08.08.2019 07:00 |

„We Are Not Your Kind“

Slipknot: Unbändige Wut im Bauch neu kanalisiert

Nach fünf Jahren Wartezeit und einem fulminanten Auftritt beim diesjährigen Nova Rock erscheint nun endlich das neue Slipknot-Studioalbum „We Are Not Your Kind“. Auf gleich 14 Songs zeigen sich die harschen Maskenträger so vielseitig, experimentierfreudig und positiv nostalgisch wie selten zuvor. Frontmann Corey Taylor gab uns im Interview tiefere Einblicke in das vielleicht wichtigste Heavy-Metal-Album des Jahres.

20 Jahre ist es mittlerweile her, als ein Rudel Wahnsinniger in Ganzkörperoveralls und furchterregenden Masken als eine der allerletzten Bands überhaupt das Musikbusiness revolutionierte. Ansätze von Nu Metal, Industrial-Einsprengsel, Death-Metal-Attribute und eine bis dahin nicht gekannte, viehische Aggressivität, die sich durch das gesamte Album zog, machte Slipknot über Nacht weltberühmt und ließ sie trotz der musikalischen Brachialität bis in den Mainstream hineinlugen. Bandgründer und Percussionist Shawn „Clown“ Crahan war damals knapp 30 und setzte alles auf eine Karte. Im Gegensatz zu manch landläufiger Meinung waren Musik, Image und Verhalten von Anfang an perfekt durchkonzeptioniert, doch erst Sänger Corey Taylor ließ Slipknot zu dieser unkontrollierbaren Macht werden, die seither die größten Rock- und Metalfestivals headlined und niemals an Integrität und kompositorischem Feuer eingebüßt hat.

Goldfisch-Cracker
„Wenn ich an 1999 zurückdenke, dann fällt mir ein, dass wir 14 Leute in einem kleinen Bus waren und es außer ein paar Goldfisch-Cracker, von denen wir uns tagelang ernährten, nichts zu essen gab“, erinnert sich Taylor im Interview mit der „Krone“ zurück, „manchmal gab es auch Dosenthunfisch. Wir hatten überhaupt kein Geld und noch weniger Ahnung, wie der Hase in diesem Business überhaupt läuft. Die Unterschiede zu heute könnten nicht größer sein.“ Als Slipknot am ersten Tag des diesjährigen Nova Rock auf die Pannonia Fields fuhren, hatte jedes Bandmitglied seinen eigenen Nightliner. In punkto Professionalität und Komfort mangelt es der immer noch verrückten Meute aus dem ereignislosen Iowa noch immer nicht - im gesetzteren Alter zwischen 40 und 50 sind die Liveshows immer noch überraschend und explosiv. So wie auch das brandneue Material.

„We Are Not Your Kind“ nennt sich das sechste Studioalbum Slipknots, das erste nach fünf langen Jahren, in denen die vielen Bandmitglieder gewohntermaßen ihren unterschiedlichsten Projekten nachgingen, ohne sich ganz aus den Augen zu verlieren. Als „Fortsetzung des Zweitwerks ,Iowa‘“ bezeichnete Taylor das Album im Vorfeld gerne, doch wer dabei an die nihilistische Aggressivität der einzelnen Songs denkt, wird enttäuscht. Natürlich ist „We Are Not Your Kind“ mit seinen 14 Songs ein kompromissloses Krachballett, doch Slipknot gehen dabei längst strategischer und ausgeklügelter ans Werk als in den wilden Frühtagen. „Es geht auch eher inhaltlich in die Richtung von ,Iowa‘ zu sehen“, klärt Taylor auf, „damals hatte ich meine Drogenprobleme in den Griff zu kriegen. Dieses Mal war ich in einem seelischen Tief. Bombardiert von negativen Gefühlen und auch da musste ich mich erst rausziehen.“

Loslassen und zulassen
Slipknot hatten es im Laufe der Jahre nie leicht. Gründungsmitglied Paul Gray verlor die Band ebenso an Drogen, wie Crahan erst diesen Frühling seine Tochter. Aus dem Sumpf der Abhängigkeiten konnten sich die Musiker zwar zusehends rausziehen, eine gewisse Art von toxischer Atmosphäre ist in einer so intensiv geführten Band aber wohl nie ganz abzuwenden. „Im Prinzip erzähle ich auf dem Album die Geschichte meiner letzten Jahre. Ich kämpfte gegen Depressionen und innere Dämonen an und die Person, die ich in der Öffentlichkeit darstelle, bin ich zuhause gar nicht“, sinniert der Sänger. „Auf ,We Are Not Your Kind‘ geht es darum, Dinge loszulassen und Gefühle zuzulassen. Es geht darum zu akzeptieren, dass nicht immer alles gut ist, aber auch nicht aufzuhören für sich und sein Glück zu kämpfen. Das Leben ist ein On-Going-Prozess und je eher man sich damit abfindet, immer an sich arbeiten zu müssen, umso eher wird diese Arbeit von Erfolg gekrönt sein.“

Gerade Taylor ist längst Liebling der Metal-Trashpresse und Online-Klatschspalten. Mit seinem losen Mundwerk, seiner Tätigkeit als politisch kritischer Schriftsteller und leidenschaftlicher Diskutant spaltet er die Gemüter wie kaum ein Zweiter. „Sobald wo ein Bild von mir aufleuchtet, denken sich die Menschen ohnehin schon wieder, dass dieser Taylor seinen Senf abgeben muss“, lacht der 45-Jährige, „es sind alle gewohnt, dass ich dauernd wütend zu sein scheine. Mit so viel Wut zu leben ist aber nicht lustig und ich bin dabei, die Gefühle anders zu kanalisieren.“ Die Texte auf dem neuen Slipknot-Werk zielen auch vielmehr auf Taylors Seelenleben, denn auf seine politischen Ansichten ab. „Politisch bin ich privat und in meinen Büchern, mit Slipknot waren wir das nie. Dieses Mal war es mir wichtig, all das Persönliche abzuladen, das mich in den letzten Jahren quälte. Es ist quasi ein Reinemachen der Seele mit einem unglaublich spannenden musikalischen Fundament, das ich meinen großartigen Bandkollegen verdanke.“

Experimentierfreude
Neben fordernd-harten Songs wie „Solway Firth“ oder „Nero Forte“ lassen sich Slipknot auch Raum für Noise-Experimente („My Pain“), Interludes und einen mystisch-zerfaserten Track namens „Spiders“, der in seiner ungemütlichen Intensität und Taylors sanften Flüster-Sprechgesang fast ein wenig an Marilyn Manson zu längst vergangenen Glanzzeiten erinnert. „Experimentiert haben wir mit solchen Klängen oft, aber dieses Mal wollten wir einen Schritt weitergehen. Wir haben einmal mehr unsere Grenzen ausgeweitet und uns mit jeder Nummer selbst überrascht.“ 15 weitere Songs sollen in den immens kreativen Schaffensphasen entstanden sein, die entweder als Sonderedition oder möglicherweise nie das Licht der Welt erblicken werden. Durch die vielen Krisen in- und außerhalb der Band sind Slipknot aber heute musikalisch als auch persönlich mehr Familie als je zuvor und wissen diese zweite Heimat außerhalb ihrer realen Leben mehr als zu schätzen.

„Der Albumtitel dreht sich darum, die Politik, diverse Stigmata und die reißerischen Headlines vieler Medien zu entkleiden und bloßzustellen. Menschen wollte heute immer besser dastehen als der andere und würden den anderen zum eigenen Vorteil sofort niedermachen. So sind wir aber nicht und dafür stehen Slipknot nicht ein. Mir ist egal, welche Hautfarbe du hast, welches Geschlecht, wie alt du bist, woran du glaubst, wen du liebst und was du dir vom Leben vorstellst - bei einer Slipknot-Show bist du herzlich eingeladen, solang du Offenheit und Toleranz zeigst. Wer sind denn ,wir‘, die im Albumtitel angesprochen werden? All jene, die gegen Spaltung und Ausgrenzung auftreten.“ Inklusion kann man eben auch mit kompromissloser Härte transportieren und Slipknot wirken auf „We Are Not Your Kind“ auch nach 20 Jahren so frisch und unverbraucht wie an den frühen Tagen. Im Sommer 2020 gibt es auch ein Live-da-capo in Wien. Genaue Location und Datum sind aber noch unbekannt…

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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