15.04.2019 07:00 |

Neues Album

Little Big Sea: Reise in imaginäre Welten

Drei Jahre nach dem gefeierten Debüt „Sister“ veröffentlicht das Wiener Duo Little Big Sea mit „Stranger Places“ endlich den Nachfolger, der sich geschickt der Vergangenheit entzieht, ohne das gesamte Klangantlitz zu verändern. Frontfrau Marlene Weber erklärt uns im Interview, was es den mit den physischen und psychischen Plätzen auf sich hat, warum sie einerseits gerne Kind wäre, andererseits kein Problem mit dem Altern hat und weshalb es längst Zeit für mehr Luft im Sound der Band war.

Das Eintauchen in eine ganz eigene Welt, das Unternehmen einer geistigen Reise, wo der Weg das Ziel ist und man sich zwischen Anfang und Ende auch gerne einmal verirrt, weil es so viel zu sehen und zu entdecken gibt. All das gehört mitunter zum kindlichen Gemüt und ist Teil der großen Welt der Imagination, die jeder Mensch mit fortschreitendem Alter zunehmend verliert. Der Realismus ersetzt den Eskapismus und man wird der inneren Fantasie verlustig. Auf dem Cover des zweiten Albums von Little Big Sea, „Stranger Places“, sieht man Frontfrau und Texterin Marlene Weber im Kindheitsalter mit ihrer besten Kindergartenfreundin ungezwungen im VW-Bus lachen. Es ist genau diese Form von ungestümer Schwerelosigkeit, die Weber mit dem Album vermitteln möchte.

Coming-Of-Age-Werk
„Das Bild suggeriert einen sehr sicheren Ort und man ist mitten in einer Emotion - dem kindlichen Lachen“, erklärt sie uns im „Krone“-Interview, „als Kind war ich oft mit meiner Familie im Bus an der französischen Küste und obwohl wir wenig Bilder machten, habe ich spektakuläre Erinnerungen an diese Zeit. Ich habe das Foto deshalb als Cover gewählt, weil man solche Emotionen und Gefühle, die oft längst vergessen scheinen, durch die Musik wieder vermitteln kann.“ Auf „Stranger Places“ erzählt Weber zehn teils sehr persönliche Geschichten, die geografische Orte als Metaphern oder Parabeln verwenden. Vielmehr geht es um die Orte und Ereignisse, die man im Kopf spazieren trägt, als um jene, die man tatsächlich physisch beehrt hat. „In gewisser Weise ist es auch ein Coming-Of-Age-Werk. Es hat mit dem Altern zu tun und mit den Herausforderungen, sie sich einem stellen, wenn man eben keine 20 mehr ist.“

Von einer Quarterlife-Crisis ist die in Bayern geborene und in Wien wohnhafte Vollblutmusikerin glücklicherweise weit entfernt. „Wenn ich meine ersten Falten im Spiegel sehe, finde ich das überhaupt nicht schlimm. Es ist doch schön, dass man sich entwickelt und dazulernt“, nur um schmunzelnd anzufügen, „aber gut, frag mich halt in 20 Jahren noch einmal, ob ich dann immer noch dieselbe Meinung dazu habe.“ Im Gegensatz zu anderen Künstlern ist es Weber ein Anliegen, die Songs ihren Fans auf Facebook mithilfe von Begleitsätzen und Bildern genauer zu erklären. „Das Album ist intim und dreht sich stark um mich und meine Erlebnisse. Wir erzählen die Geschichten aber so allgemein, dass sich auch andere damit identifizieren können. Auf die Storys und Bilder haben wir tolles Feedback bekommen. Es war ein Experiment, das für mich völlig in Ordnung war.“

Luftigere Sounds
Musikalisch gesehen ist „Stranger Places“ ein klassisches Singer/Songwriter-Album und damit auch eine bewusste Abkehr vom beliebten 2016er-Debüt „Sister“, das von der Allgemeinheit im Fachbereich Dream Pop eingeordnet wurde. „Ich habe selbst wahnsinnig viel Portishead, The xx und Beach House gehört und mit all denen verglichen zu werden, war jetzt auch nicht das Schlechteste. Dennoch hatten wir das starke Bedürfnis, unseren eigenen Sound zu entwickeln und damit einhergehend uns selbst zu finden. Auf ,Stranger Places’ ist alles viel direkter und intimer. Wo früher mehr Flächen, Synthies und schwere Beats herrschten, ist die Musik heute wesentlich luftiger geworden.“ Umso besser passt auch der Bandname zum Projekt, da er einerseits das große Ganze vermittelt, andererseits aber auch die kleinen Nuancen dazwischen betont und das Mysteriöse in den Vordergrund stellt. „Wir haben tatsächlich das Gegenspiel zwischen riesigen Metaphern und kleinen Geschichten. Heute bin ich vor froh darüber, dass wir vor fünf Jahren den Titel gewählt haben.“

Die Songs selbst verarbeiten Probleme, Tücken und Ereignisse des Alltags aus Webers Leben in geschickter Ambivalenz zwischen Lockerheit und Ernst. „Seconds“ etwa dreht sich um das Problem, auf einer Party mit jemanden konfrontiert zu sein, der nicht aufhört einen vollzutexten, während „Trophy“ die Rolle Webers Persönlichkeit in der Gesellschaft beschreibt. Wer ist man in der eigenen Familie, im Freundeskreis und im Arbeitsleben? Wie präsentiert man sich im sozialen Kontext? „Es ist nicht leicht, einfach man selbst zu sein. Ich bin bestimmt jemand, der in unterschiedlichen Gruppen unterschiedlich agiert. Es gehört aber auch zum Erwachsenwerden dazu, dass man bei sich bleibt und sich unangenehmen Situationen stellt, um Kontra zu geben. Das ist manchmal hart, aber auch immens wichtig. Die Zwanglosigkeit des Lebens ist einfach nicht mehr so gegeben wie früher und das hat mich sehr lange und intensiv beschäftigt.“

Zwischen Folk und Chanson
Das hauptsächlich in Wien geschriebene, produzierte und in Berlin mit einem letzten Feinschliff versehene Album ist nicht ausschließlich, aber durchaus stark von französischen Chansons und klassischem Folk beeinflusst. „Chansons sind eher die Ebene von meinem Partner Gunther Müller. Ich bin mehr im 90s-Sound verankert, höre Suzanne Vega, France Gall und Folk-Musiker wie Elliott Smith oder Phoebe Bridgers. Unser Album ist sicher aus der Zeit gefallen und hat dennoch ein paar moderne Einflüsse. Es ist wahnsinnig bunt, denn wir haben auch zeitgenössische Musik gehört.“ So manche imaginäre Reise durch die farbenfrohen Klangwelten von Little Big Sea würde sich auch gut in den USA verorten lassen. „Ein Jahr in Portland leben würde ich sofort probieren, aber auf Dauer bin ich lieber hier. Bei Konzerten ist das Publikum da drüben aber oft etwas weniger elitär als in Europa, weil das Land so groß ist und man außerhalb der Metropolen wenige Möglichkeiten hat, etwas zu sehen.“ Nach dem Gig im Wiener Konzerthaus letzten Freitag werden gewiss noch weitere Auftritte folgen, bei denen auch Sie sich vom Sound Little Big Seas verzaubern lassen können.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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