Do, 19. Juli 2018

Arena Open Air

26.06.2018 09:57

Interpol: Routine gesucht, gewisses Etwas gefunden

Das Wetter hat diesmal gehalten: Nachdem Interpol ihren Arena-Gig im Vorjahr nach nur wenigen Nummern aufgrund eines Sturms abrechen mussten, hatte die US-amerikanische Indieband am gestrigen Montag mehr Glück - und natürlich ihre Fans. Der Auftakt zur Welttournee, die das neue Album „Marauder“ begleitet, ging solide über die Bühne. Es war auch eine Suche nach Routine und dem gewissen Etwas.

Das merkte man zuallererst an der Abstimmung, die beim kurz nach 21 Uhr begonnenen Konzert anfangs noch etwas in der Luft hing. Sänger und Gitarrist Paul Banks sowie sein saitenschwingender Kompagnon Daniel Kessler zeigten sich bei „Not Even Jail“ zurückhaltend, während Drummer Sam Fogarino in stoischer Manier die Felle bearbeitete. Wie schon in den vergangenen Jahren wird das Trio von Brandon Curtis an den Keyboards und Bassist Brad Truax begleitet.

Seltenes Gut
Ihnen allen ist eine gewisse Gelassenheit eigen, die man schon als lässige Pose deuten könnte - wäre da nicht der unbedingte Fokus auf die Musik. Denn je länger das Gebotene dauerte, umso ungezwungener und überzeugender wurde es. Spätestens beim lange in keine Setlist geschummelten „The Scale“ war man dann auf Betriebstemperatur und auch die knapp 1.800 Anhänger im Open-Air-Gelände der Arena angekommen. Auch Banks‘ wenige, dafür sehr amüsante Ansagen taten das Ihrige: „Den Song haben wir lange nicht gespielt - seit einer Minute.“

Denn so melancholisch und schwermütig die Interpol-Stücke oft daherkommen, wohnt ihnen doch ein dezent optimistischer Zauber inne. Da konnte der Sänger noch so statisch seine Gesangslinie in die Nacht schicken, während Kessler immer wieder tänzelnd den Bühnenrand und damit Kontakt zu den ersten Reihen suchte. „Es ist etwas Besonderes, im Freien zu spielen“, hatte er vor dem Auftritt im APA-Interview betont. „Es gibt einfach eine Spontanität, die du sonst nicht hast.“

Neues und Altes
Die lag heuer jedenfalls nicht in Blitz und Donner (Kessler über die Absage im Vorjahr: „So etwas ist uns eigentlich noch nie passiert.“), sondern im Erfühlen einer gemeinsamen Sprache begründet. Hie und da gab es plötzliche Wechsel, amüsierte sich Banks über ein „Alternatives Ende“ oder überzeugte eben das neue, Ende August erscheinende Material. Die erste Single „The Rover“ konnte jedenfalls ohne weiters mit alten Klassikern wie „The Heinrich Maneuver“ mithalten.

In eine ähnliche Kerbe schlug „Now You See Me At Work“, ansonsten muss man sich aber noch gedulden, um den „Marauder“ (also Plünderer) näher kennenzulernen. Dabei hätten sich Songs wie der wunderschöne Albumopener „If You Really Love Nothing“ bestens für den beinahe schon intimen Arena-Abend angeboten. Für die Band war die Arbeit am mittlerweile sechsten Album jedenfalls besonders, hat man sie im Vorjahr doch für die Jubiläumstour zum Debüt „Turn On The Bright Lights“ unterbrochen. „Es war, als ob wir ein Lesezeichen in ein Buch legen und es einige Zeit in Ruhe lassen“, so Kessler. „Dann sind wir zu den Stücken zurückgekehrt. Letztlich war es ein guter Test.“

Schöne Ungewissheit
Sagen Musiker natürlich gerne, aber man darf es ihm durchaus glauben. Die 13 Songs der im Sommer erscheinenden Platte haben oft eine Direktheit und Energie, die man auf den beiden Vorgängern etwas vermisste. Natürlich sind Interpol keine Rockband der großen Geste und ausschweifenden Exaltiertheit. Aber das Trio (bzw. live Quintett) kann durchaus anpacken. Das erste Herantasten an neue Stücke im Livekontext sei trotzdem gar nicht so einfach. „Du willst ja nicht zu viel in die Reaktionen hineinlesen“, gab sich Kessler zurückhaltend. „Es ist speziell, mit einem Album zu touren, das noch gar nicht da ist. Es fühlt sich an, als ob du ein Boot in See stechen lässt und dann schaust, was passiert.“

Nach langem Feilen in Proberaum und Studio braucht es natürlich erst wieder einen Rhythmus. Wie pointiert Interpol versteht, in diesen hineinzugleiten, machte spätestens das Hit-Doppel „Evil“ und „Slow Hands“ deutlich - aus allen Kehlen mitgeschmettert, von den Musikern mit breitem Grinsen dargeboten. Da vergaß man auch auf die minimalistische, aber äußerst effektvolle Lichtshow, sondern konnte sich ganz dem Moment hingeben. Wie meinte Banks recht früh: „Good news about the weather.“ Ja, und auch gute Nachrichten zu Interpol: Eine der prägendsten Indiebands der vergangenen Jahre ist zurück und immer noch relevant.

APA/Christoph Griessner

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