29.04.2020 06:00 |

Vollbetrieb kommt

Coronavirus: Öffis als Quelle für zweite Welle?

Auch der öffentliche Verkehr wird im Zuge der Lockerungen der Corona-Maßnahmen bald auf Vollbetrieb hochgefahren. Experten sehen dabei jedoch auch Gefahren, Politik und Betriebe rüsten sich.

Abstand halten. Starke Worte in diesem Jahr. Sie werden noch stärker, wenn die öffentlichen Verkehrsmittel wieder Vollbetrieb aufnehmen (ab 11. Mai soll es so weit sein) und die Schulen für alle aufsperren (4. Juni). Gesundheitsminister Rudolf Anschober meinte am Dienstag, dass in Öffis künftig der Abstand von einem Meter auch unterschritten werden könne. Damit widerspricht er der „Fahrgast-Charta“ von Parteifreundin und Klimaschutzministerin Leonore Gewessler: ausreichend Distanz (das sagen auch die ÖBB).

„Risikogruppen sollten Öffis meiden“
Da stellt sich die Frage: Werden Öffis zur Quelle für eine zweite Welle? „Es bestehen große Gefahren, wenn Leute eng an eng stehen“, sagt Virologe Christoph Steininger, der Anschobers Vorstoß nicht nachvollziehen kann. „Die Biologie hat sich nicht geändert. Das klingt nach österreichischer Lösung.“ Die Regelungen der WHO seien eindeutig und sollten weiter gelten. Der Intensivmediziner warnt: „US-Studien haben gezeigt, dass in geschlossenen Räumen wie U-Bahnen Viren bis zu 72 Stunden infektiös sind.“ Epidemiologin Eva Schernhammer sagt: „Risikogruppen sollten auf jeden Fall die Öffis meiden.“ Sie schlägt Obergrenzen bei Passagierzahlen vor, ebenso wie Temperaturscanner bei den Eingängen.

Die Wiener Linien „beobachten die Entwicklungen genau“, sagt ein Sprecher. „Wir haben beschränkte Fahrgastzahlen, 120 Sicherheitskräfte, die beim Einsteigen aufpassen, zudem 200 Servicemitarbeiter.“ Auch sollen potenzielle Virenstellen wie Haltegriffe speziell gereinigt werden.

Bei Gefahr kann man die Notbremse ziehen
Und was passiert bei der Öffnung der Schulen? Es werde verschiedene Unterrichtsbeginnzeiten geben, heißt es von den Wiener Linien und den Ministerien. Damit nicht alle zeitgleich die Öffis stürmen (das soll übrigens auch für die Arbeitnehmer gelten). Virologe Steininger: „Ich habe immer gesagt, das Problem liegt weniger in den Schulen, sondern auf dem Schulweg.“

Die Initiative Pro Bahn fordert indes bargeldlose Ticketzahlung, Lohnerhöhung der Verkehrs-Beschäftigten für die Corona-Phase sowie eigens ausgebildetes Sicherheitspersonal statt Polizei.

Die Regierung wird sich sicher alles ganz genau anschauen. Denn wie neulich Kanzler Sebastian Kurz meinte: Man könne immer auch die Notbremse ziehen. In dem Fall ein sehr passendes Bild.

Rundblick in den Bundesländern:

  • TIROL: Bei den Innsbrucker Verkehrsbetrieben gibt es Probleme: „Bei vollem Betrieb kann der Abstand nicht eingehalten werden, das ist schlicht unmöglich“, sagt Chef Martin Baltes. „Es braucht einen gestaffelten Schulbetrieb.“
  • BGLD/NÖ/WIEN: Beim Verkehrsverbund Ostregion setzt man punkto Abstand halten und Maskenpflicht auf Eigenverantwortung. Kontrolleure gibt es nicht. Busse werden regelmäßig gereinigt. Zum Schutz der Mitarbeiter bleibt die vordere Türe geschlossen, der Einstieg ist nur hinten möglich. Sogenannte Verstärkerbusse für Schüler wurden eingestellt. Kritik gibt es, weil noch zu wenig Züge fahren.
  • SALZBURG: Derzeit fahren alle Öffis noch nach dem Sonntagsfahrplan. Der Vollbetrieb startet am 11. Mai. Kunden müssen sich über Vorverkauf, Automaten oder Apps behelfen. Beschränkungen der Fahrgastzahl sind nicht vorgesehen.
  • VORARLBERG: Alle Öffis im Einsatz, aber nach Sonntagsfahrplan. Eingestiegen werden darf nur hinten - mit Schutzmaske. Es gilt die Regel: Anwohner und Pendler werden beim Einsteigen bevorzugt, Ausflügler müssen warten.
  • KÄRNTEN: Betreten nur mit Schutzmasken, bargeldloses Bezahlen, kein Einstieg beim Buslenker, Mindestabstände. Die Fahrer haben ein Desinfektionsmittel, Züge werden oft gereinigt. Besondere Vorsicht bei Ein- und Ausstiegen.
  • OBERÖSTERREICH: Ab dem 4. Mai gilt wieder Normal-Fahrplan. Bus und Bahn werden öfter gereinigt und desinfiziert. Um den Fahrer zu schützen, öffnen sich nur die hinteren Türen, das Ticketkaufen beim Fahrer ist nicht möglich. Es sind keine Sitzreihen gesperrt, es wird an die Eigenverantwortung appelliert.
  • STEIERMARK: Seit Mitte März bis 18. Mai keine Fahrscheinkontrollen. Die Fahrer öffnen alle Türen, damit Fahrgäste die Tasten nicht drücken müssen. Derzeit 10-Minuten-Takt, ab nächstem Montag gilt wieder der Normal-Fahrplan.

Kronen Zeitung

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