16.07.2019 00:40 |

Open-Air-Triumphzug

Tash Sultana: Variabel in eine goldene Zukunft

Zwei ausverkaufte Open-Air-Konzerte in der Wiener Arena und das gleich beim Österreich-Debüt: Tash Sultana bewies Montagabend bei ihrem ersten Auftritt, dass sie sämtlichen internationalen Vorschusslorbeeren mehr als gerecht wird und mit ihrem eklektisch spannenden Sound ganze Generationen zu verbinden weiß.

„Wien waren die ersten Shows auf dieser Europatour, die ausverkauft waren - vielen Dank dafür.“ Ungefähr zur Mitte des Sets setzt sich Tash Sultana an den Bühnenrand und lässt den Jubel im sommerlichen Ambiente für einige Sekunden auf sich wirken. Gestern und heute ausverkaufte Wiener Arena in der Open-Air-Version bedeuten rund 6.500 Fans - und das bei ihrer großen Österreich-Premiere. Ein bisschen hat es gedauert, bis sich die Booker über das australische YouTube-Phänomen, das vor drei Jahren mit dem Song „Jungle“ einen Online-Senkrechtstart hinlegte, drübertrauten. Jetzt begeistert sie bei Festivals, füllt üppige Freiluftplätze und zieht mit ihrem einzigartigen Mix aus Folk, Pop, Rock, Reggae, Mariachi, Soul, Indie und viel zeitgeistiger Elektronik alle in ihren Bann, deren Musikgeschmack nicht zwingend bei den Top-10 in den Formatradio-Charts endet.

Grazil wie eine Katze
Schon das minimale Bühnensetting mit überschaubar großen Plastikfiguren eines Flamingo, eines Regenbogens und eines Kaktus ist eine Mischung aus Ayahuasca-Fiebertraum und flirrenden Wüsten-Wahnsinn. Doch keine Angst - in die Fänge schamanischen Hexenwerks geleitet das 24 Jahre junge Multitalent nicht. Sie schafft es vielmehr die variablen Geschmacksknospen ihrer Zuhörer so geschickt ineinander zu verknoten, dass selbst krude wirkende Instrumentalstakkatos vergleichsweise feingliedrig und sanft durch die Gehörgänge fließen. In ihren famosen Nummern wie „Big Smoke“, „Mystik“ oder „Notion“ bleibt immer wieder viel Raum für wagemutige Experimentierfreudigkeit. Grazil wie eine Katze schwenkt sie im Minutentakt zwischen gediegenem Reggae, clubtauglicher Elektronik und bodenständigem Indie Folk hin und her. Niemals verliert sie dabei das große Ziel, einen eingängig-durchdringenden Song zu kreieren, vollends aus den Augen.

Das Debütalbum „Flow State“, von dem sie an diesem wundervollen Abend ausreichend zehrt, war hierzulande noch nicht einmal ein klassischer Verkaufserfolg. Selbst die Streaming-Zahlen sollen laut Brancheninsidern überschaubar gut laufen, doch Sultana durchzieht die Menschen mit ihrer Magie ohnehin auf der Bühne. Das wissen auch die Österreicher, die gewiss nicht aus schnödem Risiko so zahlreich erscheinen, um ihrer neuen Heldin zu huldigen. Wenn sie manchmal eruptiver ans Werk geht, shreddert sie die E-Gitarre auf Tuchfühlung mit den Fans im Bühnengraben oder hüpft barfuß wie ein wildgewordenes Bison durch die Gegend, in den sanften Momenten dreht sie ihre beneidenswerte Stimme auf Souldiva-Höhen, die mit unmissverständlicher Vehemenz in die Fanherzen eindringt.

Instrumentales Multitalent
Das wirklich Besondere an dem Dargebotenen - Tash Sultana ist alleine. Und zwar ganz alleine. Na gut, das kennt man natürlich auch vom millionenschweren Stadionfüller Ed Sheeran, doch während sich der begnadete Songwriter auf seine Akustikgitarre verlässt, spielt die Australiern alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Akustikgitarre, E-Gitarre, Bass, Trompete, Keyboards, Piano, Mandoline, Percussion, ja sogar eine Panflöte nimmt sie in Beschlag. Geht sich in den gut 100 Minuten alles locker aus und klingt trotz der ambitionierten One-Man-Show zu keiner Zeit überhastet oder erzwungen. Am wichtigsten ist aber die Loopstation, die Sample für Sample aufbaut und den einzigartigen Stil der Vollblutkünstlerin so richtig zur Entfaltung kommen lässt. An die 20 Instrumente soll sie beherrschen, eine nachhaltige Magic-Mushroom-Psychose im zarten Alter von 17 hat sie nach langer Therapie überstanden und danach klassisch märchenhaft von der Straßenmusikerin über australische Pubs und Beisl bis hin zum großen Open-Air-Geländen Karriere gemacht.

Die hippie-eske Show wird im gewünschten Familiencharakter beim Publikum umgesetzt, wie auch Sultana während des Konzerts betont: „Wir sind verschiedene Hautfarben, Rassen, Geschlechter und lieben verschiedene Menschen. Alle haben hier ihren Platz“. Sie appelliert daran, die Politik vor den Arena-Toren zu lassen, den Moment zu genießen und mit und in ihrer Musik zu verfließen. Auch wenn das manchmal herausfordert und etwas verschroben klingt, war schon lange kein Ratschlag von der Bühne mehr so wichtig und richtig wie dieser. Die gegen Ende gespielte „Synergy“, die funktioniert bis zu den ganz Kleinen, die mit Luftballons ins Areal kommen, um die Zukunft anspruchsvoller Weltmusik mit elektronischem Pop-Appeal bereits durch Kinderhaugen zu sehen - bis bei „Jungle“ jeder mitsingt. Unrecht hat Sultana nur bei ihrer Vollmondprognose, denn der erreicht erst heute Nacht seine ganze Form. Sie kann ja zum Glück nochmal träumerisch darauf zeigen - und weitere 3.200 Menschen mit überbordenden Glücksgefühlen in die Realität zurückschicken.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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