30.08.2020 06:00 |

Schlagfertig

Martin Grubinger: Gute und ehrliche Führung

„Krone“-Kolumnist Martin Grubinger ist bekennender Anhänger des FC Bayern München. Die Entwicklung seines Lieblingsfußballvereins unter Trainer Hansi Flick sei gerade für Musiker „ein hochinteressantes Phänomen“, schreibt Grubinger in seiner heutigen Kolumne. Die neugewonnene Stärke ein Beispiel für „gute und ehrliche Führung“.

2. November 2019. Das Starensemble des FC Bayern München gastiert im Frankfurter Waldstadion bei Eintracht Frankfurt. Schon lange spürten eingefleischte Bayern München Fans, dass es innerhalb der Mannschaft, aber auch zwischen dem Trainer Niko Kovac und dem Team atmosphärisch nicht mehr stimmte. Auch von Bayerns Alphatieren Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß war zu hören, dass lautstarke Meinungsverschiedenheiten keine Seltenheit waren. Einig war man sich in den wirklich wichtigen Fragen prinzipiell nicht. Bayern Münchens Eigengewächs und Fanliebling Thomas Müller wurde von Niko Kovac aufs Abstellgleis abserviert. Die Fans waren sauer, der Verein gespalten.

An diesem trostlosen Novembernachmittag kulminierte das alles in einem Spiel, das die Frankfurter Eintracht, gecoacht von Austria Salzburg Legende Adi Hütter, sensationell und verdient mit 5:1 gewann. Danach blieb kein Stein auf dem anderen. Kovac wurde entlassen - die große Trainerlösung war nicht in Sicht.

Jürgen Klopp, Pep Guardiola und einige andere Startrainer waren nicht verfügbar. Andere Trainer, wie Arsenals Urgestein Arsene Wenger, der sich indirekt selbst angeboten hatte, traute man die Wende zum Besseren offenbar nicht zu. So wurde aus der Not heraus der damalige Bayern-Co-Trainer Hansi Flick interimistisch als neuer Chefcoach installiert. Für vorerst zwei Spiele. Danach wollte man weitersehen. Das war eine klassische Bayern-Lösung. Man hat dort gerne Leute mit Stallgeruch. Flick war einst Spieler im Verein. Kein Feinmechaniker, der die „Ahs“ und „Ohs“ im Stadion erzeugte, aber ein Kenner des Umfelds. Außerdem ohne Allüren. Das kommt bei selbst ernannten Startrainern selten vor. Fast alle sehen sich als Kapazunder der besonderen Fußballweisheiten. Flick aber setzte auf Understatement und die Spieler auf ihn.

Wie groß der Einfluss von guter, ehrlicher Führung und psychologisch fein austarierten Ansätzen im Umgang mit Spitzensportlern ist, zeigt die Entwicklung dieser Mannschaft in weniger als neun Monaten. Denn in gleicher Kaderbesetzung gewann Hansi Flick mit seiner Mannschaft knapp neun Monate nach der Schmach von Frankfurt das Champions League Finale und hievte damit Bayern München auf den Fussballthron Europas.

Was war passiert? Gerade für uns Musiker, die wir von uns und unseren Mitstreitern täglich Spitzenleistungen in den Proben und Konzerten erwarten, ist das Beispiel Bayern München in Zusammenarbeit mit seinem Trainer ein hochinteressantes Phänomen. Hört man auf die Zwischentöne in den Spieler-Interviews, dürfte Flick an den entscheidenden Stellschrauben gedreht haben. Direkte und ehrliche Kommunikation mit den Spielern. Klare taktische Aufgabenverteilung auf den einzelnen Positionen, Rückkehr zur Bayern-Spielphilosophie, die schon unter Louis van Gaal, Jupp Heynckes und Pep Guardiola praktiziert wurde. Hohes Pressing, Ballbesitz und Spielkontrolle. Dazu die Einbindung der Ersatzspieler, die aufgrund fehlender Einsatzzeiten natürlich Frust aufgebaut hatten. Trotzdem war da plötzlich ein eingeschworenes Team zu sehen. Ersatzspieler, die bedingungslos die Stammelf unterstützten. Bereits aussortierte Spieler, die wieder Vertrauen und Mut geschöpft haben und dies mit Leistung untermauerten. Dazu junge Spieler, die die Corona-Auszeit nutzten und körperlich in überragendem Zustand den Wiedereinstieg schafften. Da war ein fittes, taktisch bestens koordiniertes Team am Werk, das den Sieg einfach wollte. Dann das Triple. Der ultimative Coup, der in 120 Jahren Vereinsgeschichte erst einmal geschafft wurde. Deutsche Meisterschaft, DFB-Pokal-Sieg und der Champions-League-Gewinn. Mehr geht nicht. Manche meinten, Barcelona-Star Messi könnte die Bayern mit einer Schar von altgedienten Spielern vom Platz fegen. Am Ende stand das legendäre 8:2. A Night to remember.

 Salzburg-Krone
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