13.01.2020 06:00 |

„Seeking Thrills“

Georgia: Therapie auf der Disco-Tanzfläche

Georgia Barnes hat ihren Süchten abgeschworen und die Leichtigkeit im R&B-basierten Synthie-Electropop gefunden. Auf ihrem zweiten Album „Seeking Thrills“ lässt sich die 29-jährige Londonerin auf den Tanzflächen der angesagten Discos in ein Netz aus Beats, Melodien und Bässen fallen, ohne dabei das Gespür für breitenwirksamen Mainstreampop einzubüßen. Eine musikalische Neuerfindung mit Potenzial für mehr.

Kunst und Sport haben oft mehr gemeinsam, als man im ersten Moment vermuten würde. Auch wenn sich die eine Welt völlig kreativ und offen verhält und die andere ergebnisorientiert funktioniert, gilt es da wie dort, Talent mit Ehrgeiz und Ausdauer zu vermischen. Musiker, die auch Sportler hätten werden können, findet man zuhauf. Iron-Maiden-Boss Steve Harris etwa war kurz vor dem Sprung in den Profikader von West Ham United, Jazzgitarrist Bernie Williams war Baseball-Profi bei den New York Yankees und Bruce Dickinson, ehemals von Iron Maiden, spielte in den oberen Ligen des Fechtens mit. Dass wir schon früh im Jahr das famose Album „Seeking Thrills“ von Georgia Barnes genießen dürfen, verdanken wir auch einem Sportunglück. Die 29-Jährige brillierte jahrelang in den weiblichen Jugendteams der Queens Park Rangers und des Arsenal FC und hing ihre Karriere erst an den Nagel, als ihr damaliger Trainer verstarb und sie die daraus resultierenden Emotionen nicht mehr in den Griff bekam.

Tanzbarer Hedonismus
Da Vater Neil Barnes als Mitbegründer der Progressive-House-Kultband Leftfield schon britische Disco-Geschichte schrieb, probierte sich Georgia schlussendlich an den Drums und landete auf Tour mit Kwes und Kate Tempest. Ihr schlicht „Georgia“ betiteltes Soloalbum aus dem Jahr 2015 war ein erstes persönliches Aufbäumen im Musikgeschäft. Partiell noch etwas sperrig, aber dennoch bereits mit einem untrüglichen Gespür für zeitgemäße Soundkaskaden. Knapp fünf Jahre später hat sich musikalisch so einiges verändern. „Seeking Thrills“, also den Nervenkitzel suchen, ist einerseits ein Mantra der Sängerin, andererseits der Titel für eine klangliche Wandlung in eingängigere Dancefloor-Sphären. Chicago-House und Detroit-Techno statt Missy Elliot und M.I.A. Georgias Vorstellung von Electropop hat sich von der Ernsthaftigkeit wegbewegt und steuert auf ihrem Zweitwerk zielsicher den Hafen des tanzbaren Hedonismus an.

Manche der Lebensfreude evozierenden Upbeat-Tempo-Nummern kennt man als Single-Auskoppelungen schon länger. Etwas das bereits 2018 in den Orbit geschossene „Started Out“, oder das „About Work The Dancefloor“, das in gewisser Weise die positive Richtung des Albums vorgegeben hat. Inspiriert wurde der Song von einer Nacht in Berlin, wo sie erstmals bewusst realisiert hat, wie stark elektronische Poptracks den tanzenden und feiernden Menschen als Eskapismus aus der harschen Realität dienen. Für Georgia war das ein prägendes Erweckungserlebnis, im Laufe des letzten Jahres sagte sie schlussendlich auch Alkohol, Tabak und Fleisch „goodbye“, um nach Jahren des Feierns und der endlosen Partys in britischen Vergnügungstempeln eine nüchterne Perspektive auf das Leben zu bekommen. Insofern überrascht „Seeking Thrills“ mit der federnden Leichtigkeit, die sich durch alle 13 Tracks ziehen. Das Album war ursprünglich schon im Frühling 2019 fertig konzipiert, Georgia verwarf das Grundkonstrukt aber, nachdem „Started Out“ zu ihrer Überraschung auf so viel Anklang gestoßen ist.

Zeitgemäß ohne Hype
„Es war ein Schock, dass dieser Song so gut angekommen ist“, reflektierte sie später, „ich hatte nicht damit gerechnet, dass jemand so einen Zugang zu dieser Nummer finden würde.“ Nachdem die zwei genannten Singles auf mehr Begeisterung stießen, faszinierte Georgia mit einem denkwürdigen Set beim letztjährigen Glastonbury Festival. Genregrößen wie Kevin Saunderson, Marshall Jefferson, Frankie Knuckles oder Jeff Mills liefen bei Georgia in Dauerrotation und prägten mehr oder weniger unbewusst die 80s-Synthpop-Ausrichtung von „Seeking Thrills“. Schon Depeche Mode oder Madonna verfielen einst den Underground-DJs und absorbierten deren Beats mit Haut und Haaren. Georgia gelingt auf ihrem Album das Kunststück, das warme Gefühl dieser dekadenten Dekade mit angesagten Sounds aus der Gegenwart zu vermengen. Ohne dabei in die grassierende Autotune-Falle zu tappen oder dem gehypten US-Markt zu viele Zugeständnisse zu machen. Der Clubsound mit den markanten Drum-Spuren und dem gediegenen Pop-Songwriting ist „very likely British“ und damit auch hochgradig authentisch.

Auch wenn die erste Albumhälfte noch einmal deutlicher heraussticht und der eine oder andere langjährige Fan vielleicht etwas von der süßen Eingängigkeit der Songs überrascht ist, wirkt „Seeking Thrills“ zu keiner Sekunde konstruiert oder bewusst auf einen Mainstream-Markt zugeschnitten. Quasi als „Ein-Frau-Armee“, schrieb, spielte und produzierte Georgia dieses ambitionierte und doch so leichtfüßige Werk. Wenn „Ray Gun“ mit Weltmusikeinflüssen kokettiert und die in London so populäre Grime- und Rave-Szene immer wieder mal mitten aus den Songs springt, dann entfaltet sich die globale Wirksamkeit der flotten Tanztracks. Zur fröhlichen Grundstimmung einer von allen Süchten befreiten Protagonistin passt auch das fröhlich-juvenile Cover-Foto von Nancy Honey, die das perfekte Lebensgefühl englischer Kids in den 80er-Jahren einfing. R&B, Pop und Party-Elektronik verknüpfen sich kongruent mit persönlichen und kritischen Erfahrungen und Beobachtungen. „Seeking Thrills“ ist ein Novum am modernen Popmarkt. Es zeigt eine Künstlerin, die Tanzflächen-Hedonismus nicht als Eintritt, sondern Ausgang aus der Welt der Süchte sieht.

Live in Wien
Am 25. Februar ist Georgia mit ihrem famosen Album im Wiener Fluc zu sehen. Karten gibt es noch unter www.oeticket.com.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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