10.08.2020 09:43 |

„War sehr wütend“

Drohendes WeChat-Verbot: Auslands-Chinesen in Rage

Nach dem Social-Media-Videodienst TikTok nimmt die Trump-Regierung in den USA die nächste chinesische Software ins Visier: den auch bei Auslandschinesen sehr beliebten Messenger WeChat. Das Tool vom chinesischen Tencent-Konzern, das auch zum Bezahlen und Shoppen genutzt wird, wird von der US-Regierung als Bedrohung für die nationale Sicherheit eingestuft, ist für chinesische Auswanderer aber auch das wichtigste Werkzeug, um mit Verwandten und Bekannten in der Heimat in Kontakt zu bleiben. Entsprechend sauer sind sie nun auf Trump.

Menschen mit asiatischen Wurzeln stellen laut aktuellen Zahlen des United States Census Bureau 5,6 Prozent (18,4 Millionen) der 327 Millionen zählenden US-Bevölkerung. Mehr als vier Millionen US-Bürger haben chinesische Wurzeln, sie machen 1,3 Prozent der Bevölkerung aus. Viele von ihnen haben nach wie vor Verwandte in China, mit denen sie insbesondere über WeChat kommunizieren.

Die App ist gewissermaßen das chinesische WhatsApp und wird nicht nur für Chats, sondern etwa auch als Bezahl- und Einkaufs-Tool genutzt. Nebenbei soll WeChat aber noch einem zweiten Zweck dienen: In der Vergangenheit kamen immer wieder Vorwürfe auf, das von einer Milliarde Menschen genutzte Tool sammle Daten für die chinesische Regierung.

Diese Spionagevorwürfe sind auch der offizielle Grund, wieso die Trump-Regierung WeChat nun verbieten beziehungsweise wie beim Videodienst TikTok den Verkauf an ein US-Unternehmen erzwingen will. Ein Schritt, der laut einer Analyse der BBC von vielen Auslandschinesen als Angriff auf ihre Kultur, ihr Volk und den chinesischen Staat gewertet wird. Auch das chinesische Außenministerium übte Kritik an Trumps Drohungen gegen WeChat und beschuldigt die USA, die nationale Sicherheit als Vorwand zu nutzen, um die eigene technologische Vorherrschaft zu sichern.

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Ich wollte in den USA studieren, weil es ein offenes Land ist, aber diese Aktion hat mich wachgerüttelt.

Jennie (21), chinesische Studentin in den USA

WeChat-Verbot wäre für viele User Zensur
Die 21-jährige Auslandschinesin Jennie zur BBC: „Zuerst konnte ich nicht glauben, dass das wahr ist. Dann habe ich mich einfach sehr wütend gefühlt.“ Die Studentin nutzt WeChat vier Stunden am Tag, um mit Freunden in China und den USA in Kontakt zu bleiben. Sie liest auf WeChat auch chinesische Nachrichten, hat dort aber auch schon Bekanntschaft mit der Zensur gemacht. Am Jahrestag des Tiananmen-Massakers postete sie einen Einzeiler zum Thema, und prompt wurde ihr Account gelöscht. Würden die USA WeChat verbieten, wäre das aus ihrer Sicht aber ebenfalls Zensur. Sie klagt: „Ich wollte in den USA studieren, weil es ein offenes Land ist, aber diese Aktion hat mich wachgerüttelt.“

Ganz ähnlich sehen das andere Auslandschinesen. „Ich dachte immer, die USA wären ein kulturell offenes Land“, sagt die 30-jährige Miley. Nun sende die Regierung ein Zeichen an chinesische Migranten, dass diese nicht willkommen seien - wohl, um inmitten steigender Corona-Todeszahlen und schlechter Umfragewerte einen äußeren Feind für den Wahlkampf aufzubauen, glaubt Miley. „Warum sonst sollte sich Trump jetzt auf einmal auf chinesische Apps konzentrieren?“

China: Kein Einkauf ohne WeChat
Kritisch werden Trumps Drohungen gegen WeChat auch in China gesehen. Die Rückkehrerin Rachel, die zehn Jahre lang in den USA studiert und gearbeitet hat und heute wieder in Shanghai wohnt, erzählt, wie wichtig WeChat im Alltag der Chinesen bereits ist. „Wenn man eine Flasche Milch kaufen will, öffnet man WeChat Pay oder AliPay, scannt einen Code und bezahlt. Die meisten Geschäfte akzeptieren gar kein Bargeld mehr.“

Ein US-Verbot würde es ihr erschweren, mit ihren Freunden und Bekannten in den USA in Kontakt zu bleiben. Die sind freilich bereits dabei, sich für ein drohendes Verbot zu rüsten - mit alternativen Messenger-Diensten wie Line oder VPN-Angeboten, mit denen man den eigenen Standort verschleiern und Zensur überwinden kann. Tools, die man normalerweise eher innerhalb Chinas benötigt, nicht im in der US-Hymne besungenen „Land of the Free“ …

Dominik Erlinger
Dominik Erlinger
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