23.12.2019 07:00 |

15 große Highlights

Rückblick auf 2019: Die besten Alben des Jahres

Es ist schwierig bei der unendlichen Fülle an Alben aus allen verschiedenen Genres die großen Favoriten zu küren - wir haben es dennoch wieder versucht und uns für die zehn (+ fünf) besten Alben des Jahres 2019 entschieden. Natürlich streng subjektiv und alphabetisch geordnet. Welche Werke sind Ihre Favoriten?

Angel Olsen - All Mirrors
Musikkenner wissen es schon länger - Angel Olsen ist eines der am besten gehüteten Geheimnisse der amerikanischen Indie-Popwelt. Wobei Geheimnis natürlich nicht stimmt, aber während man die 32-Jährige in Übersee schätzt und liebt, kommt sie hierzulande noch nicht einmal auf vierstellige Besucherzahlen. Das im Oktober veröffentlichte „All Mirrors“ überraschte selbst langjährige Fans, die ihre kompositorische Ambivalenz schon gewohnt waren. Kokettierte Olsen früher gerne mit Indie-Rock, Glam-Pop und Folk, hat sie auf Album Nummer fünf die Großspurigkeit für sich entdeckt. Schon alleine der Opener „Lark“ erschlägt mit intensiver Stimme, kompositorischer Dramatik und dem Einsatz von Streichern Herz und Seele. Der darauffolgende Titeltrack ist so intensiv zartfühlend, dass man sich gar an die selige Kate Bush erinnert fühlt. Etwas Erhabeneres wird man 2019 nicht finden.

Billie Eilish - When We All Fall Asleep, Where Do We Go?
Wenn es in diesem Jahr einen Topstar gibt, dann kann es nur Billie Eilish sein. Gerade einmal 18 ist die Kalifornierin vor wenigen Tagen geworden und somit der erste wirklich große Megaseller, der in diesem Jahrtausend geboren wurde. Ihr Debütalbum steht in allen renommierten Bestenlisten vorne, ist kurz vor der Grammy-Adelung und ließ sich - habt Acht! - sogar physisch gut verkaufen. Grund dafür? Musik und Image. Musikalisch mäandert die sympathische Göre zwischen Art-Pop, Hip-Hop, Industrial und Avantgarde und trifft damit genau den mannigfaltigen, nicht mehr zuzuordnenden Geschmack ihrer Generation. Dazu ist sie bei Konzerten und in Interviews stets nahbar und natürlich, verzichtet bewusst auf Glanz und Pomp. Ein Mädel wie du und ich, bei dem sich im späten Teenageralter eben viel um Burschen, Zahnspangen und auch Suizid dreht. Nichts ist geschönt und vielleicht ist dieses Werk genau deshalb das „Nevermind“ der Millennials?

Employed To Serve - Eternal Forward Motion
Als junger Mensch darf man wütend sein in diesen Tagen. Vor allem dann, wenn man aus einer dörflichen Perspektivenlosigkeit wie dem britischen Woking nahe London kommt. Dass die Jugend in Großbritannien desillusioniert und richtungslos ist, das haben schon Bands wie die Idles oder Shame druckvoll durch den Verstärker gepresst. Doch Employed To Serve gibt den kritischen Texten auch die nötige musikalische Aggression dazu. Sammy Urwins prägnante Riffs walzen wie eine Dampflok durch die Gehörgänge, Lebenspartnerin Justine Jones grölt dazu hass- und schmerzerfüllt, mit beängstigender Prägnanz, Texte über die Selbstmordstatistik junger Menschen oder zwischenmenschliche Entfremdung auf Social-Media-Plattformen. Musikalisch changiert man irgendwo zwischen Converge, The Chariot und Every Time I Die. Inhaltlich gibt man am Ende aber doch Hoffnung und spricht sich Mut zu. So schnell lassen wir uns von alten weißen Männern nicht unterkriegen!

Karen O, Danger Mouse - Lux Prima
Die Verschmelzung scheinbar unvereinbarer Welten war schon immer ein Garant für Spannung und Innovation in der Musikwelt. So auch bei „Lux Prima“ (zu Deutsch: Sonnenaufgang), dem verträumten Space-Pop-Meisterwerk von Karen Orzolek und Danger Mouse. Erstere war mit den Yeah Yeah Years federführend für das millenniale Grunge-Rock-Revival, Danger Mouse, der eigentlich Brian Burton heißt, produzierte u.a. A$AP Rocky, U2 oder die Parquet Courts. Dass beide eigentlich schon über ihren Karrierezenit hinausgelangt sind, macht diese vorerst einzigartige Zusammenarbeit so besonders. Frei von Zwängen und Erfolgsdruck ergibt man sich glamourösem R&B, feingliedrigem Soul und zeitlosen 60s-Softpop-Referenzen. Der neunminütige Titeltrack ist wahrscheinlich der epischste Chill-Song des Jahres. Auch wenn man den Qualitätslevel nicht auf ganzer Strecke halten kann, ist „Lux Prima“ in einer Zeit des ständigen Alarmismus ein angenehmes Stück Entspanntheit geworden.

Lana del Rey - Norman Fucking Rockwell
Wenn es im oberflächlichen und oft so seichten Musikgeschäft noch eine Frau mit Klasse und Grandezza gibt, dann ist das Lana del Rey. Seit mittlerweile knapp acht Jahren verzaubert uns die 34-Jährige mit melancholisch-atmosphärischen Songs, die anmutig und edel an der Schnelllebigkeit der Gegenwart vorbeispazieren. „Norman Fucking Rockwell“ ist mit ihrem Partner in Crime Jack Antonoff verfasst und bewusst gegen den Strich gebürstet. Die Nostalgie der Protagonistin springt einem aus Songs wie „Venice Bitch“ oder dem wundervollen „Mariners Apartment Complex“ zu jeder Sekunde entgegen. Wie schon bei den vorigen Alben ist es Lanas oberste Prämisse, sich selbst und ihre Hörer in eine fantasievolle Ära der Stilsicherheit zu transferieren. Dafür eignen sich Mid-Tempo-Songs immer noch am besten. „Norman Fucking Rockwell“ ist vertonte Film-Noir-Erotik mit einem Hang zum Dramatischen.

Marika Hackman - Any Human Friend
Wie sehr dieses Jahr der spannendsten und besten Alben den Frauen gehört, das hat diese Liste bislang ausnahmslos gezeigt. In diese famose Riege muss auch die fabelhafte Indie-Künstlerin Marika Hackman aufgenommen werden, die auf ihrem dritten Werk ganz selbstverständlich sexuelle Themen anschneidet, die auch 2019 noch viel zu oft tabuisiert werden. Songs wie „Hand Solo“, „Blow“ oder „Conventional Ride“ lassen wenig Missverständnisse zu, noch mutiger ist die Tatsache, dass Hackman oft bereitwillig aus dem persönlichen Nähkästchen plaudert. Verpackt werden die forschen Texte in einen wunderschönen Mantel aus Indie-Rock und Grunge, der aber niemals zu sehr ins Viehische austreibt, sondern meist sehr fein ziseliert ist. Selten haben Songwriting und textliche Ausarbeitung so nachvollziehbar zusammengepasst wie hier.

Mayhem - Daemon
2019 war zweifellos ein gutes Jahr für Black Metal, doch das vielleicht beste Album aus diesem Genre kommt nicht von einer frischen Band, sondern von den Pionieren Mayhem. Die norwegische (Ex)-Skandalband klingt mehr als 30 Jahre nach ihrer Gründung so frisch und unverbraucht wie schon lange nicht mehr. Das liegt vorwiegend am erst seit 2011 in der Band befindlichen Gitarristen Teloch, der hauptverantwortlich für die Kompositionen zeichnet, während die alteingesessenen Mitglieder sich vorwiegend auf die Fortschreibung des Kultes konzentrieren. „Daemon“ ist ein eiskalt produzierter Hassbrocken, der die glorreiche Vergangenheit der Band scheinbar mühelos mit zeitgemäßer Instrumentierung verbindet. Damit halten Mayhem nicht nur ihre eigene Legende am Leben, sondern auch die Fahne des misanthropischen, provokanten Black Metal aus Norwegen hoch. Dank des Films „Lords Of Chaos“ nimmt nun auch der Mainstream Notiz von den Osloern.

Michael Kiwanuka - Kiwanuka
Die ersten beiden Alben haben schon angekündigt, was das dritte Album „Kiwanuka“ stolz einhält: Michael Kiwanuka ist die spannendste Soulstimme der Gegenwart. So selbstbewusst wie der Albumtitel ist auch das Cover-Artwork geraten, das ihn stolz mit Goldschmuck und afrikanischer Verwurzelung zeigt. Nicht nur der funkige Übertrack „Soul“ zeugt von seinem außerirdischen Talent, auch die ruhigeren Momente sind in dieser Intensität unerreicht. Neben den Afro-Beat-Referenzen lässt Kiwanuka immer genug Raum für psychedelische Songfragmente und verwässert seine gewollte Opulenz nicht unnötig mit überdrehtem Gehabe. Hier hat jedes Instrument seinen Platz, jede Textzeile ihren Sinn und jede Verquickung verschiedener Klangsphären ihre Wichtigkeit. Produziert hat dieses wundervolle Stück Zeitlosigkeit übrigens der in dieser Liste bereits vorgekommene Danger Mouse.

Our Surivival Depends On Us - Melting The Ice In The Hearts Of Men
Die österreichische Musiklandschaft hatte 2019 wahrlich viele Perlen aufzubieten. Manchmal lohnt es sich auch, abseits der ausgetretenen Pfade zu wandeln und eine mutige Abzweigung in die unbewanderten Ecken der finsteren Wälder einzuschlagen. Schon ganz früh zu Jahresbeginn haben die Salzburger Schubladenverweigerer Our Survival Depends On Us einen originären Doom/Sludge/Rock/Psychedelic/Baumharz-Brocken vorgelegt, der gleichermaßen mit Räucherstäbchen, Rotwein oder Ayahuasca genießbar ist. Zum Zwischendurchhören sind die ausgefeilten Kompositionen auf dem durchdachten Album zu schade, wer sich aber trotz ständigem Stress und verkürzter Aufmerksamkeitsspanne die Zeit nimmt, um mental in die weihrauchgeschwängerte Welt des Quintetts zu rutschen, dem Eröffnen sich möglicherweise neue Bewusstseinsdimensionen. Besonders eindrucksvoll übrigens bei einem der seltenen Live-Dates!

Voodoo Jürgens - `s klane Glücksspiel
Vielleicht lastete nach dem Erfolg deines Debüts und dem Underground-Hit „Heite grob ma Tote aus“ doch mehr Druck auf den Interpreten, als er in Interviews zugibt, aber die drei Jahre Wartezeit auf den Nachfolger „‘s klane Glücksspiel“ waren ziemlich lange. Ausgezahlt hat es sich aber allemal, denn seine kultigen Stargäste Jazz Gitti und Louie Austen bräuchte Voodoo nicht einmal, um dieses Meisterwerk zu bewerben. Die Songs schrieb er vermehrt mit seiner Band „Ansa Panier“, aus dem Alleinunterhalter in transdanubischen Beisln entpuppte sich ein Dialekt-Schmetterling, der unlängst zweimal durch die ausverkaufte Wiener Arena flatterte. Neben Erinnerungen an die eigene Kindheit und den schon üblichen Geschichten über skurrile Figuren aus dem Wiener Alltag, finden auch zwischenmenschliche und humanpolitische Töne Platz. Voodoo muss man nicht verstehen, um ihn zu verstehen.

Nun ja, zehn Alben sind gut, 15 aber noch besser. Hier haben wir für Sie noch weitere fünf Werke, die uns nachhaltig positiv im Gedächtnis geblieben sind:

Deichkind - Wer sagt denn das?
Die Geistesgestörten aus Hamburg sind endlich wieder aus ihrem Affenkäfig freigelassen. Statt Ferris MC hat man jetzt Lars Eidinger an Bord, ansonsten regiert der gewohnte Wahnsinn, der Electropop mit dadaistischen und lebensnahen Texten verknüpft. Natürlich ist der Irrsinn gewollt und durchdacht und die Stärke des famosen Vorgängers „Niveau weshalb warum“ hält man locker. Deichkind sind noch immer die beste Spielwiese für Erwachsene, die partout nicht erwachsen werden wollen.

Gary Clark jr. - This Land
Die musikalische Antwort auf die menschenverachtende und rassistische Politik Donald Trumps kam von Gary Clark jr. im Februar 2019 etwas spät, aber angesichts des kommenden US-Präsidentschaftswahlkampfs ist sein politisch-humanes Manifest für ein besseres Miteinander zeitlos. Album Nummer drei und vor allem der Titeltrack sind die bisherigen Höhepunkte im ohnehin schon respektablen Schaffen des Texaners. Der Soundtrack für die abgehängten Amerikaner aus den „Flyover-States“.

Liam Gallagher - Why Me? Why Not?
Das Bruderherz war immer der geniale Songwriter von Oasis, man weiß es längst. Doch ohne die einzigartige Goldstimme des jüngeren Rüpels wären die Manchester-Proleten niemals zu Weltruhm aufgestiegen. Liam hat die Drogen gegen Jogging getauscht und lässt die Arroganz mittlerweile Noel übrig. Stattdessen hat er eingesehen, dass ihm jemand die Songs veredeln muss, die er gottgleich durchs Mikro transferiert. Mit „Once“ hat er auf seinem stärksten Album seit dem Oasis-Ende eine Nummer für die Ewigkeit geschrieben. Ein Comeback, mit dem eigentlich keiner mehr gerechnet hat.

Meat Puppets - Dusty Notes
Wer erinnert sich noch an Nirvana Unplugged 1993, als Kurt Cobain mit brüchig-verletzlicher Stimme „Lake Of Fire“ von den Meat Puppets intonierte? Zeit seines Lebens liebte und achtete er die Kirkwood-Brüder, die das Americana-Genre so ebneten wie sonst nur Giant-Sand-Legende Howe Gelb. „Dusty Notes“, ein unerwartetes Comeback, ist so dermaßen bewusst aus der Zeit gefallen, dass man es einfach lieben muss. Bei Songs wie „Warranty“ oder „Nine Pins“ würde man gerne mit einem glänzenden Schimmel durch die Prärie reiten. Cowboy-Feeling ohne einen Schuss Peinlichkeit.

Slipknot - We Are Not Your Kind
Für manche ist es ein Geniestrich, andere wandten sich angewidert von diesem Konzeptwerk ab. Slipknot schaffen auch nach 20 Jahren, wofür man sie am meisten liebt: zu provozieren und zu polarisieren. Corey Taylor verarbeitet mal leidend, mal fordernd seine privaten Krisen, dazu scheppern die acht Kollegen mal mehr oder weniger zeitgemäß und haben auch keine Angst davor, tief in der eigenen Nu-Metal-Vergangenheit („Birth Of The Cruel“) zu graben. Dieses Werk braucht Zeit, irgendwann aber implodiert es unweigerlich in den Gehörgängen.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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