20.01.2020 06:00 |

Das große Interview

„Die Mafia holt sich das Geld nicht in Tirol“

Für heißen Diskussionsstoff sorgte das Bettelverbot in den letzten Jahren immer wieder. Im Dezember wurde im Innsbrucker Gemeinderat mit knapper Mehrheit die Abschaffung des zeitweisen Bettelverbotes beschlossen. Die Politikwissenschafterin und Sprachtrainerin Elisabeth Hussl ist in ihrer Freizeit Aktivistin bei der Bettellobby Tirol. Durch ihre Arbeit mit bettelnden Menschen weiß sie, wie es um deren Situation bestellt ist.

Krone: In letzter Zeit gab es hitzige Debatten über das Bettelverbot in Innsbruck. Wie ist es Ihnen dabei ergangen?
Elisabeth Hussl: Wir begrüßen es sehr, dass das Bettelverbot auf Märkten aufgehoben wurde. Es ist ein Zeichen für ein solidarisches Miteinander und ein Bekenntnis zu Grund-und Menschenrechten. Leider wird die Diskussion auch in den Medien teils immer noch sehr unsachlich und undifferenziert geführt. Es gibt viele Vorurteile. Bettelnde werden pauschal als „Bettelbanden“ oder „Bettelmafia“ abgewertet.

Nur eine knappe Mehrheit im Innsbrucker Gemeinderat hat dafür gesorgt, dass das zeitweise Bettelverbot abgeschafft wird. Hat Sie dieser knappe Ausgang überrascht?
Wenn man die Debatte verfolgt hat, dann war dieser knappe Ausgang wenig überraschend. Natürlich hätten wir uns eine breitere Mehrheit gewünscht, aber es ist ein erster Schritt und jedenfalls ein Erfolg. Ich glaube, es tut dem gesellschaftlichen Klima gut, dass dieses Verbot abgeschafft wurde.

Was sagen Sie den Befürwortern des Bettelverbotes?
Es ist besorgniserregend und inakzeptabel, wenn Vertreter aus Politik, Behörden und Medien Menschen kriminalisieren und diffamieren, weil sie arm sind. Wir wünschen uns mehr Sensibilität und einen verantwortungsvollen Umgang mit Armut. Und dass Bettelnde mit Respekt und als Träger von Grund- und Menschenrechten behandelt werden.

Haben Sie ein Verständnis dafür, wenn sich jemand durch die bettelnden Menschen gestört fühlt?
Bettelnde führen vor Augen, dass Armut existiert. Insofern kann ich nachvollziehen, wenn der Anblick stört, halte es jedoch für zumutbar. Solange Armut existiert, muss es erlaubt sein, darauf im öffentlichen Raum hinzuweisen und um Hilfe zu bitten. Die Gesellschaft muss andere Wege finden, die Armut zu bekämpfen, als arme Menschen zu bestrafen und zu vertreiben. Nicht bettelnde Menschen sind das Problem, sondern die Armut.

Auf Ihrer Homepage steht, dass das organisierte Betteln etwas völlig Normales sei. Dass es Banden gibt, wo sich im Hintergrund jemand bereichert, streiten sie also ab?
Es kann in keinem Bereich ausgeschlossen werden, dass es zu Ausbeutung kommt. Ausbeutung ist klar abzulehnen und strafrechtlich verboten. Fakt ist, dass die Menschen, mit denen wir in Kontakt sind, sich familiär und nachbarschaftlich organisieren. Man unterstützt sich gegenseitig. Das ist doch nichts Verwerfliches. Hier von einer Mafia oder Banden zu sprechen, geht an der Lebensrealität vorbei. Die Mafia holt sich ihr Geld woanders, denn Betteln ist kein lukratives Geschäft.

Wie genau sieht Ihre Arbeit aus?
Wir suchen den Kontakt zu bettelnden Menschen und schaffen Orte für Begegnung und gemeinsamen Austausch. Es geht darum, in geschütztem Rahmen miteinander ins Gespräch zu kommen über die Situation in den Herkunftsländern und hier in Tirol. Eine große Aufgabe besteht darin, die Öffentlichkeit mit Hintergrundinformationen zu sensibilisieren. Wir setzen uns für die Rechte von Bettelnden und Alternativen zum Betteln ein. Die Betroffenen sagen uns nämlich sehr oft, dass sie gerne einer Arbeit nachgehen würden, aber nicht die Möglichkeit bekommen. Da wir ehrenamtlich arbeiten, sind unsere Kapazitäten aber leider begrenzt. Hier gilt es gemeinsam Kräfte zu bündeln.

Was sind die häufigsten Ursachen dafür, dass jemand auf das Betteln angewiesen ist? 
Armut, Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung. Betroffene aus osteuropäischen Ländern hatten während des Kommunismus noch eine Arbeit, von der sie leben konnten. Durch die wirtschaftliche Umstrukturierung verloren jedoch viele ihren Job und ein gesichertes Einkommen und stürzten in einen Teufelskreis der Armut. Rassismus gegenüber Minderheiten hat zu weiterer Ausgrenzung geführt. Hier steht auch Österreich in der Verantwortung: Österreichische Firmen haben Unternehmen in den ehemaligen Ostblockländern aufgekauft, sie als Billiglohngebiet ausgenutzt und später aufgelassen, weil sie unrentabel wurden. Diese Aspekte werden jedoch meist ausgeblendet.

Was war Ihr schlimmstes Erlebnis in der Arbeit mit den Betroffenen?
Es ist die Fülle an schlimmen Erlebnissen, die uns die Betroffenen erzählen. Dass Menschen in Österreich einzig aufgrund von Armut und Herkunft immer noch beleidigt, bestraft und vertrieben werden, das ist das Schlimmste. Am meisten bleibt mir die Erzählung eines Bettelnden in Erinnerung, zu dem ein Passant gesagt hat: „Früher wäre so etwas vergast worden.“

Und welches das schönste?
Es gibt viele kleine Situationen, die Hoffnung machen, zum Beispiel wenn sich in der Gesellschaft Vorurteile gegenüber Bettelnden auflösen und wir es schaffen, Verständnis für die Betroffenen und ihre Situationen zu wecken. Betteln ist ein aktiver Schritt, um an der Notlage etwas zu verändern. Es ist beeindruckend, wie viel die Menschen aushalten, um ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen.

Wie kam es dazu, dass Sie angefangen haben, sich um diese Menschen zu kümmern?
Das hat im Jahr 2012 angefangen. Damals hat sich unter der Autobahnbrücke in Terfens eine Gruppe armutsbetroffener Menschen aus Osteuropa niedergelassen. Es gab eine undifferenzierte Debatte, die auf Vorurteilen aufbaute. Ich habe in der Nähe der Brücke gewohnt, die Diskussion mitverfolgt und hatte auch persönlichen Kontakt zu den Betroffenen. Ich fand es schockierend, wie mit diesen Leuten umgegangen wurde. Gemeinsam bin ich mit Kolleginnen aktiv geworden. Daraus ist die Bettellobby Tirol entstanden.

Manuel Schwaiger
Manuel Schwaiger
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