Do, 13. Dezember 2018

Suchterkrankung

16.11.2018 06:00

Alkohol ist keine Lösung

Manche Menschen versuchen, seelische Probleme mit dem „Griff zur Flasche“ zu bekämpfen. Dabei übersehen sie jedoch, wie sie allmählich in die Alkoholsucht abgleiten. Hier ist professionelle Hilfe gefragt.

Martha (37), alleinerziehende Mutter eines zwölfjährigen Sohnes, arbeitete im Kundenservice und kehrte nach ihrer Scheidung ins Elternhaus zurück. Am Arbeitsplatz wurde sie von Kolleginnen gemobbt. Um ihre Not nicht wahrzunehmen und perfekt zu funktionieren, spülte Martha ihren Frust mit Alkohol weg. Anfangs waren es nur ein paar Gläser, im Laufe der Zeit schließlich bis zu 2 Flaschen Wein pro Tag. Erst nach ihrem Jobverlust gestand sich die Frau ihre Suchterkrankung ein und ging zum Arzt.

Langsam reduzieren
Primäres Therapieziel bei Martha war nun ein verantwortungsvoller Genussmittelgebrauch mit Trinkmengenreduktion. „Ein übermotiviertes Vorgehen, wie plötzliches Absetzen des Alkohols allein zuhause, wäre im ersten Schritt nicht ratsam. Hier besteht die Gefahr eines Deliriums! Stattdessen erfordert es zuallererst ein einfühlsames ärztliches Vorgespräch, um eine Krankheitseinsicht zu bewirken“, erklärt Dr. Norbert Steiner, Psychiater aus Graz.

Martha musste zunächst erkennen, wie das Trinken sie körperlich und seelisch zugrunde richtete. In den folgenden Wochen absolvierte sie eine kontrollierte Reduktion des Alkohols ambulant beim Facharzt. Ebenso erhielt die Patientin eine medikamentöse Behandlung (Beruhigungsmittel, Anti-Craving-Substanzen, die das Verlangen nach Alkohol verringern und Antidepressiva, um ihre Stimmung zu heben) sowie begleitend eine Gesprächspsychotherapie. Bald fühlte sie sich nicht mehr so antriebs- und wertlos, ihr Verlangen nach Alkohol schwand.

Bei schwerer Alkoholabhängigkeit wäre eine stationäre Entzugstherapie („Entgiftung“) mit Ersatzmedikamenten wie Benzodiazepinen in ausschleichender Dosierung und Antiepileptika zur Vermeidung epileptischer Anfälle im Entzug möglich - einen Klinikaufenthalt lehnte Martha jedoch ab. Darauf folgt eine mehrwöchige Entwöhnungsbehandlung und langfristige Nachsorge im ambulanten Bereich.

Die Seele heilen
Martha hatte ihre Depressionen und Ängste nach Scheidung sowie Jobverlust schleichend mit Alkohol selbst bekämpft. Die Psychotherapeutin fühlte Marthas Scheu vor Behandlung, vermied daher, den moralischen Zeigefinger zu erheben. Bereits nach einem unterstützenden Gespräch konnte sie die Patientin zu einem schrittweisen ambulanten Alkoholentzug durch Trinkmengenreduktion beim Facharzt motivieren. In wöchentlichen Einzelgesprächen auf Augenhöhe war Martha in der Lage, durch Erzählungen ihr Leben mitzuteilen und lang verdrängte Emotionen zu äußern. Sie gewann langsam das Gefühl, keine berufliche Versagerin oder schlechte Mutter zu sein, obwohl sie in die Alkoholerkrankung gerutscht war.

Marthas Änderungen der Lebensweise wurden mit der Therapeutin in einem schriftlichen Vertrag vereinbart. Regelmäßige Fitnesseinheiten und Ausdauersport (Walken, Radfahren, Schwimmen…), Entspannungsübungen sowie eine Ernährungsumstellung für sich und ihren Sohn verhalfen zu mehr Lebensqualität und Genussfähigkeit. Darüber hinaus wurden Marthas engste Verwandte sozialtherapeutisch unterstützt, um ihr den Rücken zu stärken. Bereits nach drei Monaten fand die Frau wieder einen Job, zog mit ihrem Sohn in eine neue Wohnung und fühlte sich wieder stark für ein selbstbestimmtes Leben.

Regina Modl & Mag. Dr. Monika Wogrolly, Kronen Zeitung

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