So, 20. Jänner 2019

Böser Brite

26.12.2018 17:04

Aston Martin Vantage: Geschüttelt und gebrüllt

Wenn ich ehrlich bin, habe ich den Aston Martin Vantage gewaltig unterschätzt. Irgendwie schaut er harmlos aus; sagen wir, wie ein großer Bruder des Mazda MX-5 mit der Heckleuchtengrafik des Renault Mégane. Doch dann stehe ich vor ihm, die Fahrertür schwingt leicht nach oben auf und ich gleite auf den Fahrersitz. Schon jetzt ist klar: Der Brite ist böse, sehr böse!

Die Sitzposition ist viel tiefer als erwartet, das Dashboard baut sich geradezu vor mir auf. Nicht einschüchternd, aber während ich hier emotional ankomme, beginne ich den Vantage ernst zu nehmen.

Ich starte den Boliden, der von AMG stammende Vier-Liter-Biturbo-V8 brüllt mich aus vier Endrohren gereizt an. Kann ich bitte einen Drink haben? Geschüttelt, nicht gebrüht, weil einen Kaffee werde ich in nächster Zeit nicht brauchen. Schon gar nicht im Auto, ich will ja nicht riskieren, etwas auf dem feinen Alcantara zu verschütten. Und James Bond hat ja in der Regel auch ein paar Martinis intus, wenn er im Auftrag ihrer Majestät hinterm Steuer sitzt.

Was das mit dem Vantage zu tun hat? Ganz einfach: Er ist so etwas wie die Serienversion des Aston Martin DB10, von dem nur zehn Stück exklusiv für die Verwendung und Verschrottung in Spectre, dem 24. James-Bond-Märchen, gebaut wurde (bzw. für die PR dazu). Sieben Stück sollen die Dreharbeiten nicht überlebt haben. Ach James, dass du auch nie auf Q hören kannst!

Den Gang lege ich wie im Mercedes-AMG GT per Knopfdruck ein. Der V8 ist zwar 0,4 Liter kleiner als im DB10, aber mit 510 PS fast um ein Viertel stärker. Dementsprechend presst es mich in den Schalensitz, als mein Fuß das Gaspedal in den Teppich tritt. 685 Nm, multipliziert mit der Getriebeübersetzung, machen sich über die Hinterräder her, eine zarte, weiße Rauchwolke bleibt in der Luft hängen, wo gerade noch ein neongelb lackierter Sportwagen auf einem Parkplatz des Angeles Crest Highways oberhalb von Los Angeles im Leerlauf die Muskeln anspannte.

Britische Zurückhaltung? Stock im A…? Von wegen! Wir jagen dahin, als wären Ernst Blofeld, Raoul Silva und Co hinter uns her. Ja, ich spreche von „wir“, der Vantage und ich verschmelzen schnell zu einer Einheit. Zum Glück folgen mir weder Bond-Bösewichter noch Sheriffs, die Gegend hier ist sauber und spaßbereit. Kurven werden zu Carving-Vorlagen, der Asphalt immer wieder zur Leinwand, Fahren zur Kunstform erhoben. Unterstützt vom ersten elektronischen Differenzial, das Aston Martin je verbaut hat.

Die ZF-Achtgangautomatik knallt die Gänge rein, von selbst oder durch Anregung mit den riesigen Schaltpaddles. Mit der Lenkung ist es ein Leichtes, jederzeit zu korrigieren, wenn nötig, aber meist hält der Lenkwinkel und ich ziehe einfach durch. Da ist Gefühl drin. Mit 13,1:1 ist sie direkt übersetzt, aber nicht nervös.

Das Datenblatt sagt, der Aston wiegt über 1,6 Tonnen und ist sogar schwerer als der Antriebsspender AMG GT S, aber das fällt nicht auf. In 3,6 Sekunden ist aus dem Stand Tempo 100 erreicht. Auch das sagt das Datenblatt, mit Nachmessen halte ich mich nicht auf. Wozu auch. Und die 314 km/h Höchstgeschwindigkeit muss ich sowieso glauben.

Nicht nur das Entertainment unter der Haube, auch das digitale stammt vom Daimler, in Form des Comand-Systems. Was bei Mercedes mittlerweile ausgemustert wurde, ist wohl das Modernste, was Aston Martin je hatte.

Nichts mit dem AMG zu tun hat die Optik des Briten, völlig anderes Design, völlig andere Proportionen. Mit 4,47 Meter ist er einen Zentimeter länger als der neue Mazda3, der AMG braucht acht Zentimeter mehr Platz in der Garage. Trotzdem hat der Aston mit 2,70 Meter einen um sieben Zentimeter längeren Radstand.

195.000 Euro kostet der Aston Martin in Österreich, der Einstiegspreis des Mercedes-AMG GT S - inzwischen auf 522 PS erstarkt - liegt rund 20.000 Euro darunter. Der Charakter der beiden ist sehr verschieden. Begehrenswert sind sie beide. Und böse.

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl

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