Sa, 25. Mai 2019
13.02.2019 07:00

Rock‘n‘Roll-Zukunft

The Pearl Harts: Yin & Yang mit Authentizität

Mit einer kräftigen Dosis Rock‘n‘Roll mischen zwei Londonerinnen gerade die Musikwelt auf. Die Pearl Harts überzeugen auf ihrem Debütalbum „Glitter & Spit“ mit rifflastigem Hard Rock samt Botschaft. Kirstey Lowrey und Sara Leigh Hart standen uns vor ihrem Auftritt im Wiener Chelsea Rede und Antwort - und haben noch so einiges mit ihrer Band vor.

Es ist so ziemlich das Schlimmste, was einer jungen Band passieren kann. Man fährt mit seinem klapprigen Van durch das europäische Festland, um die frohe Kunde des Rock’n’Roll unters Volk zu bringen und dann wird in einem unachtsamen Moment auf einem gewöhnlichen Bremer Parkplatz Equipment im Wert von rund 8000 Pfund aus dem Van entwendet. Für die beiden Londonerinnen Kirsty Lowrey und Sara Leigh Shaw von den Pearl Harts war das aber nur kurz ein Grund zur Verzweiflung. Sie fuhren einfach weiter, liehen sich Instrumente und Verstärker von unterschiedlichen Vorbands und rockten oft auch nur vor einer handverlesenen Schar von Gästen - wie etwa im Wiener Chelsea. „Natürlich gingen wir durch ein Wechselbad der Gefühle, aber wir haben so viele nette und aufbauende Nachrichten bekommen, dass wir den soeben verlorenen Glauben an die Menschheit sofort wieder zurückerlangten“, erzählt Lowrey der „Krone“ im Interview.

Gegen Ungerechtigkeiten
Die kecke Sängerin ist das selbsterklärte Sprachrohr des Duos, das mit seinen gitarrenlastigen und voller Blues-Riffs bestückten Songs allzu gerne in die Ecke Joan Jett oder The Runaways sortiert wird, eigentlich aber wesentlich zeitgemäßer und eigenständiger klingen. „Den Vergleich mit den Kills finden wir großartig, ihre Karriere begann auch ähnlich wie unsere. Andere wiederum setzen uns mit Deap Vally gleich. Die sind toll, aber der Vergleich ist an den Haaren herbeigezogen. Nur weil jeweils zwei Frauen auf der Bühne stehen und Rock spielen, ist das nicht dasselbe.“ Mit Ungerechtigkeiten im Musikbusiness sind die beiden Freundinnen schon lange firm. Auch wenn sich die Zeiten ändern und stetig verbessern, ist der große Klangzirkus für Frauen noch immer ein hartes Pflaster. Vor allem für jene, die sich dreist in eine Männerdomäne wie die Stromgitarrengalaxis wagen. Klar, dass man sich da ein dickes Fell zulegt.

„Feminismus ist eine Lebenseinstellung und kein Gedankengang“, unterstreicht Shaw. Die Schlagzeugerin hält sich im Gespräch zwar lieber im Hintergrund, wenn sie aber etwas zu sagen, dann mit Bestimmtheit und Nachdruck. „Wir schreiben jetzt nicht bewusst Songs in diese Richtung, aber wenn du unsere Nummern sezierst, wirst du sicher unbewusste Einflüsse dahingehend finden. Wie sehr die Geschlechterfrage hinkt, haben wir erst jetzt nach dem gestohlenen Equipment gesehen. Die meisten Männer erwarten sich immer noch, dass wir deshalb verzweifeln und um Hilfe schreien, aber so ist das nun einmal nicht. Wir sind stark und selbstbewusst und kriegen unseren Kram ganz gut selbst auf die Reihe.“ Auch wenn die Pearl Harts klanglich wenig mit den legendären Rrriot-Girls der Marke L7 oder Bikini Kill am Hut haben - ideologisch gibt es durchaus Parallelen zu den 90er-Grunge-Heldinnen. „Aktionen sind wichtiger als Worte, deshalb wollen wir einfach aktiv zeigen, was wir draufhaben. Dann wird man auch schneller ernstgenommen.“

Perfekte Ergänzung
Das sollte eigentlich kein Problem sein, denn mit „Glitter & Spit“ haben die zwei Britinnen letzten Herbst eines der frischesten Rock-Alben der vergangenen Saison veröffentlicht. Mithilfe von Crowdfunding konnten sich Lowrey und Shaw auch die ihnen so wichtige Unabhängigkeit wahren und das Album im Alleingang fertigstellen. „Eigentlich hatten wir keine Ahnung, wie das mit Plattenfirmen funktioniert und haben deshalb alles selbst gemacht“, lacht Lowrey rückblickend, „aber die Songs standen ohnehin schon. Ich bin der Meinung, eine Plattenfirma sollte diesen Prozess vom Anfang bis zum Ende begleiten und nicht nur halbherzig. Insofern war die Veröffentlichung des Albums für uns ein Statement.“ Als „Glitter & Spit“ bezeichnen sich die beiden Freundinnen selbst. „Wir sind ziemlich unterschiedlich, ticken aber in den richtigen Momenten gleich. Es ist eine Yin-&-Yang-Sache. Wenn es bei der einen einmal hakt, ist die andere sofort mit dem richtigen Ratschlag zur Stelle.“ Kennengelernt haben sie sich übrigens mal auf einer gemeinsamen Tour in unterschiedlichen Bands.

Songs wie „Black Blood“, „Lara“ oder das grungige „Living’s Done“ leben vor allem von den scharfen Riffs und der kantigen Drum-Akzentuierung. Bei Nummern wie „Lost In Time“ zeigen die Pearl Harts aber auch eindrucksvoll, dass sie genauso gut mit ruhigeren Momenten umgehen können. „Manchmal sind die Emotionen wichtig, um sich auszudrücken. Angst, Furcht, Trauer und Liebe sind wichtige Gefühle und je intensiver du von ihnen übermannt wirst, umso besser werden die Songs, die sich darum drehen. Wenn du uns auf eine Botschaft festnageln willst, dann würde ich sagen: seid einfach alle emotionaler.“ Dass viele ihrer Helden aus den 70er-Jahren selbst ausgewiesene Sexisten waren, sehen die Pearl Harts keinesfalls als Widerspruch in sich. „Das ist korrekt, dagegen lässt sich nichts sagen, aber umso wichtiger ist es heute zu zeigen, dass man eine solche Musik auch ohne Sexismus kreieren kann. Die Menschen lieben den Eskapismus des Rock’n’Roll, der ihnen aus der tristen Realität verhilft. Auch und gerade Frauen sollte es erlaubt sein, sich darin auszutoben.“

Brodelnder Untergrund
Ausreichend Songs für einen Albumnachfolger haben die Pearl Harts schon geschrieben - und der Kreativität sind derzeit keine Grenzen gesetzt. Gerade England ist derzeit ein heißer Boden für Bands mit Inhalt und Message. „Der musikalische Untergrund brodelt bei uns wirklich. Wir haben bislang noch keinen Brexit-Song geschrieben, aber vielleicht sollten wir das auch tun. Eine Nummer wie ,Brexit Sucks‘ würde wohl auf die eins gehen, hätte aber kein langes Leben“, lacht Lowrey. Viel wichtiger ist ihnen ohnehin, live für einen Flächenbrand zu sorgen. „Wenn du ein Konzert besuchst, dann muss das grenzwertig sein und an der Kippe stehen. Ich will als Besucher keine klinische Perfektion, sondern Authentizität. Zum Glück geht alles in Wellenbewegungen und wir erreichen wieder eine Zeit, wo alles wieder ruppiger sein darf.“ Top-Bands wie Garbage und Skindred zählen bereits zu Pearl-Harts-Fans, die nächsten Festival-Shows und ein USA-Ausflug sind fixiert. Im Namen des Rock’n’Roll ist ein aufgebrochener Van eben kein langes Hindernis…

Am 29. März sind die Pearl Harts als Support von Frank Carter & The Rattlesnakes in der Wiener Szene zu sehen. Weitere Infos und Karten gibt es unter www.oeticket.com

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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