Di, 18. Dezember 2018

Interview & Album

06.10.2018 07:00

Joris: „Es braucht heute ein politisches Gewissen“

Nach dem fulminanten Erfolg mit dem Debütalbum „Hoffnungslos hoffnungsvoll“ musste der Mannheimer Senkrechtstarter Joris erst einmal wieder auf null kommen, um Leben und Karriere in die richtige Relation zu setzen. In Südeuropa fand er seine Kreativität wieder, in Deutschland schärfte er sein politisches Gewissen. Das Album „Schrei es raus“ ist Mahnmal und Statement zugleich, wie er uns im ausführlichen Interview erklärte.

Als die rechtsradikalen Ausschreitungen in Ostdeutschland vergangenen Sommer auf ihren traurigen Höhepunkt zusteuerten, wurde in Chemnitz das „Rock gegen Rechts“ organisiert, um ein klares Zeichen gegen Extremismus und für Humanismus zu setzen. Rund 65.000 Fans waren beim Open-Air-Konzert vor Ort, um sich Lieder und Botschaften von den Toten Hosen, Feine Sahne Fischfilet, Kraftklub, Marteria und Casper anzuhören. Einer von ihnen war Joris - selbst sehr erfolgreicher Musiker mit starker politischer Ausprägung. „Ich komme aus einer politischen Familie und habe das immer in mir getragen. Ich glaube aber, dass eine Bühne eine gewisse Vorsicht und politische Weitsichtigkeit braucht. Als Künstler habe ich nicht das Recht, den Leuten von der Bühne aus in ihr Leben reinzureden.“

Für die Demokratie
Dass viele Künstler im hochkommerziellen Bereich aber lieber schweigen und sich gar nicht zu tagesaktuellen Themen artikulieren, sieht Joris durchaus problematisch. „So wie sich die Lage bei uns zurzeit entwickelt, wo menschliche und gesellschaftliche Einkünfte untergraben werden und Demokratie und das Miteinander in Gefahr sind, müssen sich Künstler einfach klar positionieren. Es geht hier um Menschlichkeit, Toleranz und unsere demokratischen Werte - diese Dinge sind absolut indiskutabel. Gegen klar demokratiegefährdende und menschenverachtende Tendenzen müssen wir entschlossen vorgehen.“ So hat der Albumtitel „Schrei es raus“ natürlich mannigfaltige Bedeutung. „Wenn man den gleichnamigen Song und das komplett in Grau eingetauchte Plattencover dazu heranzieht, geht es eher um den Aufruf, die Monotonie des Alltagstrotts zu verlassen. Man sollte Dinge wagen und Chancen nicht verstreichen lassen. Heute scheint die ganze Welt zu brennen und da ist es umso wichtiger, dass man seine Meinung nicht im Stillen hat, sondern für das Gemeinsame und besondere Werte einsteht.“

Joris selbst brach aus dem Alltag aus, um sich für das neue Album komplett neu inspirieren zu lassen. Der Erfolg des Debüts „Hoffnungslos hoffnungsvoll“ übertraf im Endeffekt alle Erwartungen. Drei Echo-Awards, Platz drei in den deutschen Albumcharts und Gold in seiner Heimat stehen fortan auf ewig zu Buche. Dazu spielte Joris in den letzten zweieinhalb Jahren rund 300 Konzerte und lernte unterschiedlichste Bands zwischen Biffy Clyro und Wanda kennen und schätzen. Durch die vielen neugewonnenen Eindrücke wollte der 28-Jährige nicht während des Livespielens an neuen Songs arbeiten, sondern sich voll und ganz auf die jeweilige Sache konzentrieren. Einen Monat lang reiste er komplett alleine quer durch Norditalien, um sich vom Trubel abzukapseln und erste Songskizzen zusammen zu stellen. Danach ging es für vier Monate in ein spanisches Landhaus, in dem ein Studio eingerichtet wurde. Immer wieder besuchten ihn Freunde, Familie und Bandkollegen und die Songs nahmen langsam aber sich Form an.

Fragile Momente
„Wir haben einmal mehr den ganzen Computerkram weggelassen und alles analog aufgenommen, viel experimentiert und ausprobiert. Manche Nummern auf dem Album dauern sieben Minuten, andere sind kurz und bewusst poppig. Dieses Mal hat einfach alles seinen Platz.“ Ein akustisches Mahnmal für die Zeit im sonnigen und friedlichen Süden ist „Feuerwesen“. „Ein Freund und ich waren gemeinsam in Spanien und wollten einen Song schreiben. Die ersten vier Tage sind wir abends immer vor dem Kamin gesessen, haben über Gott und die Welt geredet, aber keinen Song niedergeschrieben. Irgendwann kam aber dieser kurze Moment, wo trotz all der Scheiße, die draußen und drinnen passiert, alles in Ordnung war. Wie wenn du als Kind in der Naturidylle mit dem Stock einen Bach entlanggehst. Dieser Moment ist verdammt fragil und nur kurz vorhanden, aber wir haben ihn auf ,Feuerwesen‘ sehr gut beschrieben und festgehalten.“

Joris hat nicht nur im Songwriting einen durchaus philosophischen Ansatz, er macht sich gerne Gedanken über das Leben, das Sein und das Werden. „Ich habe nach dem Erfolg des Debüts jedenfalls gemerkt, dass es immer Phasen gibt, wo man alles hinterfragt, wenn man seinen eigenen Weg geht. Die Fantasievorstellung davon, wo man irgendwann einmal sein wird, wird nie so eintreffen, wie gedacht. Ich habe gelernt, dass die stattdessen eingetroffene Realität mindestens genauso schön ist wie die angedachte. Deshalb beginnt das Album auch mit dem Song ,Kommt schon gut‘. Der Slogan ist nicht platt, sondern zeigt, wohin ich gehe. Es tut gut für sich eine Gewissheit zu haben, dass der Weg, den man mit Liebe und großem Herzen beschreitet, am Ende immer der richtige ist.“

Gemeinschaftlichkeit
Live ist Joris übrigens am 5. November im Wiener WUK zu sehen. Für ihn eine ganz besondere Show. „Da ich in Deutschland so großen Erfolg habe, ist das WUK bei Weitem der kleinste Laden auf der ganzen Tour und gerade deshalb so toll. Es wird ein warmes, intensives und intimes Konzert, was uns ungemein beflügeln wird.“ Die Bühne per sieht Joris dennoch als Möglichkeit, um Humanismus zu verbreiten. „Auf meine Konzerte kommen Menschen jeden Alters, jeden Geschlechtes und jeden Glaubens und wir alle feiern gemeinsam den Abend. Ich weiß, dass wir alle zusammengehören und sich die Menschen auch bei Rockfestivals in den Arm nehmen. Beim Highfield-Festival spielte ich vor rund 40.000 Fans nach den Rockern von Wolfmother und trotzdem haben wir alle den Moment zelebriert. Es ist egal, welche Musik jemand macht, denn am Ende vereint sie uns.“

Karten für Joris am 5. November im Wiener WUK gibt es unter www.jorismusik.de.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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