14.07.2020 12:26 |

Patientin klagt an

Facebook, die Krebskranken und die Kurpfuscher

Die US-Amerikanerin Anne Borden-King erhebt schwere Vorwürfe gegen Facebook. Nachdem sie dort ihre Krebsdiagnose öffentlich gemacht hatte, habe sie massenhaft Reklame für pseudowissenschaftliche „Therapien“ zu sehen bekommen. „Sie beuten unsere Emotionen aus“, klagt sie an.

Anne Borden-King ist eine US-amerikanische Anwältin, die sich bei der Initiative „Bad Science Watch“ dem Kampf gegen Quacksalber und Kurpfuscher verschrieben hat, die für teures Geld angebliche Wundermittel gegen alle möglichen Krankheiten anpreisen. Umso erschütterter war sie darüber, was passierte, als sie ihre Krebsdiagnose auf Facebook öffentlich machte. Die für Freunde und Bekannte gedachte, zutiefst belastende Nachricht wurde für personalisierte Reklame verwendet.

Facebook-Werbung für dubiose Therapieangebote
In einem Gastbeitrag in der „New York Times“ berichtet die Anwältin, die sich einer Brustkrebs-Therapie unterziehen musste: „Als ich die Werbung sah, war mir klar, dass Facebook mich wahrscheinlich als Zielperson markiert hatte, die solche Anzeigen erhalten soll.“ Fake-Therapien ohne nachweisbare Wirkung, teils gefährliche Pseudobehandlungen und dubiose Krebskliniken am Strand von Mexiko seien ihr als vermeintlich einfache Lösung für ihr Leiden angeboten worden.

Facebook sei für esoterische und pseudowissenschaftliche Organisationen, die ihre Produkte und Dienste an den Mann bringen wollen, ein enorm wichtiges Werbevehikel. Das habe sie schon vor ihrer Diagnose gewusst, schreibt Borden-King. Viele Anbieter aus dem alternativmedizinischen Bereich hätten auf Facebook Communities um ihre Produkte aufgebaut, einschlägige Influencer preisen dubiose Arzneien an und manche Gruppen aus diesem Bereich setzen auf Pyramidenspiel-Methoden, um ihre Mittelchen an den Mann zu bringen.

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Krebspatienten sind besonders verwundbar durch dieses Stealth-Marketing. Es ist schwer, den Kontrollverlust zu akzeptieren, den eine Krebsdiagnose mit sich bringt.

Anne Borden-King, Krebspatientin

„Sie beuten unsere Emotionen aus“
Dass Facebook dieser Szene die Möglichkeit gebe, mit personalisierter Reklame an Nutzer heranzutreten, die nachvollziehbarerweise in einer emotionalen Ausnahmesituation sind, sieht Borden-King äußerst kritisch. „Krebspatienten sind besonders verwundbar durch dieses Stealth-Marketing. Es ist schwer, den Kontrollverlust zu akzeptieren, den eine Krebsdiagnose mit sich bringt.“ Pseudowissenschaftliche Anbieter hätten auf Facebook die Möglichkeit, direkt aus dieser emotionalen Ausnahmesituation Kapital zu schlagen. „Sie beuten unsere Emotionen aus“, klagt Borden-King an.

Die Anwältin stellt die Frage, wie es möglich sei, dass Facebook bei Beiträgen zur Covid-19-Pandemie Warnhinweise vor ungeprüfte Behauptungen stelle, gleichzeitig aber Firmen erlaube, gezielt mit Werbung für dubiose Mittel an Menschen mit lebensbedrohlichen Erkrankungen heranzutreten. Bis April habe Facebook sogar eine eigene Marketing-Zielgruppe für solche Annoncen im Angebot gehabt. Erst Ende April hatte das soziale Netzwerk nach medialem Druck die Kategorie „Pseudowissenschaft“ aus seinem Werbe-Werkzeugkasten genommen.

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Die schnellste Reaktion ist, den Facebook-Account stillzulegen, zu löschen oder einfach weniger Zeit auf Facebook oder Instagram, das ja dazu gehört, zu verbringen. Ich habe mich entschieden, diesem Trend zu folgen.

Anne Borden-King, Krebspatientin

Ist Facebook einfach schon zu groß?
Die Anwältin fragt: „Ist Facebook einfach schon zu groß, um die Inhalte adäquat zu regulieren?“ Und sie gibt sich selbst auch gleich die Antwort: Offenbar verstehe Facebook nur eine Sprache, nämlich Geld. Der aktuell laufende Werbeboykott vieler großer Konzerne sei hier ein Schritt in die richtige Richtung. Aber auch das Individuum habe die Möglichkeit, Facebook zu zeigen, was es von solchen Praktiken hält. „Die schnellste Reaktion ist, den Facebook-Account stillzulegen, zu löschen oder einfach weniger Zeit auf Facebook oder Instagram, das ja dazu gehört, zu verbringen. Ich habe mich entschieden, diesem Trend zu folgen.“

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Meine Chirurgen machten mir keine falschen Hoffnungen und schickten mich nicht an den Strand. Sie standen im hellen Licht in einem düsteren städtischen Krankenhaus, um mich aufzumachen und zu reparieren.

Anne Borden-King, Krebspatientin

„Zellbeschleunigung“, Bleichmittel-Kuren, dubiose Strandkliniken: Borden-King ist auf keines der Angebote auf Facebook eingegangen. „Meine Chirurgen machten mir keine falschen Hoffnungen und schickten mich nicht an den Strand. Sie standen im hellen Licht in einem düsteren städtischen Krankenhaus, um mich aufzumachen und zu reparieren, damit ich wieder atmen konnte. Ihre Lösung war nicht einfach. Vor mir liegen herausfordernde Monate. Aber während dieser Reise werde ich Unterstützung von Menschen erhalten, die mir nah sind. Nicht von Facebook.“

Dominik Erlinger
Dominik Erlinger
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