Mi, 12. Dezember 2018

Neues Album „Golden“

07.04.2018 07:00

Kylie Minogue hat nun den Weg zum Country gefunden

Einmal setzt sie sich sogar einen glitzernden Cowboy-Hut auf: Als Kylie Minogue vor zwei Wochen im Berliner Techno-Verlies Berghain ihre neuen Songs vorstellt, greift sie sich feixend das ultimative Country-Utensil aus dem Publikum - und zwar mit Vorsatz. Denn ihr 14. Album „Golden“ setzt ganz auf Honkytonk, Jeans-Combo und Lederboots.

Das hat die wenigen Hundert Fans - zum Großteil Männer - in den heiligen Hallen des Electro-Hardcore aber nicht gestört. In ihren Augen kann Kylie machen, was immer sie will. Für sie bleibt die Australierin wohl eine Popikone, wie auch immer der Sound ist, mit dem sie sich wenige Wochen vor ihrem 50. Geburtstag (am 28. Mai) neu definiert.

Wankelmütige Single
Jetzt also: Redneck-Sound. Mit dem Album-Opener „Dancing“ führt Kylie ihre Hörer erstmal ganz sanft an ihren neuen Stil heran. Zwar wird der Song getragen von Stampf-Beat und dem Glamour-Pop, für den sie in ihrer rund drei Jahrzehnte dauernden Karriere bekannt geworden ist. Doch sind das im Hintergrund etwa ein Banjo und Fingerschnipser? Fans hätten sich von einem Kylie-Track mit dem Titel „Dancing“ sicher etwas saftigeres als Volkstanz im Discoschuppen gewünscht. So fällt die Vorab-Single leider auch weit hinter Vorgänger wie „Can‘t Get You Out Of My Head“ oder „All The Lovers“ zurück.

Andererseits kann man ihr auch nicht vorwerfen, sie komme auf „Golden“ als Johnny-Cash-Apologetin mit „Ring Of Fire“-Sound daher. Dazu versteht sie sich zum Glück noch als Popsängerin, die seit jeher auf den Dancefloor schielt. Doch tauchen bei Kylie diesmal auch ungewöhnlich häufig Mitmach-Claps und Background-Uuh-Aahs auf. Manch Truckerfahrer wird sicher gern den Beat von Squaredance-Nummern wie „One Last Kiss“ oder „Stop Me From Falling“ mit dem Daumen auf dem Lenkrad mitklopfen.

Alle nach den Regeln
Country ist ein musikalisches Phänomen, das sich in den vergangenen Jahren vermehrt großer Beliebtheit erfreut - auch bei Künstlern, die bisher nur wenig damit zu tun hatten. In einer sich immer weiter zerfleddernden Popwelt steht die Musik mit seinem geografischen Fixpunkt im ländlichen Amerika und konstanter Fanbasis als Erfolgsgarant. Kylie ist nicht die erste, die das erkennt. Und so wird „Golden“ ganz nach Genreregeln vermarktet: Ihre Platte hat sie - natürlich - in Nashville aufgenommen, dem Country-Mekka im US-Südstaat Tennessee. Manch einer könnte meinen, Kylie habe mit all diesem Americana-Bohei nun doch etwas zu dick aufgetragen.

Doch wäre sie nicht Australiens Musik-Export Nummer eins, wenn sie mögliche Kritiker mit ihrem einnehmenden Reiz verstummen ließe. Denn Kylie ist weit mehr als ihre Musik. Sie scheint der Beweis zu sein, dass auch eine Popikone ohne die im Geschäft eigentlich nicht unüblichen Skandale, Gemeinheiten oder Sticheleien auskommen kann. Selbst das für Kylies Verhältnisse ungewöhnlich öffentlich ausgetragene Beziehungsende zu ihrem 19 Jahre jüngeren Verlobten Joshua Sasse vor rund einem Jahr überstand sie ohne weitere Blessuren. Dass der britische Schauspieler auch anderen Frauen nicht abgeneigt gewesen sein soll, ist sogar Teil der neuen Geschichte: „Als ich 2017 dann mit den Arbeiten an dem Album begann, war es nicht nur eine Fluchtmöglichkeit, sondern auch eine Art Erlösung“, lässt sie über ihre Motivation verbreiten. „Ich hatte eine harte Phase hinter mir und war sehr zerbrechlich.“

Es ginge besser
Wer durch „Golden“ hört, stößt immer wieder auf Stellen, die das hervorheben. So heißt es im wirklich reizvollen Upbeat-Saloon-Dengler „A Lifetime To Repair“: „Wenn ich noch ein Mal verletzt werde, brauche ich ein Leben lang, das zu reparieren.“ Die Platte hat einige solcher Tracks aufzuweisen, die in die Beine gehen und Spaß machen. Andere wieder sind so austauschbar wie überflüssig. Als Albumrausschmeißer gibt es ein Duett mit Jack Savoretti, der es mit seinen zwei jüngsten Alben in die britischen Top Ten geschafft hat. Doch ist „Music‘s Too Sad Without You“ doch nur ein Tränendrüsen-Song mit viel Wehleid und wenig Tiefgang. Kylie hätte kurz vor ihrem 50. Geburtstag noch einmal zeigen können, warum sie zu den größten und dauerhaftesten Stars im Popgeschäft gehört. Doch ist „Golden“ leider nur Mittelmaß. Vielleicht beim nächsten Mal.

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