03.09.2019 00:50 |

Live in der Arena

Little Steven: Der Kampf um den Rock‘n‘Roll

Rund 700 Menschen sind Montagabend gekommen, um die hohe Improvisationskunst des US-Topmusikers Little Steven mit seinen Disciples Of The Soul in der Wiener Arena zu verfolgen. Ein Festschmaus handgemachter Musik, deren Ablaufdatum aber immanent erscheint.

Vor fast genau zwei Jahren setzte sich Steven Van Zandt wagemutig über die verstauben Traditionen der Wiener Klassik hinweg. Er hatte als Little Steven mit seinen famosen Disciples Of Soul ungefähr das halbe Set gespielt, bis ihm der Kragen platzte. Lasst die Leute doch stehen, ja, sogar tanzen und klatschen! Der Zeremonienmeister selbst musste drohenden Blickes für Unordnung sorgen, bis sie auch wirklich akzeptiert wurde. Die Saalordner gaben den ungleichen Kampf gegen Freude und Stimmung auf und ließen den Amerikaner und seinen Jüngern gewähren. Rock’n’Roll 1, Etikette 0. Derlei Wundersames erlebte er nun bei seiner Rückkehr nach Österreich nicht. Ist die Wiener Arena doch deutlicher für Anarchie und geregeltes Chaos bekannt, als der Prunkpalast in der glänzenden Innenstadt.

Über alle Normen
So zeigt sich Little Steven samt elfköpfiger Band und dreier stimmlich umwerfender Sangeskolleginnen von der guten Stimmung angetan und serviert am verregneten Montagabend eine Musiklehrstunde von zweieinhalb Stunden. Zweieinhalb Stunden, in denen nicht eine Sekunde langweilig erscheint, in der sich virtuose Soli mit packenden Gemeinschaftsrhythmen paaren und sich jeder einzelne Musiker mit seinen ausgeprägten Fähigkeiten ins Rampenlicht stellen darf. In bunten Hawaii-Hemden, federbestückten Hüten und mit kolorierten Seidenschals bilden sie nicht nur musikalisch die Buntheit einer grenzeneinreißenden Combo vieler Kulturen ab. Schon für die ersten vier Songs „Communion“, „Camouflage Of Righteousness“, „Party Mambo!“ und „Love Again“ braucht die eng zusammenstehende Musikerbande eine gute halbe Stunde. Rock’n’Roll und Improvisationsgeist kennen eben keine vorgefertigten Normen und das ist mehr als gut so.

Den „Summer Of Sorcery“, so seine aktuelle Platte, feiert er auf seiner ambitionierten Hobbytour, deren Europaendstation ausgerechnet im Kontinentsherzen Wien über die Bühne geht. Eine Show von Steven Van Zandt ist aber nicht nur musikalische Genialität und kompaktes Zusammenspiel, sondern auch Polit- und Umweltkritik. Der überzeugte Klimaaktivist weht seine Botschaften nicht so plump und fadenscheinig wie Bono von der Bühne, zeigt sich aber schon bestimmt, wenn es darum geht, dem Plastik an den Kragen zu gehen. Mit Hart- und Weichplastikbechern (die erhält man im Arena Beisl, wo es das gute Kozel gibt) gegenseitig zuprostend, stimmt die Masse in den Tenor ein. Rock’n’Roll braucht eben auch Ironie und unfreiwillige Komik, um seinen vollen Glanz entfalten zu können.

Platz für alle
Dass Van Zandt seit mittlerweile viereinhalb Dekaden zu den besten Freunden von Bruce Springsteen zählt, hört man der Show zu jeder Sekunde an. Wie auch der große „Boss“, konzentriert sich der 68-Jährige darauf, eine möglichst breite Stilpalette feilzubieten. Ruhige E-Street-Band-Momente wie in „Love Again“ paaren sich mit Funk wie bei „Gravity“, harschem Rock, Latin-Klängen, viel Soul, erdigem Blues, durchdringendem Groove und sogar einer Spur Reggae. Immer wieder darf die fünfköpfige Bläsersektion an die Front, auch das weibliche Sangestrio stellt seine atemberaubenden Fertigkeiten des Öfteren zur Schau. Van Zandt, als Serienstar in den „Sopranos“ und „Lilyhammer“ das Rampenlicht eigentlich gewöhnt, dirigiert zwar als Vokalist und Gitarrist in der Bühnenmitte, verfällt aber nicht dem üblichen Egotrip und lässt der talentierten Kollegenschaft stets galant den Vortritt.

In den richtigen Momenten reduziert, in anderen bombastisch, tobt sich Little Steven durch die große Geschichte amerikanischer Rockmusik. Da muss auch Zeit für eine Huldigung an die von ihm verehrten Youngbloods („On Sir Francis Drake“) bleiben, von denen er dem Publikum die käuflichen Alben nahelegt, denn „man kann sie auch downloaden oder streamen. Aber wie alt sind wir denn? 12? Kauft doch lieber!“ Genau daran krankt im Endeffekt die Seele des Rock’n’Rolls in der Gegenwart. Nicht nur das Durchschnittsalter im Publikum verrät, dass derart weltumfassende und grandios exerzierte Musik längst den Anschluss an mehrere Generationen verloren hat. So sehr sich Van Zandt auch für das Klima oder gegen Apartheid einsetzt, die Botschaft verpufft schlussendlich im Äther des Obsoleten. Wie die Politik hat auch dieser wundervolle Sound den Anschluss an die juvenile Gegenwart verloren. Auch wenn sich Little Steven nach allen Regeln der Kunst dagegen verwehrt.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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