Sa, 15. Dezember 2018

Flugzeugtragödie

10.04.2010 19:53

Kaczynskis Pilot ignorierte alle Warnungen

Beim Absturz des polnischen Präsidentenflugzeugs mit 97 Toten, darunter Staatspräsident Lech Kaczynski, seine Ehefrau und zahlreiche Amtsträger, deutet nun alles auf einen Pilotenfehler als Ursache. Trotz mehreren Warnungen und einem Landeverbot wegen dichten Nebels soll der Kapitän insgesamt vier Landeversuche unternommen haben. Beim letzten Anlauf zerschellte die Maschine in einem Waldstück. Während Ermittler die "Black Box" auswerten, mehren sich Spekulationen, der Staatspräsident selbst könnte auf der riskanten Landung bestanden haben.

Das 26 Jahre alte Präsidentenflugzeug vom Typ Tupolew Tu-154, das erst letztes Jahr generalüberholt worden war, war am frühen Samstagmorgen in Warschau zum russischen Militärflughafen Smolensk gestartet. Grund der Reise war eine Gedenkveranstaltung im russischen Katyn, wo vor 70 Jahren mehr als 22.000 polnische Soldaten, Politiker und Intelektuelle von der sowjetischen Geheimpolizei getötet worden waren.

Umleitung nach Minsk abgelehnt
Der Pilot sei bereits beim Abflug über die schlechte Wetterlage in Russland informiert worden, berichten russische Medien. Wegen dichten Nebels hätten die Behörden dann noch während des Fluges empfohlen, statt auf dem Militärflughafen in der westrussischen Stadt Smolensk in der weißrussischen Hauptstadt Minsk oder in Moskau zu landen, heißt es. Der Pilot habe sich jedoch dagegen entschieden und weiter Kurs auf Smolensk gehalten.

Laut der "Gazeta Wyborcza" hatte eine russische Maschine vom Typ Il-76 bereits eine halbe Stunde vor dem Absturz des Präsidentenflugzeuges um 10.50 Uhr Ortszeit versucht, in Smolensk zu landen. Nach zwei erfolglosen Anläufen sei der erfahrene russische Pilot, der über gute Ortskenntnisse verfüge, dann umgekehrt und nach Moskau zurückgeflogen. Auch der Präsidentenmaschine gaben die russischen Fluglotsen durch, die Landung abzubrechen und einen anderen Flughafen anzusteuern.

Beim vierten Landeversuch heulten die Triebwerke auf
Der russische Fernsehsender Westi-24 berichtet, die Maschine habe insgesamt viermal versucht, in Smolensk zu landen. Augenzeugen hätten beobachtet, dass die Triebwerke der Unglücksmaschine auch beim letzten Landanflug laut aufheulten. Offenbar habe der Pilot erneut abbrechen wollen, mutmaßte der polnische Pilot Dariusz Sobczynski gegenüber der Nachrichtenagentur PAP. Die Maschine streifte dann vor dem Absturz eine Baumgruppe und ging beim anschließenden Aufprall in einem Waldstück unweit der Landebahn mit zwei lauten Explosionen in Flammen auf.

Der TV-Sender Rossiya-24 zitiert Augenzeugen, wonach das Flugzeug die Landebahn beim letzten Anflug weit verfehlt haben soll. Für das Durchstart-Manöver des Piloten sei die Maschine dann bereits zu tief gewesen. Kurz nach der Katastrophe zeigte das russische Fernsehen erschütternde Bilder von der Absturzstelle: Das Mittelstreckenflugzeug hatte beim Aufprall eine gewaltige Schneise in einen Wald geschlagen, neben umgerissenen Bäumen steckten rauchende Trümmer der Maschine tief im Boden.

Russische Luftwaffe: Landeverbot ignoriert
Laut dem Vize-Chef der russischen Luftwaffe, Alexander Aljoschin, der Berichte über mehrfache Landeanflüge indirekt bestätigte, hatte der Pilot das Landeverbot einfach ignoriert. "Bei einer Entfernung von 2,5 Kilometern stellte der Leiter der Luftraumüberwachung fest, dass die Crew die Geschwindigkeit im Sinkflug beschleunigte", schilderte Aljoschin in einem kurzen Statement. Der Tower habe daraufhin den Befehl gegeben, das Flugzeug in eine horizontale Position zu bringen.

Als die Crew diesem Befehl nicht gefolgt sei, hätten die Fluglotsen dem Piloten mehrmals angeordnet, einen anderen Flughafen anzusteuern. "Die Crew setzte den Landeanflug trotzdem fort. Unglücklicherweise endete das in einer Tragödie", sagte Aljoschin.

Russlands Transportminister Igor Lewitin warf dem polnischen Piloten vor, "eigenmächtig" gehandelt zu haben. Zum Unglückszeitpunkt habe die Sichtweite nur 400 Meter betragen. Vorgeschrieben seien Landungen ab 1.000 Metern Sicht, sagte Lewitin.

Setzte Kaczynski selbst den Piloten unter Druck?
Polnische Experten mutmaßen indes, Kaczynski selbst könnte die riskanten Landeanflüge angeordnet haben. Ein Luftfahrtexperte der Technischen Hochschule in Breslau, Tomasz Szulc, meinte, dem Piloten habe wohl die "nötige Durchsetzungsfähigkeit" gefehlt.

Er erinnerte dabei an einen Zwischenfall mit Kaczynski vom Sommer 2008. Damals hatte sich ein Pilot wegen akuter Gefahrenlage über die Order des Präsidenten, direkt nach Georgien zu fliegen, hinweggesetzt und war in einem Nachbarland gelandet. Lech Kaczynski musste im Auto nach Tiflis chauffiert werden. Das Staatsoberhaupt warf dem Piloten danach Befehlsverweigerung vor.

Putin verspricht schnelle Klärung
Russlands Präsident Dmitri Medwedew hat eine Untersuchungskommission unter der Leitung von Regierungschef Wladimir Putin eingesetzt. "Wir müssen alles tun, um den Familien, um den Angehörigen der Opfer zu helfen", sagte der Premier im russischen Staatsfernsehen nach einer Besichtigung des Absturzorts. Dort hielt er auch eine Gedenkminute für die Opfer ab. Putin versprach eine schnelle Klärung der Ursachen des Unglücks.

Alle Opfer seien mittlerweile geborgen worden, sagte Zivilschutzminister Sergej Schoigu. Ihre Leichen würden nach Moskau übergeführt. Es seien bereits auch beide Flugschreiber gefunden worden. Die Geräte sollen nach Moskau gebracht und dort von russischen und polnischen Spezialisten ausgewertet werden.

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