Fr, 14. Dezember 2018

Zweimal Wr. Stadthalle

06.12.2018 01:26

Paul McCartney: Das Alpha und Omega des Pop

Als einzige Tourstation in Europa kommt Wien zweimal zur Ehre, von Beatles-Legende Paul McCartney bespielt zu werden. Die Premiere verlief mehr als sensationalle. Fast drei Stunden begeisterte der juvenile 76-Jährige mit Kultsongs aus fast sechs Dekaden - und fand dabei das richtige Mittelmaß zwischen emotionaler Tiefe und partygeschwängertem Rock.

Ist es der Veganismus? Der Rock’n’Roll? Oder einfach nur die Tatsache, dass er seit knapp sechs Dekaden genau das macht, was er mehr liebt alles andere? „Hör niemals auf, das zu tun, was du liebst“, prangt es in den vorderen Reihen von einem selbstgebastelten Plakat - der juvenile Musiker auf der Bühne erwidert den Ratschlag mit einem lässig dahingeworfenen „habe ich nicht vor“. Mit 76 Jahren sieht Paul McCartney gute zwölf Jahre jünger aus, versprüht Coolness vom Scheitel bis zur Sohle und konzertiert auf seiner „Freshen Up“-Tour an die drei Stunden. Klar - der wohl größte lebende Songwriter der Pop-Historie kann natürlich auf einen gehörigen Fundus an hochqualitativem Liedgut zurückgreifen, doch die rastlose Energie, die schiere Spielfreude und das unermüdlich Unschuldige in seiner Live-Performance faszinieren von Mal zu Mal immer mehr. Fünf Jahre nach seinem leider nur halbvollen Gig im Ernst-Happel-Stadion hat es Sir Paul am Krampus- und Nikolaustag besser erwischt - ersterer ist mit rund 11.000 Menschen randvoll, für das da Capo gibt es auch nur mehr wenige Restkarten.

Menschlichkeit & Zusammenhalt
Im legeren Outfit mit blauem Jackett schwingt er sich aufgrund der in die Halle drängenden Massen etwas verspätet auf die Bühne, doch schon nach dem Beatles-Klassiker „A Hard Day’s Night“ werden die Sitzer in der Mitte ad absurdum geführt und die Fans laufen auf die Bühnenkante zu. Mit „Servus Österreich“ begrüßt McCartney selbige, im Laufe des Konzerts wird er noch öfters auf Deutsch parlieren - dass er die Sätze vom Teleprompter abliest, versucht er gar nicht erst zu verbergen. Den großen Bombast moderner Popstars braucht der Liverpooler nicht. Die schiere Kraft seiner Songs reicht völlig aus, um die Anwesenden aus allen Generationen voller Nostalgie und Freude zu füllen. Es ist eine große Party für die Musik, die Menschlichkeit und den Zusammenhalt, das ist auch ohne die später eingesetzte Regenbogenfahne von Anfang an klar. Statt Kostümwechsel und opulenter Bühnenwelten vertraut der Brite auf sein vierköpfiges Musikerkollektiv, eine zeitweise eingesetzte Bläsersektion und 3D-Videoeffekte, die von vornherein verhindern, dass etwaige Beatles-Rückblenden allzu angestaubt wirken könnten.

Geschickt changiert der Performer zwischen Beatles-, Wings- und Solosongs. Sein brandneues Studioalbum „Egypt Station“ wird mit nur drei Liedern etwas stiefmütterlich behandelt, dafür fügen sich die Nummern perfekt in den Klassikerreigen ein. Auch das nicht viel diskutierte „Fuh You“ entwickelt auf der Bühne mit den dazugehörigen Video-Einspielungen ungeahnte Kräfte. Live entfalten sich vor allem die unvergesslichen Wings-Stücke zu regelrechten Perlen. Viel zu oft sind sie hinter dem großen Schatten der Beatles gefangen, doch das stellenweise an Deep Purple erinnernde „Let Me Roll It“, das rhythmische Wunderstück „Band On The Run“ und das mit Bläsern unterstützte „Letting Go“ verleihen der Show den nötigen Rockfaktor und wuchtige Opulenz. Dass McCartney bei „Let ‘Em In“ am Piano kurz einmal eine falsche Taste erwischt fällt nicht weiter auf - die Pyro- und Explosionseffekte beim treibenden „Live And Let Die“ dafür umso mehr. Mit diesem Stakkato an Sprengkraft hätte der Beatle zwei Wochen zuvor auch die Bühne mit Slayer teilen können.

Erinnerungen an damals
Doch natürlich kracht und rumpelt es nicht unentwegt - „Macca“ ist eher der filigrane Feingeist, dessen Gespür für Atmosphäre und Melodie in der Popmusik unerreicht ist. Beispiele dafür liefert er auch in der Stadthalle zuhauf. Vor allem dann, wenn er an seine lebenden und verschiedenen Lieben denkt, die sein Leben in unterschiedlichsten Phasen entscheidend mitgeprägt haben. „My Valentine“ widmet er seiner ebenfalls in Wien anwesenden Frau Nancy, „Love Me Do“ dem Beatles-Starproduzent George Martin, das emotionale „Here Today“ seinem Berufszwilling John Lennon und das epische „Something“ beginnt er in Anlehnung an George Harrison mit einer Ukulele und melancholischen Bildeinspielungen aus den unterschiedlichsten gemeinsamen Karrierestationen. Von den Schlüsselfiguren aus der Beatles-Historie bleibt nur Drummer Ringo Starr unerwähnt, dafür kredenzt er dem Publikum Geschichten aus den späten 60er-Jahren in denen Jimi Hendrix oder Eric Clapton Schlüsselrollen einnehmen. Für Beatles-Anthologen ist das natürlich keine Herausforderung. Zwei japanische Allesreisende, die McCartney rund um den Globus folgen, werden vom großen Meister sogar persönlich begrüßt.

Für die breite Masse eröffnet sich im letzten Konzertdrittel eine wahre Hitpalette aus den unterschiedlichsten Phasen der McCartney’schen Songwriterhistorie. Wer die mediokre Schunkelnummer „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ übersteht, dem öffnet sich das Tor in einen Palast der unvergesslichen Kompositionen. Das heuer 50 gewordene „White Album“-Gustostück „Back In The U.S.S.R.“, das Gänsehaut verursachende Meisterwerk „Let It Be“ und die aus tausenden Kehlen mitgesungene Jahrhundertballade „Hey Jude“ machen sicher, dass die Beatles das Alpha und Omega der Pophistorie waren. Vor ihnen war nichts, nach ihnen haben sich alle darauf berufen - und die Magie dieser legendären Songs stoppt nicht bloß beim Klanglichen.

Beneidenswert
Im Zugabenblock nimmt eine sichtliche gerührte Kanadierin den Antrag ihres US-Freundes freudestrahlend an, dass kurz danach die Heavy-Metal-Ursuppe „Helter Skelter“ ertönt, ist vielleicht der einzig semipassende Moment an einem durchwegs runden Abend. Dass McCartney „Yesterday“, den angeblich meist gespielten Popsong aller Zeiten, nicht einmal in die 39-Song-starke Setlist einbaut, könnte man fast schon als arrogant bezeichnen. Doch es ist vielmehr beneidenswert, wie locker er aufgrund seines restlichen Songmaterials darauf verzichten kann. Ein ähnlich famoses Fest ist auch beim da Capo heute Abend garantiert (Restkarten sind vorerst noch erhältlich). Vielleicht gibt’s später einmal ein Wiedersehen zu Maccas 80er. An seiner Fitness wird es nicht scheitern.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

Kommentare

Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Aktuelle Schlagzeilen
Kühbauer, Schwab & Co.
„Bekomme Geldstrafe“ - Rapid jubelt über Aufstieg
Fußball International
Europa League
2:1 bei Celtic! Salzburg beendet Gruppe makellos
Fußball International
Europa League
Leipzig trotz Schützenhilfe von Salzburg draußen!
Fußball International
Jubel nach Aufstieg
Kühbauer: „Allerschönster Tag als Rapid-Trainer“
Fußball International
EL-Erfolgslauf
6. Sieg! Hütter schreibt mit Frankfurt Geschichte
Fußball International
„Gelbwesten“-Streit:
Misstrauensantrag gegen Macron gescheitert
Welt
Rangers bezwungen
Europa-League-Hammer! Auch Rapid in K.-o.-Phase
Fußball International
Kuriose Insolvenz
Niederösterreichische Moschee in Konkurs
Österreich
Europa League
Rapid gegen Rangers: Fan-Randale vor dem Stadion
Fußball International
Infantino-Plan
WM 2022: Spiele auch in Katars Nachbarländern?
Fußball International
Nach Copa-Finale
Drama: Junger River-Fan von Boca-Anhängern getötet
Fußball International
Mögliche Verstärkungen
„Interessante Namen“ - Bayern auf Transferjagd
Fußball International
Schock bei Adventfeier
Als Harnik-Klub feierte, brachen Diebe Autos auf
Fußball International

Newsletter

Melden Sie sich hier mit Ihrer E-Mail-Adresse an, um täglich den "Krone"-Newsletter zu erhalten.