieben und wieder ins Spiel gebracht würden. Russland beispielsweise würden "ungute, sogar aggressive, imperiale Absichten" unterstellt.
US-Präsident Barack Obama und Russlands Präsident Dmitri Medwedew gratulierten Deutschland zum Jahrestag der Einheit. Das friedliche Ende der deutschen Teilung sei eine "historische Leistung" gewesen, erklärte Obama in Washington. "Wir ehren den Mut und die Überzeugung der Deutschen, die die Berliner Mauer zum Einsturz gebracht und Jahrzehnte einer schmerzhaften und künstlichen Trennung beendet haben", sagte er.
Medwedew erklärte in Moskau, die deutsche Wiedervereinigung habe die Basis für eine "strategische Partnerschaft" zwischen Deutschland und Russland gelegt. Die Einheit sei von "anhaltender historischer Bedeutung für die Deutschen und für ganz Europa".
Deutsche Einheitsfeiern ohne große Ausschreitungen
Rund 2.000 überwiegend linksextreme Demonstranten sahen das anders. Mit Parolen wie "Nie wieder Deutschland" propagierten sie am Samstagabend in Bremen eine "radikale Absage an Staat, Nation und Kapital". Die Kundgebung endete am Abend nach Polizeiangaben "im Großen und Ganzen friedlich". In der Nacht auf Sonntag steckten Unbekannte in verschiedenen Stadtteilen allerdings einen Schaufelradlader, drei Autos und zwei Müllcontainer in Brand (siehe Infobox).
Bereits in den Tagen vor Beginn der Festtage hatten Sachbeschädigungen und Vandalismus in Bremen zugenommen. Die Polizei hatte sich darum auf erhebliche Ausschreitungen eingestellt. Bis zu 3.000 Beamte waren zur Bewachung der Einheitsfeiern im Einsatz.











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