05.11.2019 12:00 |

„Music For Men“

Gossip: „Unsere Message ist noch immer relevant“

Vor zehn Jahren erschufen Gossip mit ihrem vierten Album „Music For Men“ ein Werk, das weit über die bloßen Charts hinausstrahlte. Zum Zehn-Jahres-Jubiläum des stilprägenden Werks waren sie unter anderem auch in der Wiener Arena zu Gast. Hannah Billie und Nathan Howdeshell blickten noch einmal auf das Kultalbum zurück, reflektieren die derzeitige politische Lage und lassen offen, ob es künftig mehr von Gossip geben wird.

Es sei „die ausgestreckte Faust eines Albums“, das „Discoalbum des Jahres“ oder „die größte Punk-Rock‘n‘Roll-Disco-Soul-Band dieses Planeten“ waren nur einige der vielen Zuschreibungen, die Gossip für ihr legendäres Album „Music For Men“ einheimsten. Das vierte Studioalbum, das im Juni vor exakt zehn Jahren das Licht der Welt erblickte, beförderte Frontfrau Beth Ditto und Co. zu absoluten Superstars und auch endgültig zu Idolen für eine gesamte Szene. Wie keine zweite Band brachten Gossip gleichgeschlechtliche und Transgender-Themen in den Mainstream, kokettierten auf Magazincovern bewusst mit ihrer Imperfektion und hielten einer immer idealisierteren Gesellschaft provokant den Spiegel vors Gesicht.

Mit der Mischung aus ihrer Punk-Vergangenheit und einer neuen, wesentlich glamouröseren Zugansweise waren Gossip ihrer Zeit voraus und haben mit Songs wie „Heavy Cross“ oder „Love Long Distance“ Songs für die Ewigkeit geschrieben. Auch thematisch nahmen sie Diskussionen vorweg, die in der heutigen Gesellschaft inbrünstig diskutiert werden. Zum Zehn-Jahres-Jubiläum schlossen sich Gossip diesen Sommer drei Jahre nach dem Bandende offiziell für eine Tour wieder zusammen und machten auch in der Wiener Arena Halt. Dort rekapitulierten Gitarrist Nathan Howdeshell und Drummerin Hannah Billie (die auch das Albumcover ziert) noch einmal den bahnbrechenden Erfolg von „Music For Men“, erzählten, wie es dann weiterging und machten sich auch Gedanken darüber, ob Gossip eine weitere Zukunft haben.

„Krone“:Hannah, Nathan, dieses Jahr habt ihr das Zehn-Jahres-Jubiläum des prägenden Gossip-Albums „Music For Men“ wieder auf die Bühne gebracht. Wie hat es sich angefühlt, diese Nummern mit etwas Distanz wieder live aufzuführen?
Hannah Billie:
Wirklich sehr gut. Es war so, als wäre überhaupt keine Zeit vergangen. Es sind mittlerweile an die sieben Jahre seit unseren letzten Konzerten als Band vergangen, aber als wir uns im Proberaum wiedergetroffen haben, hat sich gleich alles wieder sehr gut und ungezwungen angefühlt. Die Verbindung zum Publikum ist sehr stark und intensiv. Es ist toll zu sehen, dass sich die Leute so um uns sorgen und das Album noch immer so abfeiern. Es wirkt nichts so weichgespült, sondern unsere Botschaften von damals sind noch immer relevant.
Nathan Howdeshell: In einer Gesellschaft, in der man den Menschen nachsagt, sie hätten keine Aufmerksamkeitsspanne mehr und würden ohnehin alles vergessen, war es fast schockierend zu sehen, wie stark dieses Album noch  verankert war.
Billie: Wir waren uns nicht sicher, ob das überhaupt jemanden interessieren würde. Wir waren auch ordentlich nervös.

All das sind aber gute Zeichen dafür, wie prägend und wichtig dieses Album für so viele Menschen schlussendlich war.
Billie:
Es ist im Endeffekt auch mein Lieblingsalbum aus unserer Diskografie. Es ist unser künstlerisch bestes Album und das schon zehn Jahre vergangen sind, fühlt sich wirklich eigenartig an. Aber wir sind so gut in Schuss, als hätten wir direkt an die damalige Zeit angeschlossen. Wir alle haben ja nicht aufgehört zu musizieren, nur Gossip lag auf Eis. Es macht jedenfalls alles wirklich sehr viel Spaß.

Gibt es Dinge vom Aufnahme- oder Schreibprozess dieses Albums, die euch aus irgendwelchen Gründen prägend in Erinnerung geblieben sind? Wusstet ihr damals bei der Zusammenarbeit mit Starproduzent Rick Rubin schon instinktiv, dass dieses Album eine andere Wirkung haben würde?
Billie:
Nein, das konnten wir nicht wirklich vorausahnen. Aber es ist natürlich so, dass die bloße Zusammenarbeit mit Rick eine gewisse Aufmerksamkeit mit sich bringt. Es gibt kein Album, an dem er beteiligt ist, das nicht breitflächig auffällt. Ich kann mich daran erinnern, dass wir die halben Songs geschrieben haben, als wir das Studio enterten und sehr viel erst dort ausgearbeitet haben. „Love Long Distance“ haben wir etwa dort geschrieben und alles kam uns sehr spontan in den Sinn. Wir hätten nie vorhersagen können, dass die Songs vor allem hier in den deutschsprachigen Ländern solche Hits werden würden. Wir waren sehr stolz auf das Album und die Message, aber rechnen kann man mit Erfolgen nie.

War es denn nach dem Riesenerfolg für euch schwierig, euch vom Druck, der damit einhergeht, zu lösen, um wieder neu kreativ sein zu können?
Billie:
Wir haben den Flow einfach mitgenommen. Wir alle kommen aus dem Punk und hatten nie einen großen Plan. Ein paar Jahre zuvor haben wir noch in dreckigen Kellern gespielt und bis zum Erfolg der Single „Heavy Cross“ ging eigentlich alles sehr normal vor sich. Dennoch fühlte sich alles so bizarr an, weil wir das nie als selbstverständlich annahmen. Manchmal mussten wir uns zwicken, um zu realisieren was da abging. Wir waren schon stolz auf das Album, hatten aber nicht diese Kings-Of-Leon-Attitüde, dass uns die Fans jetzt deshalb anbeten sollten. (lacht) Unser Selbstwertgefühl war der Schlüssel zum Erfolg. Wir waren einfach froh darüber, dass es geklappt hat.

Eure Botschaften zum Thema Gleichberechtigung, Liebe und der Zugang zu klassischen LGBTQ-Themen war damals wichtig und ist es heute in unverändert kompakter Form. Hat sich aus heutiger Sicht zu vor zehn Jahren relevant viel verändert?
Billie:
Die Akzeptanz von Homosexuellen ist wesentlich größer als damals. Auch im Mainstream sind diese Themen angekommen, aber andererseits rückt die Welt auch immer weiter nach rechts und alles polarisiert. Wir haben Donald Trump und diese Sektion in Amerika, die extrem gegen Homosexuelle, Ausländer, Immigranten und Frauen aufruft. Dieser Teil Amerikas wird immer stärker und das erschreckt mich extrem. Die gesamte Gay-Community ist voller Angst, weil sie nicht verstehen kann, dass sich die Dinge so rückwärts drehen. Schwule, Lesben und Transgender-Menschen werden stärker gesehen und in vielen Teilen akzeptiert, aber unsere Regierungen in den USA oder Osteuropa machen nicht viel dafür, die Akzeptanz zu steigern. Dieser verrückte, rechtsextreme Bullshit ist am Vormarsch und das torpediert viele gute Bemühungen. Wir spielten auf der Tour den Song „Standing In The Way Of Control“ und er ist aktueller denn je. Damals waren wir von George W. Bush verunsichert, aber im Vergleich zu Trump wirkt er wie ein süßes Häschen. (lacht) Trump wollte ja nie Präsident werden, er wollte nur an der Wahl teilnehmen und Aufmerksamkeit lukrieren. Er wollte seine Marke steigern und als es klappte, hat sich jeder gedacht „what the fuck“ - er selbst wohl auch. Wir leben in einem Albtraum und es ist keine gute Zeit, Amerikaner oder in Amerika zu sein. Trump kümmert sich nicht um Gleichberechtigung, die Umwelt ist ihm egal, er hat unzählige rassistische Rülpser zu verantworten und ist Sexist. Es gibt Massenschießereien und Amokläufe. Ich hoffe wirklich, dass das die Linken so einigt, dass sie erfolgreich dagegen ankämpfen können. Die Hoffnung darf nie sterben.

Habt ihr euch als Band verantwortlich dafür gefühlt, klare Texte zu schreiben, Positionen und Haltungen zu bestimmten Themen zu beziehen?
Billie:
Das wäre die richtige Frage für Beth, aber wir waren immer eine Band, die für die Außenseiter und Underdogs gestanden sind. Für jene, die unterdrückt und gemobbt wurden, Schläge in der Schule einstecken oder in der Arbeit für ihr Äußeres oder ihre sexuelle Präferenz gedemütigt wurden. Wir sind selbst solche Menschen. Wir sind die Freaks und Außenseiter, die in der High School verarscht wurden. Nathan wurde in der Schule fürs Schwulsein verprügelt, obwohl er gar nicht schwul ist. (lacht) Beth und ich haben als Lesben sehr viel Hass verspürt und daher haben wir uns dafür entschieden, die Selbstakzeptanz zu forcieren und eine Bewegung, eine Einigkeit von Menschen zu gründen, die sich in diesen Situationen gegenseitig aufbauen können. Das war immer unser wichtigster Ansatz. Hilfe und Unterstützung.

Ihr seid für viele eurer Fans auf jeden Fall große Helden, wenn nicht sogar eine Art Wortführer, denen man im positiven Sinne gerne folgt. Habt ihr über die Jahre auch viele bewegende, emotionale Rückmeldungen auf eure Songs und euren Einsatz bekommen?
Billie:
Sehr, ja. Auf dieser vergangenen Tour sahen wir Menschen mit Gossip-Tattoos. Eine lesbische Frau hatte die kompletten Lyrics von „Heavy Cross“ auf ihrem Unterarm tätowiert. Das ist wirklich unglaublich und hinterlässt uns sprachlos. Du weißt dadurch, dass du in diesem Leben einen Sinn hast und weshalb du da bist und das machst. Das hat nichts mit einem Ego zu tun, aber wir sehen förmlich, dass wir auf die Menschen einwirken können und das ist auch umgekehrt der Fall. Wir lernen so viel von den Menschen und den Gesprächen mit ihnen, was uns als Menschen wachsen und reifen lässt. Wir stehen nicht auf der Bühne, um angebetet zu werden, sondern wollen eine gemeinsame Bewegung anführen. Wir sind keine ungreifbare Rockband, der alles egal ist. Wir wollen die Kommunikation, die Liebe, den Respekt und die Akzeptanz für jeden Menschen, der so ist, wie er ist.

Wird es für Gossip nun eigentlich eine Zukunft geben, oder waren diese Jubiläumsshows nur ein kurzes Aufflackern?
Billie:
Wir sind uns nicht sicher. Das ist die Millionen-Dollar-Frage. Wenn ein Angebot kommen würde, würde ich auf jeden Fall ja sagen.
Howdeshell: Die Erfahrungen, die wir auf dieser Tour gemacht haben, waren wirklich wundervoll. Es war einfach alles perfekt.
Billie: Wir sind alle erwachsen geworden und befinden uns in unseren Leben auf einer sehr kompakten, guten Linie. Es ist nichts spruchreif und ich kann wirklich nicht viel dazu sagen, aber ich hätte kein Problem damit.

Ihr habt ja immer noch eine unheimliche Wirkung auf die Leute und vor allem immer noch viel zu sagen.
Billie:
Das stimmt, das sehe ich auch so. Die Tour war der beste Beweis dafür, dass Gossip noch immer wichtig sind. Wir sind älter, bessere Musiker, haben ein besseres Verantwortungsbewusstsein, sind aber immer noch dieselben Menschen. Es war so cool und unbeschreiblich, nach so langer Zeit die Liebe der Menschen zu spüren. Die Fans in den ersten Reihen waren dieselben wie früher und dann gab es noch Kids, die uns zuvor noch nie gesehen haben. Die gesamte Erfahrung war magisch. Jeder Mensch braucht in Tagen wie diesen mehr Liebe. Alles ist so gespalten und geteilt, auch hier in Europa. Das ist schockierend. Der Brexit, die Einwanderungsthemen, der aufkommende Faschismus in Osteuropa - es ist zurzeit wirklich schlimm.
Howdeshell: Die hasserfüllte Rechte kommt wieder zurück und zwar gewaltig. Das ist verrückt und surreal, aber Fakt.
Billie: Die Zeiten sind erschreckend und unsere Botschaften sind heute relevanter denn je zuvor. Es ist sehr wichtig, dass wir uns in der Gegenwart klar deklarieren. Ich hoffe, dass wir das auch weiterhin so machen.

Kommt ihr durch das zunehmende Alter und eure stabilen Lebensverhältnisse auch untereinander besser miteinander aus?
Billie:
Wir kommen hervorragend miteinander aus. Wir haben früher wirklich viel Party gemacht, es gab dauernd Spannungen und ich glaube, wir haben auch das Leben an sich nicht so ganz verstanden. Wir waren in unseren späten 20ern und frustriert, dass wir als Punks im Mainstream funktionieren mussten. Wir waren immer eine Familie, aber heute ist diese Familie wesentlich gereifter und stabiler. Der Vibe zwischen uns ist grandios und wir haben dieselbe Crew wie vor zehn Jahren. Es ist verdammt wichtig, dass sich das ganze Team untereinander versteht. Wir sind eine Bande von Freaks, die sich gegenseitig aufbaut und unterstützt. Das Vertrauen ist unheimlich wichtig. Es fühlt sich gut an Musik zu machen mit Menschen im Umfeld, denen man blind vertrauen kann.

Ist es euch damals schwergefallen, nach dem Eintritt in den Mainstream nicht eure Punk-Identität ablegen zu müssen?
Billie:
Dass wir jetzt an die sieben Jahre als Band nichts gemacht haben war schlussendlich auch wichtig, um zu reflektieren, was wir uns als Band bedeuten.
Howdeshell: Wir sind auf uns gestellt, haben kein Label und die ganze Verantwortung liegt an uns selbst. Beth hatte die Idee für diese Jubiläumstour und ich würde mich freuen, wenn daraus mehr entstehen könnte.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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