29.04.2019 07:00 |

Album „Life Metal“

Sunn O))): Im Sinnesrausch der Monotonie

Mit Mönchskutten bewaffnet sorgen Sunn O))) seit mittlerweile 20 Jahren für ohrenblutenanimierende Drone-Metal-Klänge. Die kompromisslosige Einzigartigkeit ihres Tuns ließt sie ungewollt immer wieder mal an die Oberfläche der Breitenwirksamkeit stoßen, doch auf dem neuen Album „Life Metal“ führen uns Stephen O‘Malley und Greg Anderson ein weiteres Mal durch ein dröhnendes Tal repetitiver Monotonie.

„I spent 30 minutes interviewing Sunn O))) before I realised these were umbrellas“ (zu Deutsch: „Ich habe Sunn O))) 30 Minuten lang interviewt, bis ich draufgekommen bin, dass es sich um Schirme handelte) ist wohl das bekannteste von zahlreichen Internet-Memes über die stilprägende US-Drone-Band Sunn O))). Ziemlich viel Humor für eine Band, die mit Humor an sich so gar nichts anfangen kann. Das Zwei-Mann-Projekt, geleitet von den beiden Freunden Stephen O’Malley und Greg Anderson, hat es sich vor gut 20 Jahren zur Maxime gemacht, ungeschriebene Grenzen der Vertonung auszuweiten. Benannt nach der Verstärkerfirma Sunn und mit Schallwellenzeichen auf Sunn O))) erweitert, gewanden sich die beiden in schwarze Roben, füllen die Bühnen mit meterhohen Verstärkertürmen und lassen monotone, repetitive Klänge durch die Säle wabern. Kein Schlagzeug, kein Gesang, keine Melodie, kein Rhythmus, kein effektheischender Schabernack. Weder geht es um die Personen hinter dem jeweiligen Instrument, noch um die optische Herangehensweise. Purer Drone Metal, der mit markdurchdringenden Bass-Frequenzen noch in jeder Stadt den einen oder anderen Tinnitus als Andenken hinterließ.

Höhle, Särge, Kathedralen
Mit dieser einzigartigen Herangehensweise an Töne und Klänge hat sich das Duo nicht nur einen treuen Fankern erspielt, sondern auch zahlreiche Mysterien um sich herum gebildet. Angeblich seien bei einem Konzert aufgrund der tiefen Frequenzen tote Tauben vom Himmel gefallen und für den Song “Báthory Erzsébet„ soll der damalige Gastsänger Malefic in einem mit einem Mikrofon versehenen Sarg gesperrt und mit einem Cadillac-Leichenwagen zu einem einsamen Waldstück gebracht worden sein, um mithilfe dieser realen Beklemmung möglichst authentisch-leidende Vocals einzusingen. Und fürwahr - Klaustrophobie wurde selten so kohärent vertont wie in Songs von Sunn O))). Durch die ständige Klang-Monotonie können die Konzerte des Duos nicht nur gut im Sitzen oder Liegen konsumiert werden, sondern auch in ganz besonderen Locations, etwa der Kremser Minoritenkirche, in der die Band 2007 im Zuge des Donaufestivals spielte. “Wir haben durch unsere Musik den Vorteil, dass wir in Höhlen und Kathedralen spielen können und der Sound noch immer gut klingt„, erklärt O’Malley im “Krone„-Gespräch.

“Durch diesen Sound wurden uns Türen geöffnet, die anderen Bands meist verborgen bleiben. Ich sehe auch keine Grenze, selbst der Weltraum wäre für mich nicht auszuschließen. An das Donaufestival kann ich mich aber noch gut erinnern. Beim Soundcheck hat der Festivaldirektor gezittert, weil bei unseren Bassspuren die 15 Meter hohen Fenster wackelten. Am Ende blieb aber alles heil.„ Sunn O))) wurden über die Jahre zu einem Underground-Kultphänomen und locken zu Einzelkonzerten auch mal vierstellige Besuchermengen an - für einen derart misanthropischen Sound eine Sensation. Mit ihren bislang sieben Studioalben haben sie Grenzen in ihrem eigenen Klangkosmos immer ein Stück mehr ausgelotet und, wie bereits zuvor erwähnt, auch hie und da auf Gastsänger zurückgegriffen. In Krems etwa trat man mit Mayhem-Frontmann Attila Csihar auf, einer von vielen guten Szenefreunden O’Malleys, der als Fanzine-Redakteur schon als Jugendlicher stark mit dem skandinavischen Black Metal in Berührung kam.

Freundschaft und Arbeitsethos
Ein Knackpunkt war das 2009er Werk „Monoliths & Dimensions“, das vielen immer noch als Höhepunkt in der Diskografie der Band gilt. Die Gäste haben das Bild der Band nach außen jedenfalls stets stark mitgeprägt. „Für dieses Album hatte ich damals Scott Walker, Björk und Diamanda Galas im Kopf. Alle haben sehr nett geantwortet, leider entstand aber nichts daraus. Scott behielt den Gedanken aber im Kopf und wir haben dann fünf Jahre später ,Soused‘ eingespielt. Ich schätze einfach sehr viele Musiker und ihre Arbeit. Vielmehr ist da nicht dahinter.“ Bescheidenheit und Understatement sind wichtige Tugenden der Band. Diese stellt sich nur ungern ins Licht der Öffentlichkeit und erst in den letzten Jahren, mitunter auch auf Druck der Mitarbeiter ihres eigenen Labels, Southern Lord Recordings, hat sich die Interviewfrequenz leicht erhöht. Die Freundschaft zwischen O’Malley und Anderson ist das Fundament der gesamten künstlerischen Kreativität. „Wir sind in punkto Geschmäcker, Lebensstil und Verhaltensweise eigentlich grundverschieden, aber wir haben eine tiefe Freundschaft und großen Respekt zueinander. Es braucht bei so einem Lebensprojekt viel Toleranz, Kameradschaftlichkeit und auch Frustration, bis man die Ziele erreicht, die man sich setzt. Greg hat seinen Background im Hardcore und da geht es immer um das Gemeinsame. Hinter Freundschaft, Wahrheit und Ehrlichkeit steckt auch ein anderes Arbeitsethos.“

Vier Jahre nach dem letzten Output kehren Sunn O))) dieses Jahr gleich mit zwei Alben zurück. Ende letzter Woche erschien “Life Metal„, ein monolithischer Soundbrocken, unterteilt in vier teils überlange Songkapitel, der sich perfekt in die bisherige Linie der Band einbaut. Erste Live-Kostproben bekamen Fans und Neugierige bereits Anfang März im Grazer Orpheum beim Elevate Festival zu hören, weitere Österreich-Termine sind derzeit noch nicht in Sicht. “Der Titel mag für viele abstrus klingen, aber er steht da als ein Statement„, erklärt O’Malley, “unsere Musik ist abstrakt genug, deshalb wollten wir zumindest die Albumtitel verständlich halten. Ich bin ein großer Fan von Subjektivität und die schwingt auch hier mit. Ein Konzert von Sunn O))) hat eine gewisse Hyperrealität, weil es eine Mischung aus Noise, Doom Metal, Black Metal und purer Soundmassage ist.„ Illustriert wird das Album vom träumerischen Artwork der Malerin Samantha Keely Smith. “Es ist ein Ölgemälde und repräsentiert das Album mindestens so gut wie die Songs. Mich erinnert es an das Artwork von Morbid Angels ,Blessed Are The Sick‘ aus dem Jahr 1991. Mit dem bin ich aufgewachsen und hier schließt sich für mich ein Kreis.„

Perfect Match
Einen weiteren Kreis hat O’Malley mit Produzent Steve Albini geschlossen. Der war zwar das erste Mal für Sunn O))) tätig, produzierte aber O’Malleys allerersten Tonträger überhaupt, eine Demokassette einer Band namens Burning Witch 1996. “Ich war damals 21 und wir waren permanent stoned„, denkt der Musiker lachend zurück, “der Sound des Albums gehört immer noch zu meinen Favoriten. Durch unseren gemeinsamen Freund Tim Midyett sind wir wieder zu ihm zurückgekehrt.„ Das Resultat ist ein Drone-Ungetüm mit glasklarem Sound, das aber auch genug Platz für lichte Momente und zum Durchschnaufen enthält. “Am zweiten Tag fragte mich Steve, ob ich überhaupt sicher sei, ob das Ganze etwas wird. Für ihn gab es beim Produzieren immer nur zwei Konzepte. Erstens: Eine Band ist so gut eingespielt und talentiert, dass das Ergebnis sowieso gut wird. Zweitens: Das Konzept einer Band steht so felsenfest, dass man von da weg immer zum Ziel kommt. Das war mir auch wichtig, denn wir sind extrem erpicht auf die Klangfarben. Wie kann man etwa einen Chor von Geräuschen so zusammensetzen, dass man alle Details hört? Steve hat das wirklich hingekriegt.„

Die Kreativität floss so mühelos dahin, dass es im Herbst sogar einen Nachschlag geben wird. “Pyroclasts„ nennt sich das Werk, das wesentlich ruhiger und meditativer klingt. Albini hat die morgendlichen Fingerübungen O’Malleys und Andersons direkt mitgeschnitten und gemeinsam mit der Band damit ein zweites Album geformt. Am Ende ergeben beide Platten ein gemeinschaftliches Konstrukt, ein zusammenhängendes Gefühl. Schwingt eigentlich viel Stolz mit, mit derart obskurer Musik so weit gekommen zu sein? “Mein Psychoanalyst fragt mich das auch manchmal. Ich bin vielmehr glücklich, mitten in meinen 40ern zu sein und damit meinen Lebensunterhalt verdienen zu können. Ich wusste nie, was als nächstes kommt, konnte mit der Musik aber immer weitermachen. All diese Themen kann man durchaus auch auf ,Life Metal‘ finden.„ Und wie steht es nun mit dem Humorverständnis wie für die eingangs erwähnten Internet-Sticheleien? “Prinzipiell ist es cool, wenn Leute von uns dazu inspiriert werden, dumme Witze zu machen. Immerhin muss sich jemand dafür hinsetzen, Photoshop öffnen und Zeit dafür investieren. Meist habe ich aber ein anderes Humorverständnis als der Durchschnittstyp. Im Netz gibt es doch haufenweise Zeug, das man direkt in die Tonne treten kann."

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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