Großoffensive
Zwölf Zivilisten durch NATO-Raketen getötet
"Es ist bedauerlich, dass im Laufe unserer gemeinsamen Anstrengungen Unschuldige ihr Leben verloren", sagte McChrystal, nachdem geklärt war, dass es ISAF-Raketen waren. Man werde alles unternehmen, dass solche Vorfälle nicht mehr vorkämen. Karzai ordnete eine Untersuchung an.
Der Präsidentenpalast hatte zuvor mitgeteilt, eine Rakete habe das Haus einer Familie im Distrikt Marjah getroffen, wobei zehn Zivilisten getötet und mehrere verletzt worden seien. Der Internationalen Schutztruppe ISAF zufolge sei es zu dem Vorfall mit zwölf Toten im benachbarten Distrikt Nad Ali gekommen.
Karzai hatte die Soldaten zu Beginn der Operation "Mushtarak" ("Gemeinsam") am Samstag dazu aufgerufen, vorsichtig vorzugehen und keine Zivilisten zu gefährden. Auch die Vereinten Nationen hatten an die Konfliktparteien appelliert, Unbeteiligte zu schützen. Mit der bisher größten Offensive gegen die Taliban sollen die Aufständischen aus Marjah und Nad Ali vertrieben werden.
Bisher 27 Taliban-Kämpfer getötet
Bei der Operation gehen seit Samstag 15.000 afghanische und ausländische Soldaten gegen die Taliban in Helmand vor. "Die Operation verläuft erfolgreich", sagte der Sprecher der Provinzregierung, Daoud Ahmadi, am Sonntag. Die Briten erklärten, die ersten Hauptziele wie die Sicherung von Brücken und Straßen seien erreicht. Es habe nur "minimale Störungen" gegeben.
Ein US-Kommandant beschrieb den Fortschritt weniger euphorisch. Larry Nicholson sagte einem Reporter der Agentur AFP vor Ort, die Soldaten würden immer wieder von Heckenschützen ins Visier genommen. Auch dass die Einheiten nur langsam im Gefolge von Minenräumfahrzeugen vorrücken könnten, verzögere den Vormarsch. Die gesamte Region gilt als vermint und deshalb sehr gefährlich.
Nach offiziellen afghanischen Angaben wurden bisher auch nur 27 Aufständische getötet, über Gefangene wurden keine Angaben gemacht. Bis zu 1.000 Aufständische werden in der Region vermutet. Am ersten Tag der Großoffensive waren zwei ISAF-Soldaten gestorben. Ein britischer Soldat wurde getötet, als er bei einer Patrouille in eine Sprengfalle geriet. Ein US-Marineinfanterist starb in einem Feuergefecht. Die afghanische Armee, die den Großteil der Truppen stellt, meldete zunächst keine Verluste.
"Minmaler Widerstand": Sind die Kämpfer untergetaucht?
Die groß angekündigte Offensive sollte viele der Aufständischen zum Aufgeben zwingen und gleichzeitig die Zivilbevölkerung vorwarnen. Schon am Samstag meldeten die NATO-Truppen "minimalen Widerstand" beim Vorrücken auf Marjah, einem der größten Opium-Anbaugebiete der Welt und absolute Hochburg der Taliban.
Mittlerweile stellen sich viele die Frage, ob der "minimale Widerstand" nicht auch daher kommen könnte, dass die Taliban-Kämpfer durch die Ankündigung der Offensive rechtzeitig in der Region untergetauchen konnten. Ein Taliban-Vertreter wies am Sonntag die Aussage des Gouverneurs der Provinz Helmand, der Widerstand der Taliban sei gebrochen, als "westliche Propaganda" zurück. Der Westen versuche mit der Einnahme einer kleinen Stadt das verloren gegangene Prestige des "erfolglosen US-Generals Stanley McChrystal" zurückzugewinnen, ließ der Taliban-Kommandant Mullah Abdul Rezak Akhund verlauten.
Nach Beginn der Großoffensive hatte Präsident Hamid Karzai die Taliban aufgerufen, die Gelegenheit zu nutzen, um der Gewalt abzuschwören und sich in die Gesellschaft einzugliedern.
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