14.11.2019 15:23 |

Westspanien

Extremadura: Ein fast vergessenes Juwel

Einst von Römern, Goten und Arabern heiß umfehdet, steht die Extremadura heute nur selten auf dem Plan von Spanien-Urlaubern. Allerdings zu Unrecht, wie ihre beeindruckende Fülle an Kultur, Geschichte und Kulinarik zeigt. Eine Reise von Madrid bis nach Sevilla.

Wer begeistert vom letzten Spanien-Trip erzählt, spricht mit Sicherheit über allseits bekannte Destinationen. Vielleicht über den Besuch der monumentalen und sich ständig in Bau befindlichen Basilika Sagrada Família in Barcelona. Oder aber über die kilometerlangen Sandstrände und das azurblaue Mittelmeer an Costa Brava und Costa Blanca. Möglicherweise sogar über ausgedehnte Feierlichkeiten auf einer der berühmten Baleareninseln, wie zum Beispiel Ibiza oder Mallorca.

Doch spricht man über Spanien, fallen meist Namen von Städten und Regionen, die an der 6150 Kilometer langen Küstenlinie des sonnendurchfluteten Königreiches liegen. Ein Gebiet hingegen kommt in kaum einer Diskussion über mögliche Reiseziele vor. Auch in den Reisebüros verliert nur selten jemand ein Wort darüber, genau dort seine nächsten freien Tage verbringen zu wollen. Die Rede ist von einer Region, die im Landesinneren liegt und bisher weitgehend vom Massentourismus verschont blieb: der Extremadura.

Wer die beschauliche Gegend besucht, die sich in den Bergen Spaniens an Portugal schmiegt, beginnt am besten in Madrid. Von Wien aus werden zahlreiche Flüge angeboten, danach geht es am besten mit dem Mietauto Richtung Südwesten. Erst nach 200 Kilometern  beginnt sich die mondähnliche Landschaft zu verändern. Bergkämme tauchen in der Ferne auf, verbrannte Erde wird von grünen Sprenkeln durchbrochen. Und am Horizont taucht ein Städtchen auf, das vermuten lässt, dass hier seit dem Mittelalter nicht viel passierte: Trujillo. Nicht einmal 10.000 Menschen leben in den verwinkelten steilen Gassen. Achtung: Mit dem Auto sind sie kaum ohne Schäden an der Karosserie befahrbar. Die Burg, gleichermaßen von Römern, Arabern und Goten erobert, bot schon für Szenen der Serie „Game of Thrones“ den perfekten Hintergrund. Auch kulinarisch wird einiges geboten. Tipp: Im Mai das Käsefest im Stadtzentrum besuchen!

Trujillo hinter sich lassend bietet sich eine halbstündige Fahrt nach Cáceres an. Jede Spur von Modernität scheint in der magischen Altstadt ausgelöscht, hier wandelt man vom jüdischen Viertel bis zur Arabischen Mauer und unendlich vielen Kapellen und Kirchen auf den Spuren der Geschichte. In digitalen Projektionen auf den Monumenten lässt sich Historie erleben. Auch mit einem Minnesänger kann die Stadt auf charmante Art und Weise erkundet werden. Einst als Spaniens Hauptstadt der Gastronomie ausgezeichnet, können Besucher den Tag bei Rotwein und Tapas ausklingen lassen und die Nacht in einem Parador verbringen. Die historischen Gebäude mit prunkvollen Innenhöfen sind heute in staatlichem Eigentum – und wurden großteils in einladende Hotelanlagen verwandelt.

Wer aber denkt, nur in Spaniens Großstädten auf historisch-kulturelle Vielfalt zu treffen, der irrt. Denn wer in der Extremadura beispielsweise mit einem Mietwagen durch die karg-schroffe Gegend fährt, spürt, dass sich hier schon seit Jahrtausenden Menschen ansiedelten. Kulturelle Räume werden hier nicht als Reliquien verstanden, die mit Samthandschuhen anzugreifen sind. Nein, die Schätze werden liebend gerne mit anderen geteilt. Viadukte sind teils noch befahrbar, in mittelalterlichen Altstädten lässt es sich hervorragend bei kulinarischen Schmankerln verweilen. Und auch römische Theater, in denen einst Sklaven auftraten, öffnen heute noch ihre Pforten. Wie etwa in der römischen Metropole Lusitania, heute Mérida. Ständig werden in dem beschaulichen Städtchen zwischen zwei Wasserläufen historische Sensationen ausgegraben. Im Nationalmuseum kann unter roten Ziegeln alte Kunst bewundert werden. Diana-Tempel und Trajan-Bogen sind architektonische Meisterwerke. Und ein Spaziergang über die Circo-Brücke, die längste erhaltene des Imperiums, versetzt Spaziergänger in Staunen.

Dass Spanien kulinarisch einiges zu bieten hat, ist kein Geheimnis. Doch neben wunderbar-geselligen Kochkursen nach traditionellen Rezepten, etwa in Mérida, ist ein Programmpunkt fast Pflicht: die Verkostung von Jamón Ibérico. Die von einigen Experten auch als „bester Schinken der Welt“ titulierte Spezialität schmeichelt schon mit ihrem Geruch dem Gaumen. Im Mund entfaltet sich, begleitet von Rotwein, eine unglaubliche Geschmacksvielfalt. Die Schweine entstammen zu zumindest 75 Prozent einer bestimmten Rasse, müssen den Großteil ihres Lebens freilaufend verbringen und werden mit Eicheln, Kräutern oder Getreide gefüttert. Dann wird der Schinken in einem monatelangen Prozess liebevoll von Hand bearbeitet und luftgetrocknet. Jamón Ibérico erzielt je nach Qualität auf dem Markt schwindelerregende Preise: Das ist er jedoch auch wert!

Verlässt man am Ende der Reise angekommen die Extremadura, gelangt man nach Zafra. Seine mit Ziegelsteinarkaden verzierten Häuser und kleinen Plätzchen vermitteln Ruhe. Ein Besuch der nahegelegenen Weingüter und Olivenhaine bietet sich an. Vor dem Abflug sollte dringend ein Besuch Sevillas stehen. Die charmante, rund 3000 Jahre alte Stadt wird vom prunkvollen Alcázar, dem Königspalast, dominiert.

Ein Spaziergang durch dessen atemberaubende Räumlichkeiten und die liebevoll gepflegten Gartenanlagen lässt die Zeit bis zum Rückflug nach Österreich beinahe vergessen. Ob Stierkampfarena oder Kathedrale: die auch als „Wiege des Flamencos“ bezeichnete Stadt hat für jeden etwas zu bieten. Doch Vorsicht: In den verwinkelten Gässchen verläuft man sich schnell. Und ist verleitet, in den winzigen Kaffeehäusern oder Weinlokalen auf ein Getränk einzukehren. Wer als Abschluss einer Tour durch die Extremadura hier noch ein zwei Tage anhängt, wird von der Herzlichkeit seiner Einwohner überrascht und sicher nicht enttäuscht werden.

Stefan Steinkogler, Kronen Zeitung

 krone.at
krone.at
Kommentare
Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Donnerstag, 09. Juli 2020
Wetter Symbol

Produktvergleiche

Alle Produkte sehen
Ihre Cookies sind deaktiviert. Die Seite wird daher möglicherweise nicht korrekt angezeigt.