10.09.2019 07:00 |

„Putzlicht“

Niels Frevert: Geglückte Krisenbewältigung

Lieder über Sinnsuche und Schreibblockade sind oft voller Selbstmitleid und selten spannend. Außer man macht es so wie Niels Frevert, dieser herausragende Songdichter aus Hamburg. Auf seinem Album „Putzlicht“ erklärt er in ganz wenigen Zeilen, warum es fünf Jahre gedauert hat seit dem von der Kritik bejubelten Vorgänger - und dass manches schwierig war.

Sein neues Lied „Ich suchte nach Worten...“ enthält zu treibendem Gitarrenpop einen fabelhaften Text über das mühsame Ringen um Qualität. „Ich löschte alle Zeilen/zerriss das Blatt in zwei/zerriss es zu Konfetti/es flog davon in Freiheit/auf Flügeln aus Papier...“, singt Frevert anfangs - und hütet sich danach vor Larmoyanz. Am Ende des Songs beantwortet er eine typische Journalistenfrage: „Warum das wieder so lange gedauert hat/werde ich in Interviews gefragt/ich sage, weil ich jeden Morgen/auf Knien gebetet habe/dass es nur dauert“. Gute Kunst kommt nicht von allein, und sie braucht eben ihre Zeit.

Kleine Krise
Später, im Liebeslied „Wind in deinem Haar“, fragt Frevert sein vertrautes Gegenüber zaghaft: „Hast du ‘ne Idee für mich/worüber ich schreiben kann...“. Man merkt den beiden Songs an: Der Weg zu „Putzlicht“, diesem vielleicht besten deutschsprachigen Popalbum des Jahres, war kein leichter. „Ich hatte eine kleine private Krise“, räumt der 51-Jährige gleich zu Beginn eines langen Interviews der Deutschen Presse-Agentur in Berlin ein. „Wenn ich mich an die Gitarre setzte, kamen nicht so viele tolle Sachen dabei raus. Ich war auch ein bisschen weg vom Schreiben. Ich hatte das Gefühl, als hätte ich meine Sprache verloren.“

Nach dem künstlerischen Triumph von „Paradies der gefälschten Dinge“ (2014) - einer Platte, die der selbstkritische Frevert im Rückblick nicht mehr ganz so gelungen findet - dauerte es „etwa bis zum Frühling 2017“, ehe die Kreativität zurückkehrte. „Ich wollte kein weinerliches Album, sondern ein kraftvolles. Eine Platte, die einen gewissen Optimismus versprüht.“ Aber auch mit dem neuen Schwung im Rücken musste sich Frevert viel Zeit nehmen: „Auf Deutsch zu texten ist immer ein Kampf - selbst wenn alles super läuft.“ Die komplizierte Entstehungsgeschichte von „Putzlicht“ steckt in mehreren Liedern drin - auch in „Immer noch die Musik“, einer vielschichtigen Hymne auf die tröstende Kraft eines guten Songs.

Selbsttherapie
Im Gegensatz zu früheren Alben, auf denen er gern Beobachtungen und Geschichten über andere erzählte, enthält „Putzlicht“ mehr Innensicht - viel Nachdenkliches, viel Melancholie, auch viele Zweifel. Eine Art Selbsttherapie durchs Songschreiben? „Da musste etwas raus und hat sich seinen Weg gebahnt“, sagt Frevert. „Ja, vielleicht hat mir die Musik wieder aufgeholfen.“ Stärker als früher lasse er „durch die Texte in mich hineinschauen, ich mache mich damit auch ein Stück weit angreifbar“.

Freverts gerade mal sechste Platte seit Beginn seiner Solokarriere 1997 - nach fünf Jahren als Sänger der talentierten Deutschrock-Band Nationalgalerie - ist erstmals komplett in Berlin entstanden. Der Vater einer Tochter lebt eigentlich im alternativen Hamburger Schanzenviertel, doch die Aufnahmen in mehreren Studios der Hauptstadt hat er sehr genossen. Davon inspiriert scheint „Brückengeländer“ - ein streicherdurchwehtes Lied mit einer Anspielung auf Freverts Helden Rio Reiser und dessen berühmte Protest-Rockband: „Ich sah einen Ton Steine Scherben Aufkleber/auf einem SUV“. Abgesehen von den brillanten Texten, ist „Putzlicht“ ein ungemein prachtvoll, aber nie protzig produziertes Album - ein Verdienst des Studiozauberers Philipp Steinke (Revolverheld, Bosse, Andreas Bourani). Der Filmkomponist und Keyboarder hat Freverts neuen Liedern - ob Ballade oder Up-Tempo-Stück - warme, moderne Arrangements mit E-Gitarren und dezenten Synthesizern verpasst.

Auf dem Weg nach oben
„Ich habe mich von alten Ideen verabschiedet und neue zugelassen. Und ich wollte, dass man diese Veränderungen auch hört“, betont der als „Liedermacher“ nurmehr unzureichend beschriebene Frevert. Die Platte sei für ihn ein Befreiungsschlag. „Wenn man sich schon fünf Jahre Zeit lässt, dann muss man mit etwas Starkem zurückkehren.“ Bleibt nur zu hoffen, dass viele Fans anspruchsvoller deutscher Popmusik das auch mitbekommen. Denn ein geschmeidiger Musiker für die Streaming-Plattformen und deren Algorithmen wird aus Niels Frevert wohl nicht mehr. Und den Status des Geheimtipps oder Kritikerlieblings sollte er spätestens mit „Putzlicht“ hinter sich haben. Der Hamburger gehört in die erste Liga.

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