Der Tag hat sich noch nicht vollständig gegen die Nacht durchgesetzt, strömender Regen aber gegen potenziellen Sonnenschein. In der Straßenmeisterei in St. Johann herrscht reges Treiben, das Licht der Neonleuchten scheint nach draußen. Drinnen stehen vier Männer und besprechen ein letztes Mal den Einsatz. Die Füße stecken in festen Bergschuhen, auf den Köpfen sitzen Helme. Die Mission: Nichts Geringeres, als der Natur so gut es eben geht einen Schritt voraus zu sein.
Wenige Wochen zuvor war auf die Pillersee Landesstraße ein Felsbrocken gestürzt. Straßenmeister Michael Aufschnaiter hielt Nachschau und entdeckte alsbald, dass da, wo er herkam, noch mehr war. Viel mehr. Ein 15 Tonnen schwerer Brocken hatte sich von der Felswand gelöst und wurde von zwei Bäumen aufgefangen – nur einige Meter über der Landesstraße.
Der Straßenmeister zog einen Sprengmeister hinzu, beide kamen zu dem selben Schluss: Irgendwann würden die Bäume der Last des Brockens nachgeben. Um die Situation zu entschärfen, musste gesprengt werden.
Extreme Temperaturen setzen den Bergen zu
Die Experten bemerkten in den vergangenen Jahren einen Anstieg solcher Einsätze, sowohl in der Häufigkeit als auch in der Größenordnung. Verantwortlich seien die extremen Wetterverhältnisse: Hitze, Starkregen, Schnee und enorme Temperaturunterschiede.
Unten wird gesperrt, oben wird gesprengt
Der Tag war mittlerweile angebrochen, der Regen unnachgiebig. Die Männer machen sich auf zur Pillersee Straße – mit Sprengstoff im Gepäck. Während die Fahrbahn unten von Mitarbeitern des Straßendienstes gesperrt wird, kämpfen sich Straßen- und Sprengmeister mit zwei Mitarbeitern durch das nasse Laub nach oben.
„Bei einem Felsbrocken dieser Größe werden normalerweise Löcher gebohrt, in die der Sprengstoff gesteckt wird“, schildert Anton Schell, Sprengmeister der Firma Felbermayr. „Durch die Risse im Stein könnte es hier aber zu einer zu gefährlichen Explosion kommen“, sagt er, während er mit einer Axt die Rinde von einem Baum schlägt. Die Strategie deshalb: „Wir sprengen die Bäume quasi nach innen, damit der Fels kontrolliert nach unten bricht.“ Und Aufschnaiter ergänzt: „Sie zu fällen wäre zu gefährlich, das Gestein würde den Männern um die Ohren fliegen.“
Eine hochexplosive Sprengschnur wird deshalb um die inzwischen halb nackten Bäume gewickelt. „Sie muss möglichst dicht anliegen, das wäre samt der Rinde nicht möglich“, erklärt Thomas Fließer, Felbermayr-Mitarbeiter. Zwei Schlagpatronen werden angebracht, um die Fallrichtung zu koordinieren. Am Ende wird die Sprengschnur mit einer Kapsel verbunden, in der durch eine elektrische Zündung quasi ein Kurzschluss herbeigeführt wird. Die Männer stehen nun 100 Meter davon entfernt.
Krach, Licht, Rauch: Die Bäume sind gesprengt
Mit einem Dynamo wird Strom erzeugt, ein kleiner, schwarzer Knopf gedrückt – und dann geht alles sehr, sehr schnell: Ein enormes „Kabuuuuuuuuum“, gleißendes Licht, Rauch. Innerhalb von Sekunden-Bruchteilen gehen die Bäume in die Luft, ein Teil des Felsens poltert den Hang hinunter.
„Glück auf“‘
Von den Bäumen ist danach nicht mehr viel übrig, zwischen den Stumpfen liegen Gesteinsbrocken. Die Männer schütteln sich die Hände - „Glück auf“ heißt es in die Runde. Für Sprengmeister Schell und seine beiden Mitarbeiter Thomas Fließer und Patrik Lelié ist der Einsatz damit beendet. Für Michael Aufschnaiter und sein Team geht er erst richtig los: Die Gesteinsbrocken müssen verräumt werden - einer donnerte bis auf die gesperrte Straße.
Das Problem bei Muren sei, dass sie sich nicht voraus sagen lassen, zudem ist Tirol dicht besiedelt, es steige die Gefahr, dass eine Straße oder andere Infrastrukturen betroffen sind. „Wir versuchen im Vorfeld natürlich zu verhindern, was nur möglich ist“, sagen Schell und Aufschnaiter. Etwa durch Sicherheitsnetze oder eben Sprengungen wie diesen.
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