Sa, 17. November 2018

„Krone“-Interview

01.11.2018 07:00

Cari Cari: Heimische Hüter des Vintage-Rock

Das burgenländische Rock-Duo Cari Cari gehört derzeit zur heißesten Exportware österreichischer Populärmusik. Mit „Anaana“ legen Stephanie Widmer und Alexander Köck nun ihr Debütalbum auf und gehen damit auf große Tour. Im Gespräch ließen sie hinter die Kulissen blicken und erzählten bereitwillig, wie Reisen verändert und weshalb man sich als Gegenbewegung zum glattgebügelten Radiopop sieht.

Der goldene Herbst hat lange angehalten, vereinzelt glänzen die Blätter immer noch ockerbraun und rostrot, auch wenn sich die Flora in hiesigen Gefilden langsam für den Winter häutet. Gerade in solchen Momenten ist es umso schöner, wenn man noch einen Halt hat und sich die schönen Zeiten auch in tristen November-Tagen zurückholen kann. Eine erkleckliche Unterstützung ist dabei „Anaana“, das heiß ersehnte Debütalbum des burgenländischen Rock-Duos Cari Cari, das mit Songs wie „Nothing’s Older Than Yesterday“ oder „White Line Fever“ das Pferd zuerst von außen aufrollte. Bevor die Band nämlich hierzulande registriert wurde, hatten sich Stephanie Widmer und Alexander Köck bereits rund um den Globus eine kleine, aber treue Fanbase aufgebaut. „Als wir unsere EP ,Ameripippindunkler‘ veröffentlichten, befanden wir uns in einer Blogger-Blase. Zehn CDs gingen nach Chile, fünf nach Mexiko, ein paar andere nach Australien.“

Heile Welt Österreich
Noch bevor in Österreich überhaupt jemand wusste, was „ein Cari Cari“ sein sollte , waren sie mit einem Song in der erfolgreichen US-Serie „Shameless“ vertreten und für eine Zeit lang in Australien unterwegs. In Melbourne wurde das Paar zwischenzeitlich sogar sesshaft - ebenso wie in Hamburg und London. Erfahrungen, die gewiss stark in die Musik einflossen und dafür verantwortlich sind, dass man Cari Cari nicht mit einem klassischen Länder-Stempel verkaufen kann. „Wenn du außerhalb Österreichs wohnt siehst du erst, in welch heiler Welt wir hier leben“, erklärt Köck. Widmer ergänzt: „In London wohnen 40-Jährige mit guten Jobs in WGs, weil es einfach unmöglich ist, sich ein normales, ruhiges Leben zu finanzieren. Du bist mit einer gewissen Perspektivenlosigkeit konfrontiert, weil es schier unmöglich ist, dir ein eigenes Heim leisten zu können.“

Die Vorschusslorbeeren der letzten Jahre waren gewaltig. Der renommierte „Rolling Stone“ hat sie als größte Festival-Entdeckung bezeichnet, als sie beim Primavera-Festival in Barcelona aufgetreten sind. „Wir haben dort zwischen den zwei Hauptbühnen gespielt. Am Anfang waren da etwa 400 Zuseher, am Ende waren es an die 5000. Wir konnten als Liveband mit Acts wie Nick Cave, Father John Misty und den Arctic Monkeys mithalten. Das ist gleichzeitig aber auch ein Lob für die gesamte österreichische Musikszene, denn so gut wie bei uns sieht es derzeit in Deutschland nicht aus.“ Als „Cool Kids“ einer neuen Szene sehen sich Cari Cari nicht, auch wenn sie nun durch Ink Music als Label und laufendes Radio-Airplay auf FM4 (samt Charts-Topplatzierungen) auch hierzulande für Furore sorgen. „Unser Anspruch ist jedenfalls, nicht nur in Österreich populär zu sein, aber das ist wohl bei allen Musikern so.“

Liebe zur Ästhetik
Den Terminus „Anaana“ hat das Duo erstmals in Neuseeland aufgeschnappt. In der Maori-Sprache hat es mehr Bedeutungen, geht inhaltlich aber in Richtung Glut und Lava. „Für uns war das Wort wie ein Vulkanausbruch. Eine rohe, indigene Energie. Zudem spiegelte es ganz gut unser Leben der letzten Jahre wider.“ Der Sommer und die Sonne, die Mutter allen Lebens, zieht sich als übergeordnetes Thema durch die einzelnen Songs, die es in punkto Coolness locker mit kultigen Stoner-Rockern der Marke Kyuss aufnehmen können. Die Single „Summer Sun“ etwa ist ein Slacker mit eindringlicher Ohrwurm-Melodie, „Mapache“ erweist sich als fintenreicher Rocker mit Mexicana-Flair und „Dark Was The Night Cold Was The Ground“ beruft sich gar auf seine Blues-Wurzeln und weiß mit einer nebulösen The-Doors-60er-Ästhetik zu begeistern.

„Dieser spezielle Song ist von Blind Willie Johnson inspiriert. Er war blind, weil ihm seine Stiefmutter Säure ins Gesicht schüttete. Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Straßenmusiker, aber irgendwann brannte ihm sein Haus ab. Weil er sich nichts anderes leisten konnte, lebte er in den Trümmern weiter. Diese Geschichte inspirierte mich so, dass ich darüber einen Song schreiben musste.“ Der Sound von Cari Cari ergibt sich aus den unterschiedlichen Zugängen der beiden Hauptprotagonisten. Köck hat sich selbst in stark in den 60er-Rock „reingenerdet“ und findet auch bei Kyuss sein Zuhause, Widmer liebt Norah Jones und findet in der elektronischen Musik ihre Inspirationsquellen. Was die beiden eint, ist ihre unbändige Liebe zum Vintage-Gefühl und einer markanten Form von Psychedelik.

Gegenbewegung
„Wir mögen die Musik, das Design und das Visuelle der 60er- und 70er-Jahre und versuchen, dieses Gefühl ins 21. Jahrhundert zu transferieren. Wir sind aber keine Australian Pink Floyd Show oder ein Beatles Revival. Es geht vielmehr darum, mit modernen Mitteln Imperfektion zu erreichen. Schon als ich jung war, fuhr ich alte Motorräder und suchte mir Gitarren, die Patina trugen und abgegriffen waren. Möglicherweise sind wir eine Gegenbewegung zum glattgeschliffenen Radiopop und den Spotify-Kaffeehausplaylists, in denen Menschen mit Flanellhemden möglichst pseudotiefgründige Texte referieren.“

Aufgenommen haben Cari Cari die Songs mit Rene Mühlberger von Pressyes am Neusiedler See. Eine ungewöhnliche Entscheidung für zwei Personen, die ansonsten zwischen Tallinn und Tokio pendeln. „Gerade deshalb. Wir haben die Ruhe der Heimat geschätzt. Wir konnten voll vom Gas runtergehen und hatten die Zeit, ohne Stress in der Nähe von See und Wald zu arbeiten. Die Lieder wurden aber überall geschrieben. ,After The Goldrush‘ etwa entstand an unseren ersten Tagen in London. Wir sind drei Tage nach der Brexit-Entscheidung hingezogen und bekamen direkt mit, wie alles bröckelte. Da wir da noch nicht einmal einen Proberaum hatten, entstand die Nummer quasi am Computer.“

Erfolgreich als Duo
Bereuen tun die beiden maximal, dass sie sich früh in ihrer Karriere dazu bekannten, sich Quentin-Tarantino nahe zu fühlen. „Noch gehen mir die Fragen dazu nicht auf die Nerven“, lacht Köck, „aber das wird wahrscheinlich bald soweit sein. Andererseits sind wir aber auch selbst schuld daran. Die Tarantino-Story haben schließlich wir lanciert.“ Für die Zukunft können sich die beiden weitere Stiladaptierungen vorstellen. Etwa längere, psychedelischere Songs oder einen Big-Band-Sound. „Eine ungemein spannende Vorstellung. Vielleicht würden wir dann live wie Feist klingen? Wir haben die Weisheit jedenfalls nicht mit dem Löffel gefressen und lassen gerne Neues zu, aber der Kern von Cari Cari werden immer wir beide bleiben. Je mehr Leute mitmischen, umso wichtiger werden die Egos.“

Live kann man Cari Cari fast in ganz Österreich sehen. Etwa am 2. November beim „Ahoi Pop“ im Linzer Posthof, am 10. November im Wiener Flex oder am 6. Dezember im Grazer ppc. Sämtliche Termine und weitere Infos gibt es unter www.inkmusic.at.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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