Mo, 24. Juni 2019
10.06.2019 07:00

Bald am Nova Rock

Puddle Of Mudd: Geläutert in ein neues Leben

Rund ums Millennium gehörten die US-Alternative-Grunger Puddle Of Mudd zu den erfolgreichsten Rockbands der Welt. Frontmann Wes Scantlin legte wenig später mehr als zehn Jahre lang einen beispiellosen persönlichen Abstieg hin, rappelte sich aber wieder auf und versucht seit knapp zwei Jahren wieder mit Musik abseits der Skandalklatschspalten zu punkten. Vor seinem Auftritt beim Nova Rock sprach der heute 47-Jährige über Vergangenheit und Gegenwart.

Für etwa drei Jahre lang waren Puddle Of Mudd die Stimme einer ganzen Generation. Als sie 2001 ihr drittes Studioalbum „Come Clean“ auf den Markt warfen, fielen sie exakt in die Post-Grunge-Erfolgsphase, die ein paar Jahre zuvor von Silverchair angeschnitten wurden und dem wilden Haufen aus Kansas in die Hände spielte. Die Europäer, aber vor allem die Amerikaner hatten einen Narren gefressen am juvenilen Surferboy Wes Scantlin, der mit blauen Augen, blondgelockten Haaren, tiefhängender Gitarre und Songs wie „Control“, „Blurry“, „Drift Or Die“ oder dem Überhit „She Hates Me“ fast schon im Monatstakt die Mainstream- und Alternative-Charts dominierte. All das noch vor dem großen Smartphone-, Streaming- und Social-Media-Zeitalter, wo Charterfolge tatsächlich noch bare Münze bedeuteten. „Wir haben es wirklich gerade noch geschafft, bevor die gesamte Plattenindustrie den Bach runterging“, erinnert sich Scantlin im Gespräch mit der „Krone“ an die „Goldgräberzeiten“ zurück, „heute ist es ein finanzieller Albtraum, eine Rockband zu führen. Durch Social Media hast du aber wenigstens die Möglichkeit, deine Musik ordentlich zu bewerben.“

Das Leben ruiniert
Gold- und Platinauszeichnungen standen damals an der Tagesordnung, auf diversen Touren teilten sich Puddle Of Mudd die Bühne mit Kapazundern wie den Deftones, Linkin Park oder Godsmack und rotierten dauerhaft auf MTV. Dass sich dieser Hype nicht ewig halten konnte, war aufgrund der musikalischen Ausrichtung vorhersehbar, doch vielmehr als kompositorische Redundanz ruinierte Scantlin Band und Karriere sukzessive mit seinem mannigfaltigen Fehlverhalten. Bereits 2002 kam er nach einer öffentlichen Schlägerei mit seiner damaligen Verlobten, der Schauspielerin Michelle Rubin, das erste Mal in Haft. Im Laufe der Jahre folgten Steuerhinterziehung, Kokainbesitz, Trunkenheit am Steuer und Vandalismus. Einmal platzierte er eine falsche Bombe unter seinem Auto, um potenzielle Diebe von Einbrüchen abzuhalten, wodurch die Bombenspezialität gleich vier angrenzende Gebäude evakuieren musste, bis gewiss war, dass es sich um eine Fälschung handelte. Zwischen 2012 und 2017, den mit Abstand schlimmsten Jahren seines Lebens, ruinierte Scantlin nicht nur Band und Karriere, sondern vor allem auch sein eigenes Leben. Dies führte mitunter zu wahrlich skurrilen Auswüchsen.

„Am meisten bereue ich, dass ich so lange so viele Vollidioten in meinem Leben akzeptiert habe“, zeigt er sich heute geläutert, „ich würde heute einfach besser darauf achten, wen ich in meinen inneren Zirkel lasse. Irgendwelche Irren, die sich meine Freunde schimpften, haben vor etwa fünf Jahren sogar mein Haus okkupiert, wollten meinen Besitz an sich bringen und meine Identität stehlen.“ Im Jänner 2016 enterte Scantlin besagtes Haus, das er durch eine Zwangsvollstreckung verlor und wurde verhaftet, nachdem er diverses Eigentum in der Residenz zerstört hatte. Schuldbewusstsein in dieser Hinsicht ist noch heute nicht vorhanden. „Ich wollte meinen eigenen Besitz verteidigen und kam dafür in den Knast. Ich habe eigentlich nur den Grund meiner Familie in meinem Heimatland verteidigt und wurde dieses Platzes verwiesen - ist das nicht irre?“ So fragwürdig und krude Scantlins Ansichten auch in der Gegenwart sein mögen, die schlimmsten Zeiten hat er hinter sich gebracht. Am 8. September wird er - so er durchhält - zwei Jahre drogenfrei sein, in dieser Zeit hat er auch schon einige Gigs in Europa abgespult, die von durchaus hoher Qualität waren und den Sänger so stark wie seit den Frühzeiten der Band nicht mehr zeigten.

Neues Kapitel
„Ich bin durch viele Phasen der Rehabilitation gegangen und es war bei Gott nicht leicht, aber ich fühle mich heute großartig. Vor fünf Jahren hatte ich etwa eine ernsthafte Stimmbandverletzung, weil mich ein Typ bei einer Auseinandersetzung bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt hat. Jedenfalls ist Klarheit im Kopf zu haben ein wirklicher Segen - das ist mir nun endgültig bewusstgeworden.“ Mehrere Male schrammte Scantlin mit einer Überdosis am Exitus vorbei, die temporäre Unbesiegbarkeit, die man durch Drogen und Alkohol fühlt, konnte er nach langem Kampf endlich hinter sich lassen. Auch seine neuen Bandkollegen sind allesamt nüchtern, was für einen langfristigen Erfolg bzw. ein adäquates Comeback dringend vonnöten ist. Endgültig vorbei sein sollen auch die Zeiten, in denen Scantlin zu Liveauftritten gar nicht erschien, frustriert nach wenigen Songs die Bühne verließ oder gar die Gage einkassierte, ohne auch nur im richtigen Bundesstaat aufgetaucht zu sein. Mit frischen 47 beginnt nun ein neues Kapitel, das die skandalöse Vergangenheit nicht ausradieren, aber zumindest vergessen machen soll.

Zum großen Glück der Gegenwart fehlt nur mehr ein neues Studioalbum. Es wäre jedenfalls die erste Veröffentlichung seit mittlerweile acht Jahren und wurde von Scantlin in den letzten Monaten schon des Öfteren angekündigt, ohne aber wirklich präzise zu werden. „Ich will einfach große, hymnische Songs schreiben, das ist mein Ziel. Die kommenden Nummern sind sehr catchy und ungemein optimistisch. Geplant ist übrigens, dass es ,Galvanic‘ heißen wird. Der Titel repräsentiert die Gänsehaut, die du dann beim Hören unserer Songs kriegen solltest. Einer meiner ehemaligen Bassisten meinte zwar, es klinge etwas zu großspurig, aber ich finde den Begriff prägnant, kurz und knackig.“ Ob es neue Songs oder doch lieber die großen Hits zu hören geben wird, kann man diese Woche am Nova Rock persönlich nachprüfen. Dort spielen Puddle Of Mudd am Freitag als Headliner am Red-Bull-Brandwagen. Alle Infos und Tickets für das Nova Rock unter www.novarock.at.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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