07.01.2020 06:51 |

Milliarden Euro Kosten

Adipositas-Lawine trotz guter Neujahrsvorsätze

Gute Neujahr-Vorsätze zur Gewichtsreduktion nützen allein noch nichts. „Wenn wir nichts tun, werden wir in den nächsten 30 Jahren in den OECD-Ländern 90 Millionen Todesfälle durch Übergewicht-bedingte Erkrankungen haben. Die gesamte Politik ist gefordert“, sagte jetzt der Präsident des Österreichischen Akademischen Institutes für Ernährungsmedizin, Kurt Widhalm.

„Übergewicht betrifft in 34 von 36 OECD-Staaten etwa die Hälfte der Bevölkerung. Eine von vier Personen ist adipös (BMI größer 30; Anm.). Die Kosten für Übergewicht machen 3,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in diesen Ländern aus, zu denen auch Österreich gehört. Übergewicht kostet jeden Bürger damit pro Jahr 360 US-Dollar (321,63 Euro).“, so Widhalm, langjährig in der Ernährungsmedizin tätig und ehemals Spezialist an der Universitäts-Kinderklinik in Wien (MedUni/AKH) zur APA.

Milliarden Euro Kosten für Behandlungen
Was kalorienreiche Ernährung und sitzender Lebensstil verursachen, ist sprichwörtlich „nicht von schlechten Eltern“. „Übergewicht ist zu 70 Prozent für die Kosten von Diabetes verantwortlich, zu 23 Prozent für die Kosten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und zu neun Prozent für die Aufwendungen für Krebserkrankungen“, sagte Widhalm. 8,4 Prozent der Gesundheitsausgaben in den OECD-Staaten gingen bereits jetzt in die Behandlung von Fettsucht-abhängigen Erkrankungen. „Das sind 311 Mrd. US-Dollar (277,85 Mrd. Euro) pro Jahr oder pro Kopf 209 US-Dollar (186,72 Euro).“

70 Prozent der Kinder an Wiener Volksschule übergewichtig
Österreich sei da längst ebenfalls auf einem unheilvollen Weg. „Wir betreuen in einem wissenschaftlichen Projekt (“Eddy„) in einer Volksschule in Wien-Meidling. Laut unseren aktuellsten Auswertungen sind dort bereits 70 Prozent der Kinder übergewichtig“, schilderte der Experte. „Die Verhinderung von Übergewicht muss das zentrale Element der Gesundheitspolitik der Zukunft sein.“

Experte fordert mehr körperliche Aktivität in Schulen
Was dabei benötigt werde: Eine Erhöhung der physischen Aktivität der Kinder auf mindestens 30 Minuten pro Tag. Schulprogramme müssten intensive körperliche Aktivität plus Ernährungserziehung umfassen. Der BMI sollte dadurch generell um 0,3 Punkte gesenkt werden. „Restriktionen bei der Werbung für (problematische; Anm.) Nahrungsmitteln für Kinder, Lebensmittelkennzeichnung und die Reformulierung von industriell erzeugten Lebensmitteln gehörten hierher. „Bildungs- und Gesundheitspolitik, Wissenschaft und Sozialversicherung müssen hier zusammenarbeiten“, erklärte Widhalm.

Nicht nur die physische Gesundheit von Kindern würde dadurch gestärkt. „Eine in der Zeitschrift der amerikanischen Gesellschaft für Ernährung im Jahr 2019 veröffentlichte Studie an 869 Zwillingskindern hat eindeutig gezeigt, dass ,dünnere‘ Kinder eindeutig bessere kognitive Leistungen erbringen als ihre genetisch engstens verwandten, aber dickeren Zwillingsgeschwister“, fasste der Ernährungsmediziner die Ergebnisse zusammen.

Langsamer Trend zur „Flexitarian“-Ernährung
„Es gibt aber auch eine gute Nachricht aus der Wissenschaft. Investiert man in die Prävention von Übergewicht und Adipositas einen Euro, kommen sechs Euro wieder zurück“, betonte der Experte. Statt extremer Diäten sollte die breite Bevölkerung langsam zu einer „Flexitarian“-Ernährung gebracht werden.

„Das umfasst beispielsweise Fleisch nur noch ein bis zweimal pro Woche und würde pro Tag nur noch 35 Gramm ausmachen. Die Proteinzufuhr kann man bei Erwachsenen auf pro Tag 55 Gramm reduzieren. Das würde schon einen positiven Effekt auf die Atherosklerose und Nierenerkrankungen bewirken“, erklärte Widhalm.

„Mehr Obst und Gemüse bedeuten auch Klimaschutz“
Noch eine Wirkung einer solchen Ernährung: „Mehr Obst und Gemüse bzw. Vollkornprodukte bedeuten auch Klimaschutz, weil die Tierzucht ja ein wesentlicher klimaschädlicher Faktor ist. Und dass in unserer Gesellschaft 30 Prozent der Lebensmittel weggeschmissen werden, ist inakzeptabel", betonte der Experte.

Widhalms Aussagen werden durch eine aktuelle Studie in der angesehensten US-Medizinfachzeitschrift (New England Journal of Medicine; 19. Dezember 2019) unterstützt: In den USA wird demnach im Jahr 2030 einer von zwei Erwachsenen adipös (BMI größer 30) sein (48,9 Prozent). 24,2 Prozent werden dann bereits extreme Adipositas (BMI größer 35) aufweisen. Bei Frauen und Erwachsenen mit niedriger Bildung wird das die Gewichtskategorie extremer Fettsucht bereits die anteilsmäßig größte Gewichtsklasse ausmachen.

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