17.11.2019 17:00 |

Zum 60. Geburtstag

Das große Interview mit Schlagerstar Gilbert

Gilbert Soukopf, genannt Gilbert, pfeift auf Starallüren und pfeift sich auch wegen seines Alters nichts. Heute feiert er seinen 60er - unglaublich!

Viele empfinden den 60er als eine Art Schallmauer. Wie gehst du mit dem Sechser um?
Wenn du mir diese Frage nicht gestellt hättest, würde ich es gar nicht wahrnehmen. Das sind für mich Zahlen. Ich fühle mich viel jünger, als die Zahl 60 es aussagt. Wichtig ist das, was du spürst.

Wie lange bist du schon im Musikbusiness?
Ich kam schon als Kind mit der Musik in Berührung und spielte mit 13 Jahren mit meinem Jugendfreund George das erste Muttertagskonzert. Mit ihm gründete ich das Duo „Gilbert&George“ erst als Hobby-, dann etwa ein Jahrzehnt als Profimusiker. Parallel dazu war mir der Sport und die Natur immer wichtig und ich wurde Ski- und Snowboardlehrer und Bergführer. Nach der Zeit als Profi begann ich, intensiv zu komponieren und zu texten, natürlich auch für andere Interpreten. Irgendwann entschied ich mich, meine Lieder als Solointerpret Gilbert in die Welt zu tragen. Der damalige Betreiber des Tonstudios in Ötztal Bahnhof hat mich geradezu zu diesem Schritt genötigt.

Hast du irgendwann gespürt, das ist jetzt der Durchbruch?
Als ich meinen ersten Solotitel „Du mein kleiner Freund“ aufgenommen habe, merkten wir sofort, dass er eine unglaubliche Eigendynamik entwickelt. Einer der nächsten Titel „Ich bin frei“ schaffte es schon in die deutschen Charts. Den so genannten Durchbruch habe ich nie empfunden. Ich arbeitete einfach konsequent an meiner Musik und hoffte, die Menschen damit glücklich zu machen. An Geld habe ich nie gedacht, denn wenn das Feuer nicht brennt, geht gar nichts.

Du siehst dich als Singer-Songwriter, trotzdem ist die Nähe zum Schlager unüberhörbar. Was sagst du jenen, die den Schlager belächeln?
In der heutigen Zeit muss alles eine Schublade haben. Sagen wir Schlager mit poppig, rockigen Zutaten und nicht trivialen Texten. Den Belächlern braucht man eigentlich gar nichts sagen sondern die Zahlen zeigen. Der Schlager ist einer der wenigen Genres, die auch verkaufen. Stars wie Helene Fischer und Andreas Gabalier füllen Fußballstadien. Diejenigen, die es belächeln, sollen sich selbst vielleicht beim Apres Ski beobachten, wenn die die aufgemotzten Schlager mitgröhlen. Horchts mal rein in die Musik und entscheidets dann.

Viele sagen, die Musikbranche ist ein Haifischbecken. Siehst du das auch so?
Ja absolut. Vielleicht in der heutigen Zeit noch mehr als früher, weil alles auf der Überholspur und kurzlebiger ist. Was im Zeitalter von Facebook und Instagram jetzt interessant ist, interessiert in zwei Stunden niemand mehr. Wenn du beispielsweise einen Song streamst, ist der eigentlich nicht greifbar und nur virtuell. Du gehst dem ganzen nicht mehr mit dem Herz entgegen. Ja, das Haifischbecken ist größer geworden und es geht oft um Gewinnmaximierung.

Hast du in deinem Leben immer Glück gehabt?
Ja ich bin ein Glückskind. Das Glück musst du dir aber jeden Tag erarbeiten. Es fällt dir nicht von außen zu, weil es ein Gefühl ist, das in dir entsteht. Du entscheidest es. Wir sollten uns bewusst machen, dass das, was wir haben, nicht selbstverständlich ist. Und ich bin ein sehr gläubiger Mensch. Das gibt mir das Gefühl, dass mich jemand trägt. Ich beginne wirklich jeden Tag mit einem „Danke“.

Du textest und komponierst selbst und interpretierst in deinen Konzerten ausschließlich deine eigenen Songs. Woher holst du dir die Ideen bzw. die Inspiration?
Ja, ich mache keine Kompromisse und mache nur meine eigenen Geschichten, Coversongs gibt`s nicht mehr. Lieder zu machen ist eine Gabe, die mir geschenkt wurde. Die Ideen kommen mir im Alltag, natürlich abhängig von den Stimmungen von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt. Das kann sein mitten in der Nacht bis hoch am Berg oben. Die Nummer auf meiner neuen CD „Schwindelfrei“ entstand beispielsweise aus den Erzählungen meiner Mama, die erwähnt hatte, dass sie manchmal schwindelig wäre. Aber immer, wenn sie meine Musik hört, gehe es ihr gut. So entstand die Songpassage „Musik macht mich schwindelfrei“. Oft sind es die banalsten Sachen.

Neben der Musik hast du eine zweite Leidenschaft, das Klettern. Ist es der perfekte Ausgleich zum Konzertleben?
Ich klettere nun schon seit ca. 30 Jahren. Klettern ist nicht nur eine Leidenschaft, sondern eine Lebensphilosophie. Durch den Bergsport habe ich wahnsinnig viel gelernt: Disziplin, Durchhaltevermögen, Kraft im richtigen Augenblick zu generieren, zurückzuziehen, wenn es Zeit ist, sich einzugestehen, dass das, was man sich vornimmt, zuviel des Guten ist. Diese Dinge kannst du in die verschiedenen Lebenssituationen übertragen. Das hat mir auch geholfen, eine schwere Krankheit zu bewältigen. Ich hoffe, ich kann mit dem Klettern alt werden.

Die erste große Leidenschaft ist aber die Bühne. Musiker sagen, sie kann zur Sucht werden. Was ist denn das Faszinierende bzw. das süchtig machende?
Es ist die immer neue Herausforderung, ob das Publikum das, was ich selbst zusammengeschustert habe, annimmt. Wie nehmen die Leute es an und was kann ich damit bewirken. Und wenn du siehst, welche Emotionen ein Lied auslösen kann, entsteht in dir eine Leidenschaft, die durchaus süchtig machen kann. Und du denkst dir, den Menschen Freude zu bereiten mit den eigenen Kreationen - das Gefühl möchte ich wieder haben!

Was war dein schönstes Bühnenerlebnis?
Das steht im Zusammenhang mit meinem schönsten Erlebnis abseits der Bühne: Als ich 1982 ein Konzert in der Schweiz spielte, kam mein Sohn Benjamin auf die Welt. Die Fahrt nach zwei Stunden Schlaf nach Hause war ganz speziell. Auch inspirierend, denn es war Grundlage für meinen Hit „Du mein kleiner Freund“.

Deine Band ist dir sehr wichtig, die Musiker haben sich in die aktuelle CD „Freunde für`s Leben“ stark eingebracht. Wie läuft sie?
Ich würde sagen sensationell. Wenn ich mir die Airplaycharts der Radioeinsätze ansehe, steht ganz rechts die Produktionsfirma. Unter den Großen wie Universal oder Sony sieht man mein Musiklabel GIL-Records und da bin ich immer ganz stolz. Unglaublich war die Nummer eins in Deutschland mit „Aha“. In Österreich war ich kürzlich gleich zweimal Nummer eins mit dem Titel „Komm wir laufen durch`s Feuer“. Da hab ich mein Jugendidol Rainhard Fendrich überholt, da musste ich grinsen.

Mit 60 machen viele ein Lebens-Zwischenresümee. Was würdest du im Rückblick anders machen?
Ich bin sehr zufrieden mit meinem bisherigen Leben. Beruflich würde ich alles gleich machen. Im emotionalen Bereich würde ich das eine oder andere a bissl anders angehen.

Was rätst du den künftigen 60ern, die vielleicht ein mulmiges Gefühl bei dem Gedanken haben?
Lockerheit und die Gelassenheit des seins. Sich bewusst machen, was man schon schönes erlebt hat, im jetzt sein und voller Erwartungen in die Zukunft gehen und sich weiterhin Ziele setzt. Einfach so tun, als ob es den 60er nicht geben würde.

Wie feierst du deinen runden?
Standesgemäß, nach dem Konzert in der Schweiz.

Hubert Daum, Kronen Zeitung

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