Mi, 24. April 2019
06.04.2019 07:00

„Krone“-Interview

Steve Gunn: „Ich will kein cooler Typ sein“

In der amerikanischen Slacker-Szene ist der 41-jährige Steve Gunn kein Unbekannter. Der Gitarrist begeisterte anfangs als Gitarrist in der avantgardistischen Experimental-Szene, spielte dann mit Namen wie Mike Cooper, The Black Twig Pickers und Kurt Vile, bevor er sich verstärkt als Solokünstler dem Singer-/Songwritertum zuwandte. „The Unseen In Between“ ist nicht nur sein bislang bestes, sondern auch erfolgreichstes und persönlichstes Werk. Vor seinem Auftritt in der Wiener Arena ließ er uns tief in seine Lebensgeschichte eintauchen.

„Krone“: Steve, dein aktuelles Album „The Unseen In Between“ kommt allerorts gut an und der „Rolling Stone“ hat dich unlängst als das „bestgehütete Geheimnis im Rock“ bezeichnet. Da prasselt ganz schön viel auf dich ein…
Steve Gunn: Es ist immer schön, wenn man solche Komplimente bekommt. Es freut mich, dass die Leute und die Redakteure dort das Album gehört haben und es gut finden. Ich habe schnell gespürt, dass dieses Album besser ankommt als meine vergangenen. Ich war auch selbstsicherer als früher. Wir haben in einem tollen Studio aufgenommen und ich hatte grandiose Mitstreiter beim Entstehungsprozess.

Du bist schon seit gut 20 Jahren als Musiker bekannt. Warum ist gerade dieses Album so eine Art Durchbruch im Untergrund für dich?
Ich fühle mich als Sänger, Entertainer und Songwriter wohler als früher. Einst war ich eigentlich Gitarrist und ich komme aus der Experimental-Ecke. Das Songschreiben war für mich nie so wichtig, es ging eher um Chaos. Erst zu diesem Album wollte ich ein bisschen aus dieser Selbstständigkeit raus und mit einem echten Produzenten in einem netten Studio aufnehmen. Die Plattenfirma war sehr hilfreich, mir die richtigen Leute zu besorgen. Ich habe ein paar Studios besucht, bis ich das richtige fand und dann traf ich auch noch Tony Garnier, der seit 30 Jahren mit Bob Dylan spielt. Er spielte die Bassspuren auf dem Album ein. Es hat sich dann irgendwie alles ergeben und wir hatten einen klaren Plan, wie das Album klingen sollte. Als wir aufnahmen, waren wir vorbereitet. Tony kannte meine Songs nicht so gut, aber er hat mich quasi trainiert, mir bei den Arrangements geholfen und mich ermutigt, einfach ich selbst zu sein. Ein Durchbruch war es wohl, weil ich mit jedem Album davor immer näher an meine Vision kam, aber dieses Mal haben alle Zahnräder ineinandergegriffen. Wir haben einfach stringenter geschrieben, ich habe mir mehr Zeit genommen, um daheim im Proberaum genauer an der Musik zu schrauben. Ich war jeden Tag im Studio, auch wenn ich nicht immer etwas einspielte. Es war wie ein Job, denn wenn ich heimgehe und nichts gemacht hätte, wäre ich durchgedreht. Diese Routine war mir wichtig. Ich war früher mehr zerstreut, aber nun habe ich eine Linie gefunden und das hört man. Ich habe die Songs auch als Songs behandelt, denn früher ging es mir mehr um einzelne Teile und Versatzstücke. Tony wollte immer den ganzen Song hören und das war für mich ein wichtiger Wendepunkt.

Der Titel spricht jene Menschen an, die von der Gesellschaft ausgestoßen werden und nicht immer im Rampenlicht des Daseins stehen. Eben die Unsichtbaren und Vergessenen. War es dir wichtig, die Working-Class-Heros vor den Vorhang zu holen und ihnen mit deiner Musik eine Stimme zu geben?
Ich denke schon, es war zumindest ein wichtiger Teil meines Vorhabens. Ich lebe in der großen Stadt New York und bin kein Teil irgendwelcher gesellschaftlicher Zirkel. Natürlich arbeite ich viel mit anderen Musikern, aber ich beobachte lieber die Welt und die Menschen um mich herum, als dass ich mich überall aktiv einbaue. Ich habe schon eine Empathie für die Menschen und die interessantesten Geschichten höre ich immer von Leuten, mit denen ich nicht abhängen würde. Das können solche sein, die am Rande der Gesellschaft leben oder viel mitgemacht haben. All das interessiert mich sehr stark. Musiker und Songwriter geben viel zu oft sich selbst eine Plattform, nur um Aufmerksamkeit zu lukrieren. Sie kreieren eigene Charaktere aus sich, die man online begutachten kann. Meine Musik dreht sich nicht um mich, ich mag den Austausch und will auch, dass jeder Hörer etwas für sich herausziehen kann. Manchmal kann man vielleicht sogar helfen. Ich möchte einfach etwas geben und nicht der coole Typ sein, der von gebrochenen Herzen singt. Das ist nicht meine Bedeutung von Musik, ich schürfe lieber tiefer. Der Titel sagt auch, dass ich gerne über den Tellerrand schaue und die Mysterien des Alltags schätze. Ich schreite gerne ins Ungewisse, spiele mit Sprachen und versuche eine eigene Stimmung oder Szene zu erzeugen.

Du kommst ursprünglich aus Philadelphia und bist damals für dein Kunst- und Musikstudium an der Temple University nach New York gezogen. Hattest du selbst Momente, wo du dich als ein Unsichtbarer oder Vergessener gefühlt hast?
In Philadelphia fühlte ich mich nicht mehr so wohl, als ich älter und erwachsen wurde. Alle hingen immer in der gleichen Bar ab, dateten sich untereinander und erlebten eigentlich nichts. Es war eine total kleine Gemeinschaft und ich hatte Angst, dass ich auch in diese Muster verfalle und nur besoffen durch die Jahre krieche. Schon als Kind war ich ein Freund von Abgeschiedenheit und Entdeckungslust und New York erschien mir als perfekt dafür geeignet. Ich konnte dort anonym sein und machen was ich will, wann ich will, wo ich will. Künstlerisch, musikalisch und grafisch hat mich die Stadt magisch angezogen. Es ist einfach mein Platz und meine Quelle der Inspiration. Ich bin eben keiner, der die coolen Jungs sucht, aber ich mag die Energie der Stadt. Alles ist verschworen und lässt dir trotzdem genug Raum zur Entfaltung. Philadelphia ist ja nicht aus der Welt und komme immer wieder heim, aber in der Kunst- und Musikwelt war es unumgänglich, dorthin zu ziehen. Die Stadt gab mir einen ganz neuen Zugang, um zu experimentieren und mich in der Kunst zu finden. Ich hatte ein paar Freunde, die auch Musik machten und wir übten wie die Irren. Ich weiß nicht, ob ich ewig hier bleibe, aber ich fühle mich hier wohl und der Platz ist wichtig für meine Kreativität. Es ist interessant, von so vielen unterschiedlichen Menschen umgeben zu sein.

Du hast über die Jahre mit sehr vielen unterschiedlichen Musikern zusammengearbeitet. Kurt Vile bei den Violators war der bekannteste davon. Haben dir all diese Kooperationen dazu verholfen, dich künstlerisch zu emanzipieren und dein eigenes musikalisches Selbst zu finden?
Ich denke schon. Es war immer spannend für mich, mit anderen Musikern zusammenzuarbeiten, weil ich immer gerne experimentierte und mich stets herausfordern wollte. Ich habe auch gelernt, wie ich mit Leuten zusammenarbeiten oder zuhören kann und das bestmöglich für mich umsetze. Ich habe Alben mit Leuten gemacht, die nur improvisierten und dann wieder welche, mit gestandenen Songwritern. Michael Chapman und Mike Cooper, die alten Folk-Typen, haben mich wahnsinnig beeindruckt. Alleine ihren Geschichten zu lauschen und dabei inspiriert zu werden, hat meinen Sound mit Sicherheit geformt.

War auch der unlängst verstorbene Scott Walker ein Einfluss für dich? Es gibt jetzt keine direkten Verbindungen, aber er hat die Rockkultur in den USA auf eindeutige Weise mitgeprägt.
Er war eine einzigartige Person und er hat einen Sound gefunden, den es nie wieder gab. Er ging nie nach einer Formel vor und ist unheimlich viele Risiken eingegangen. Textlich ist er auch ziemlich alleine dagestanden. Ich habe ihn lange nicht verstanden, aber als ich dann sein drittes und viertes Album hörte, klickte es irgendwann und ich verstand, wie genial er in seiner Einzigartigkeit eigentlich war. Gerade seine Texte waren ein großer Einfluss für mich. Er hat sich sehr stark mit der Sprache gespielt. Lou Reed war auch so ein Typ, der die Wörter so willenlos zusammenwarf, dass man oft von der Intensität seiner Botschaften überrollt wurde. Am Ende ergab aber alles Sinn und wenn du es verstanden hast, dann war es wirklich cool.

Texte sind natürlich auch dir ein besonderes Anliegen. Mit „Stonehurst Cowboy“ gibt es einen Song über deinen verstorbenen Vater. War es nicht schwierig, dich bei diesem privaten Thema so klar nach außen zu öffnen?
Ich bin durch einige schwere Zeiten gegangen. Ich war viel zu viel unterwegs, in der Band ging es nicht gut und dann starb auch mein Vater. Ich fühlte, dass der Moment kam, etwas introspektiver zu werden. Ich habe mich immer versteckt, hatte auf dem neuen Album aber nichts mehr zu verlieren. Für mich war der Song nicht so persönlich, aber kathartisch. Ich habe meine Gefühle und Erfahrungen aufgeschrieben und das war wichtig. Ich habe über viele Dinge geschrieben, auf die sich jeder berufen kann. Für mich war das ein neuer Pfad und der war sehr hilfreich. Ich wusste, dass ich meinem Vater Tribut zollen wollte. Ich wollte das nicht zwanghaft machen, aber es ergab sich einfach.

Hast du dann aufgepasst, wie weit du mit dem Text zu diesem persönlichen Thema gehst?
Ich habe viel darüber nachgedacht, wo und wie er aufwuchs. Ich wollte sein Leben durch seine Augen beschrieben und seine Straße mit seinen Beinen begehen. Er hatte ein ziemlich hartes Leben mit einer einzigartigen Geschichte und das hat mich sehr betroffen. Normalerweise interessieren sich Kinder nicht für die Geschichten ihrer Eltern, aber ich habe sehr viel Zeit damit verbracht, vor seinem Tod mit ihm über sein Leben zu sprechen. Wenn du 16 bist, interessiert dich das nicht, aber in den letzten Jahren habe ich ihm einfach gerne und interessiert zugehört. Im Endeffekt dreht sich die erste Hälfte des Songs um sein Leben aus seiner Perspektive und die zweite um sein Leben aus meiner Perspektive. Er lebte damals in einer verrückten Zeit, war sehr arm, musste nach Vietnam und hatte wirklich einen schweren Rucksack zu tragen. Ich wollte all den Schmerz, den er erlebte, die Komplikationen, die er hatte, möglichst gut beschreiben. Als ich jünger war, habe ich mich zu wenig darum gekümmert und hatte nur die Kunst im Kopf. Wir sind später aber noch zusammengewachsen und verstanden uns immer besser. Ich bin ihm wirklich ähnlich, aber das wusste ich lange nicht.

War es für dich als jemanden, der aus einer Avantgarde-Musikwelt kommt, schwierig, zu einem so eingängigen und simplen Songwriting zu transformieren?
Es hat schon eine lange Zeit gedauert. Ich habe viel experimentiert und improvisiert, aber ich bin als Kind mit Folk und Blues aufgewachsen. So habe ich die Gitarre ursprünglich gelernt. Ich habe diese simplen Songstrukturen immer gemacht, aber nur privat und für mich. Ich habe dann den Weg zu einer ziemlich abgedrehten Art und Weise gefunden und lernte in den letzten Jahren wieder, wie schwierig es ist, mit einfachen Songstrukturen gute Nummern zu schreiben. Ich wollte alles reduzieren, weil ich Musik und Texte immer zu sehr überdachte. Ich wollte simpler vorgehen und das war verdammt schwierig. Früher hätte ich mich selbst dafür ausgelacht, dass ich Songs mit nur drei Akkorden spiele. (lacht) Das erschien mir damals als zu trivial, aber ich wusste nicht, wie schwer es ist, das gut hinzukriegen. Außerdem wurden alle meine Lieblingssongs mit maximal vier Akkorden geschrieben.

Vermisst du manchmal den chaotischen Aspekt deiner Experimental-Vergangenheit?
Es gibt immer noch leichte Elemente der Improvisation im Livekontext, was uns auch sehr viel Spaß macht. Ich habe auch immer noch ein reines Improvisationsprojekt, wo wir für Soundtracks arbeiten. Ich versuche live einfach beide Welten zu vermischen. Vermissen tue ich das aber nicht explizit, weil es noch immer da ist.

Weil wir eingangs von Tony Garnier sprachen - hat seine langjährige Zusammenarbeit mit Bob Dylan in einer unterbewussten Art und Weise auch deine Musik beeinflusst?
Das ist interessant, denn ich bin natürlich ein riesiger Dylan-Fan und als ich die Möglichkeit hatte, Tony an Bord zu holen, konnte ich das gar nicht fassen. Er ist so ein netter und bodenständiger Typ, was dem Album unglaublich geholfen hat. Es geht immer um das Gefühl und den Klang und „The Unseen In Between“ hat so eine eigene Härte, die er mitverursachte. Es war auch schön zu sehen, wie wir arbeiteten. Er wollte immer meine Texte sehen, damit er sich mit dem Song identifizieren konnte und erst dann konnte er sich so richtig darauf einstellen. Wir haben in drei verschiedenen Sessions im Studio gearbeitet und mittlerweile sind wir dicke Freunde. Für ihn war es interessant, mit einem jüngeren Typen zu spielen, der etwas abgedrehter musiziert. Er hat mich oft gefragt, was ich da jetzt eigentlich mache, weil er diese Arbeitsweise nicht gewohnt ist, aber er hatte Spaß. Und ich hatte einfach so viel Spaß zu sehen, wie ein Profi arbeitet. Wir alle lieben alte Jazzalben und haben natürlich oft über Dylan geredet. Er hat gesagt, Dylan und die Band hätten derzeit auf Tour so viel Spaß wie seit vielen Jahren nicht mehr. Das sieht man auch seinen Shows an und mich beeindruckt das. Diese Topform nach so vielen Jahren ist phänomenal.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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