Krieg in Afghanistan

NATO-Boss: “Es wird leider mehr Opfer geben”

Ausland
19.07.2010 09:15
Vor der Afghanistan-Konferenz in Kabul hat NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen eingeräumt, dass die internationale Gemeinschaft den Einsatz am Hindukusch unterschätzt habe. "Nach neun Jahren internationalen Engagements ist es auf schmerzvolle Weise deutlich geworden, dass der Preis, den wir zahlen müssen, viel höher ist als erwartet." Zudem rechnet Rasmussen mit weiter steigenden Opferzahlen.

Rasmussen machte in einem Gastbeitrag für das "Hamburger Abendblatt" deutlich: "Es kann nicht bestritten werden, dass die internationale Gemeinschaft anfangs das Ausmaß dieser Herausforderung unterschätzte - insbesondere angesichts all der getöteten internationalen und afghanischen Soldaten."

"Heftigere Gefechte, mehr Opfer"
Die Militäroffensiven in das Kerngebiet der Taliban würden "unweigerlich zu heftigeren Gefechten führen", so der Generalsekretär. "Bedauerlicherweise wird es mehr Opfer geben. Aber diese militärischen Aktionen sind von enormer politischer Bedeutung. Sie tragen dazu bei, die Taliban sowohl politisch als auch militärisch zu schwächen."

Bei der am Dienstag beginnenden Afghanistan-Konferenz werde "ein klarer Weg erarbeitet für den Übergang zu afghanischer Verantwortung und Teilhabe", schrieb Rasmussen. "Es wird ein Meilenstein sein in dem Prozess, durch den die Afghanen endlich Herr im eigenen Haus werden." Rasmussen betonte: "Selbst wenn unsere Truppen in eine unterstützende Rolle wechseln, wird Afghanistan die ständige Unterstützung der internationalen Gemeinschaft benötigen, einschließlich die der NATO." Die NATO sollte mit der afghanischen Regierung eine Übereinkunft über eine langfristige Zusammenarbeit treffen, forderte Rasmussen. "Eine solche Partnerschaft wird Afghanistan noch mehr Selbstvertrauen geben, wenn es wieder die Kontrolle über sein eigenes Schicksal übernimmt."

Biden steht Abzugsplänen skeptisch gegenüber
US-Vizepräsident Joe Biden will sich noch kein Urteil über die Wirksamkeit der neuen NATO-Strategie in Afghanistan erlauben. Noch sei die geplante Aufstockung der Truppen auf 150.000 Soldaten nicht abgeschlossen. "Das wird erst im August der Fall sein", sagte Biden. Zu dem von US-Präsident Barack Obama ausgegebenen Abzugsdatum im Juli 2011 äußerte sich Biden sehr vorsichtig. Dies könne allenfalls der "Beginn eines Übergangs" sein, bei dem vielleicht 2.000 US-Soldaten Afghanistan verlassen könnten.

Die NATO-Truppe ISAF kämpft am Hindukusch gegen einen wachsenden Widerstand der Taliban an. Der Juni war für die ausländischen Truppen mit 102 gefallenen Soldaten der der blutigste Monat seit Einsatzbeginn 2001.

Afghanistan will 36.000 Taliban zum Ausstieg bewegen
Die Regierung von Präsident Hamid Karzai will bei der Afghanistan-Konferenz einen eigenen Plan für ein groß angelegtes Aussteiger-Programm für Kämpfer der Taliban vorlegen. Mit dessen Hilfe sollen bis Ende 2015 etwa 36.000 Aufständische in die afghanische Gesellschaft reintegriert werden, heißt es in einem Regierungspapier. Die Gesamtkosten des Programms sind mit umgerechnet mehr als 600 Millionen Euro veranschlagt.

Der Plan der Regierung soll in 22 der 34 Provinzen zur Anwendung kommen und gliedert sich in zwei Teile. Zum einen ist vorgesehen, Taliban-Mitläufern den Ausstieg durch finanzielle und materielle Hilfe zu erleichtern. Zum anderen soll auch mit ranghohen Kommandeuren der Taliban über ein Ende der Gewalt verhandelt werden. Ihnen könnten unter anderem Straffreiheit und Exil in einem sicheren Drittstaat in Aussicht gestellt werden.

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