Di, 19. März 2019
02.03.2019 07:00

München 1994

Nirvana: Das letzte Konzert vor dem großen Ende

Am 1. März 1994 gaben die Grunge-Legenden Nirvana in München ihr allerletztes Konzert - nur etwas mehr als einen Monat später wählte Frontmann Kurt Cobain den Freitod. Zeitzeugen erinnern sich an diesen ganz besonderen Auftritt zurück.

Ausgerechnet bei ihrem letzten Konzert fehlte ihr größter Hit: „Die haben ‘Teen Spirit‘ einfach nicht gespielt“, so der Münchner Gerhard Emmer zur Deutschen Presse-Agentur. „Das war schon merkwürdig - irgendwie unvollendet.“ Emmer war dabei am 1. März 1994. Er wusste nicht, dass er Zeuge eines historischen Moments wurde. Der Auftritt im ehemaligen Flughafen München-Riem war der letzte der Band.

Frühes Ende
Der Rest der Tour wurde abgesagt, nachdem die Ehefrau von Kurt Cobain, Courtney Love, ihren Mann - vollgepumpt mit Schlafmittel und Alkohol - bewusstlos in einem Hotelzimmer in Rom gefunden hatte. Rund einen Monat später, am 5. April 1994, nahm Cobain sich im Alter von nur 27 Jahren in seinem Haus in Seattle das Leben. Er schoss sich mit einer Schrotflinte in den Kopf.

Bis auf „Smells Like Teen Spirit“, die damalige Hymne der wütenden Jugend, der Grundstein für den weltweiten Erfolg der Band, mit dem Cobain aus genau diesem Grund auf Kriegsfuß stand, spielten Nirvana an jenem Tag alle großen Hits. Das geht aus der Setlist hervor, die der „Rolling Stone“ veröffentlichte: „Come As You Are“, „All Apologies“ und das David-Bowie-Cover „The Man Who Sold The World“. Das letzte Lied, das Cobain jemals bei einem Konzert spielen sollte, war „Heart-Shaped Box“ vom Album „In Utero“ - geschrieben für Courtney Love.

Kurzfristige Absage
Nirvana waren damals auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Der ehemalige Terminal 1 des Flughafens in Riem war ausverkauft, es sollte sogar noch ein Zusatzkonzert in München geben. Das wurde aber kurzfristig abgesagt, weil Cobain Probleme mit der Stimme hatte. Auf der offiziellen Nirvana-Homepage der Plattenfirma Universal ist das Münchner Konzert nicht einmal mehr vermerkt. Der letzte Eintrag in der Bandgeschichte ist der 6. Februar 1994: „Nirvana machen sich auf zu einer Europa-Tournee.“

Emmer hat heute noch das Konzert-Ticket von damals. 35 D-Mark zahlte er im Vorverkauf für ein Stück Musikgeschichte - das sich für ihn 1994 noch nicht wie Musikgeschichte anfühlte. „Es war auffällig, dass irgendwie die Luft raus war“, sagt der 53-Jährige. „Die haben lustlos ihr Programm runtergespult.“ Erschöpft habe Cobain gewirkt, unkonzentriert. „Er hat sich ein paar Mal verspielt.“ Man habe, so sagt Emmer, „gemerkt, der ist mit der ganzen Situation, mit dem großen Ruhm überfordert“.

Keine Abkassiererei
Heute sagt man, der schwer drogenabhängige Cobain sei zerbrochen am Ruhm und am Druck, Idol und Sprachrohr einer ganzen Generation sein zu müssen. In seinem Abschiedsbrief schrieb er, er wolle seinen Fans nicht länger etwas vorgaukeln, sie nicht abkassieren. Seinen Abschiedsbrief gab es tatsächlich - auf T-Shirts gedruckt - zeitweise zu kaufen. „Er hat sich mit seinem Selbstmord unsterblich gemacht“, sagte „Rolling Stone“-Chefredakteur Sebastian Zabel zu Cobains 50. Geburtstag vor zwei Jahren - wie andere Rockstars vor und nach ihm, die ihren 28. Geburtstag nicht mehr erlebten: Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Amy Winehouse, der „Club 27“.

Emmer war damals mit ein paar Kumpels auf dem Konzert. „Wir waren alle schon um die 30 und für uns war es sicher nicht das beste Konzert, das wir jemals gesehen haben. Aber für die Teenies damals war das schon cool. Die waren einfach froh, dass sie ihren Gott gesehen haben.“ Noch heute werde er oft auf das Konzert angesprochen, sagt Emmer. Viele seien neidisch, weil er dabei war, als Musikgeschichte geschrieben wurde. Er selbst verstehe das aber gar nicht. „Ich bin neidisch auf meine Kumpels, die 1989 dabei waren im Circus Gammelsdorf. Da war alles noch viel kleiner, da waren Nirvana noch die Vorband. Das muss ein fantastisches Konzert gewesen sein.“

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